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Der Star ist die Mannschaft

Ein gut funktionierendes Team ist leistungsfähiger, kann besser Probleme lösen und Ziele erreichen als wenn seine Mitglieder einzeln arbeiten würden. Dies ist wissenschaftlich und in der Praxis erwiesen; so bei Trainer Jogi Löw mit seiner Fußball-Nationalmannschaft. Aber: Erfolgreiche Teams fallen nicht vom Himmel.

Rainer Gunkel

Versicherungsteams, Friseurteams, das Team vom Reisebüro: Team scheint offensichtlich „in“ zu sein. Auch in Unternehmen hat in den letzten Jahren der Teambegriff an Bedeutung gewonnen, wie bei Projektteams, Maschinenteams, Entwicklungsteams. Hintergrund dieser Entwicklung sind zusehends komplexer werdende betriebliche Aufgaben, die immer weniger individuell und in Einzelverantwortung bewältigt werden können. Es bedarf vielmehr Organisationsformen, in denen mehrere Spezialisten und unterschiedliche Experten die anstehenden Herausforderungen gemeinsam sachgerecht bewältigen können.

Aber nicht überall, wo Team drauf steht, ist Team drin. Während es sich bei Friseur- und Versicherungsteams häufig lediglich um eine schicke Bezeichnung für gewöhnliche Berufsgruppierungen handelt, gibt es auch im betrieblichen Umfeld den Begriff „Team“ in verschiedenen Bedeutungen. So wird er herangezogen, um ein harmonisches Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern oder zwischen Kollegen zu verdeutlichen. Gelegentlich wird auch Teamarbeit als Gegenstück zur sachbezogenen Organisation benutzt, nach dem Motto: „Wir brauchen keine Organisation, wir meistern alles in Teamarbeit.“

Was ist ein Team nun wirklich? Echte Teams, seien sie eine ständige Einrichtung oder nur von begrenzter Zeitdauer, unterscheiden sich von anderen Arbeitsgruppen durch folgende wichtige Kriterien:

· klar abgegrenzte Verantwortung mit entsprechendem Handlungsspielraum,

· relative Selbstbestimmung und Entscheidungskompetenz vor Ort,

· gemeinsame Zielsetzung (messbar oder zumindest beobachtbar),

· Selbstkontrolle der eigenen Produktivität,

· keine formalen hierarchischen Unterschiede,

· Auftritt nach Außen als Einheit,

· Abhängigkeit der Teammitglieder voneinander im Innenverhältnis.

Hoher Anspruch an die Teamarbeiter
Derartige echte Teams sollten eigentlich eine hohe Anziehungskraft auf die Mitarbeiter ausüben, versprechen sie doch für den Einzelnen mehr Mitsprache, größeren Gestaltungsspielraum, gemeinsame Erfolgserlebnisse und ein gesteigertes „Wir-Gefühl“. Aber die Erfahrung zeigt, dass sich bei Weitem nicht jeder Mitarbeiter in einem echten Team gut aufgehoben fühlt. Mittlerweile hat sich nämlich herumgesprochen, dass das Arbeiten im Team gar nicht so einfach ist.

Damit Teams funktionieren, müssen die einzelnen Mitglieder eine Reihe von Anforderungen erfüllen:

· Beim Vertreten eigener Interessen müssen sie darauf Rücksicht nehmen, welche Auswirkungen die eigenen Aktivitäten auf das Arbeitsergebnis, auf die anderen Teammitglieder sowie die Gesamtorganisation haben könnten.

· Im Team sind gemeinsame Ziele als wichtiger zu akzeptieren als das Durchsetzen eigener Zielvorstellungen.

· Teamerfolg ist höher zu bewerten als der persönliche Erfolg.

· Teamarbeiter sollten in der Lage sein, offen zu kommunizieren und konsensfähig zu argumentieren ohne auf selbstständiges Denken zu verzichten.

· Benötigt wird die Fähigkeit, mit Kritik an der eigenen Person konstruktiv umzugehen und die Vorschläge anderer konstruktiv aufzunehmen.

· Gemeinsam aufgestellte Regeln sind nicht nur zu beachten, sondern deren Einhaltung ist auch bei den Kollegen einzufordern.

· Teamplayer sind dazu bereit, vorbehaltlos Mehr-Wissen, Erfahrungen und individuell erarbeitete Problemlösungen an die übrigen Teammitglieder weiterzugeben.

Dieser Katalog macht deutlich, welche anspruchsvollen Anforderungen an die Träger der Teamarbeit gestellt werden. Dass das nicht jedem Mitarbeiter liegt, ist durchaus nachvollziehbar.

Synergieeffekt bietet viele Chancen
Hat sich aber ein Team gefunden, dann ergeben sich eine Menge Chancen für den Betrieb und die Teammitglieder. So ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen, dass etwa ein Team mit sechs Mitgliedern gegenüber der arbeitsteiligen Einzelarbeit von sechs Individuen in der Leistungsfähigkeit, im Problem lösen und Ziel erreichen grundsätzlich überlegen ist. Dieser synergetische Teameffekt wird häufig auch mit der Formel 3 + 3 = 8 dargestellt. Das ist keine mathematische Spielerei, sondern immer wieder in der Praxis nachgewiesen worden.

Die Gründe für den Synergieeffekt sind: Das im Team verfügbare Spektrum an Kenntnissen, Spezial- und Expertenwissen sowie das große Reservoir an Ideen und Erfahrungen können auf direktem Wege genutzt werden. Die Zusammenarbeit verschiedener Know-how-Träger beugt zudem der Gefahr vor, dass wichtige Detailprobleme nicht angemessen beleuchtet oder nur aus einseitigem Interesse berücksichtigt werden. Kurze und direkte Kommunikationswege unterstützen die gegenseitige Anregung und Weitergabe von Know-how. Lernbereitschaft und Kreativität der Teammitglieder werden somit ständig gefördert. Und quasi als „Sahnehäubchen“ der oben beschriebenen Zusammenhänge entwickelt sich im Team ein höherer Grad an Motivation.

Es wäre blauäugig zu glauben, man stelle ein Team zusammen und dieses funktioniert dann vom ersten Tag an. Nein, Teams durchlaufen Entwicklungsphasen, bis sie ihre volle Leistungskraft entfalten. In der Orientierungsphase tasten sich die Beteiligten vorsichtig ab. Wer ist mit im Boot? Was darf ich hier? Wer hat hier etwas zu sagen? Daran schließt sich die Konfrontationsphase an, die Teilnehmer suchen nach der eigenen Position, bauen Beziehungen auf und ringen um den persönlichen Einfluss. Die dritte Phase ist die Organisationsphase. Teamstrukturen, Regeln und Verfahrensweisen bilden sich heraus, es wird wieder mehr auf Konfliktvermeidung geachtet und die Beziehungen versachlichen sich. In der letzten Phase der Entwicklung, der Realisierungsphase, hat sich das Team zur Geschlossenheit durchgerungen und ist herangereift zur synergetischen Aufgabenlösungseinheit; erst jetzt können Teams ihre Vorteile gegenüber anderen Formen der Arbeitsteilung ausspielen. Betriebe tun gut daran, bei eventuellen Zeitvorgaben diesen mehrphasigen Prozess mit einzukalkulieren.

Funktionierende Teams fallen nicht wie „Manna“ vom Himmel, sondern müssen sich erst entwickeln. Gelingt dies, dann können wir die oft spöttisch gemeinte Teamdefinition „Toll Ein Anderer Macht“s“ ersetzen durch das überzeugende Motto: „Im Team arbeiten heißt: Toll Endlich Alle Miteinander“.