Archiv Papiertechnik

Urlaubsträume auf Papier

Ansichtskarten zeigen oft, was typisch für eine Region ist.

Totgesagte leben länger: Trotz Internet und SMS – die Urlaubspostkarte lebt. Und wie! Ob als klassische Karte mit Trauminselmotiv samt Sonnenuntergang oder als Urlaubsgag im außergewöhnlichen Format: Millionen Grüße aus aller Welt „reisen“ in den Sommermonaten nach Deutschland.

Verena Manek

Sommer, Sonne, Ferienzeit – und natürlich auch Postkartenzeit. Rund 18 Millionen Karten aus aller Welt bearbeiten die Mitarbeiter im Internationalen Postzentrum am Rhein-Main-Airport allein in den klassischen Urlaubsmonaten Juni bis August. Von Sommerloch keine Spur. Im Knotenpunkt für alle internationalen Postsendungen mit Ziel Deutschland herrscht wieder Hochbetrieb.

Durchschnittlich bearbeiten die Postler täglich etwa 2,4 Millionen Briefe, 8.000 Pakete und 7.200 Päckchen. In der Sommerzeit können an Spitzentagen täglich leicht noch einmal bis zu 500.000 Urlaubspostkarten dazukommen. Über das gesamte Jahr sind das rund 63 Millionen Urlaubsgrüße aus aller Welt, die in Frankfurt sortiert und weitergeleitet werden.

Bunt und exotisch, schrill und grell: Ansichtskarten aus allen Winkeln der Erde „reisen“ nach Deutschland ein. Aber: „Der größte Teil kommt aus den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen wie Spanien, der Türkei und Italien“, so Thorsten Sommer, Teamleiter Logistik beim Internationalen Postzentrum.

Der Geschmack in Sachen Ansichtskarten hat sich seiner Beobachtung nach in den letzten Jahren verändert. „Im Trend liegen ganz klar ausgefallene Formate“, stellt Sommer schon seit einiger Zeit fest. Ob Ballermann-Schnappschuss oder Namibia-Safari: Die Urlaubseindrücke sollen offenbar so plastisch wie möglich übermittelt werden, ist sein Eindruck. „Aus Portugal und Sardinien erreichen uns häufig Karten aus Kork. Auch der klassische Bierdeckel ist nicht totzukriegen, und neuerdings gibt es immer öfter Urlaubsgrüße auf Muscheln, gerade aus den Mittelmeerländern“, verrät Sommer. Für die Mitarbeiter der Post bedeuten die lustigen Formen zusätzliche Handarbeit. Denn die ausgefallenen Sendungen müssen per Hand sortiert werden. Karten in gängigen Formaten werden dagegen flugs per Maschine bearbeitet und sind deshalb schneller bei ihren Empfängern.

Trotzdem: Die klassischen Urlaubspostkarten sind bei weitem in der Überzahl. Oft mit Landschaftsaufnahmen oder auch landestypischen Bildern. Aus England etwa sind Portraits der königlichen Familie sowie die roten Doppeldeckerbusse und markanten Telefonzellen beliebte Motive.

„Eine Postkarte erfordert fast das gleiche redaktionelle Know-how wie die Herstellung eines Reiseführers. Entscheidend ist in beiden Fällen, die richtigen Motive auszuwählen: Zum Beispiel, was ist wichtig in einer Stadt oder einer Region, was kann der Tourist vor Ort erleben oder sehen. Wir zeigen die Highlights, die Objekte, die für den Reisenden den höchsten Erkennungs- und Erinnerungswert haben“, heißt es beim Schöning-Verlag, dem Marktführer für Ansichtskarten in Deutschland. Seit dem Jahr 1919 produziert der Verlag mit Sitz in Lübeck Postkarten, Reiseführer, Kalender und andere ortsbezogene Souvenirs im eigenen Haus. Sein Motto: Deutschland ist schön, wir zeigen es. Schöning verfügt über eine der wahrscheinlich größten aktuellen Foto-Sammlungen zum Thema „Deutsche Reisefotografie“, mit fast 75.000 Aufnahmen von Profi-Fotografen. Die eigene Agentur bearbeitet die Fotos, fügt blauen Himmel, bunte Blumen und leuchtende Farben technisch ein und gestaltet Texte. Von der Agentur geht es dann direkt auf die Druckplatte. Die hauseigene Druckerei druckt die Karten im Offset-Verfahren auf hochwertigem Karton in zwei Stärken: 280 und 330 g/m2. Nach dem Druck wird dann noch hochglanzlackiert. Das macht die Farben leuchtender und schützt das Material vor Wettereinflüssen – denn die aus den Druckbögen geschnittenen Ansichtskarten stehen draußen vor den Läden, wo der Tourist sie sehen und kaufen kann. Was er am liebsten auswählt? Dazu meint Boris Hesse, Geschäftsführer des Schöning-Verlags: „Einbildkarten finden die meisten am schönsten, sie kaufen aber häufig Mehrbildkarten, da sie die Empfänger möglichst umfassend über ihren Urlaubsort informieren möchten.“ Und die neuesten Trends? „Häufig werden mehrere Karten gekauft. Und der Kunde, vielmehr die Kundin, denn Frauen kaufen häufiger Ansichtskarten, greift noch zu anderen Souvenirs, etwa Büchern oder Kalendern“, bemerkt Hesse. Beliebt seien bei den Ansichtskarten beispielsweise Lentikular-Karten, umgangssprachlich Wackelbilder genannt. Auch hier wird übrigens Karton für die Rückseite verarbeitet, denn sie muss ja beschreibbar sein.