Archiv Papiertechnik

Liebes Tagebuch!

Rund 900 Texte lagern im bisher einzigen Tagebucharchiv Deutschlands in Emmendingen. Die Bandbreite der Memoiren ist enorm: Der älteste Text stammt aus dem Jahr 1793, einer der aktuellsten Beiträge ist das Tagebuch eines HIV-Infizierten.

Dr. Christina Kreibich, UPM

Im modernen Medienzeitalter können Leute, die den Wunsch hegen, sich der Welt mitzuteilen, ihre Erlebnisse ins Internet stellen. Über Web-Tagebücher, so genannte „Weblogs“, ist es Selbstdarstellern problemlos möglich, unzensiert zum Beispiel über den Wachstumsstatus ihrer Radieschen im Garten zu berichten. Weltweit existieren nach Angaben des US-Blogger-Magazins „Blog Herald“ mindestens 80 Millionen derartiger Weblogs, rund 300 000 davon allein in Deutschland.

Die klassische Variante
Doch es gibt auch Zeitgenossen, die zwar durchaus über ein persönliches Mitteilungsbedürfnis verfügen, allerdings nicht so extrovertiert und technikbegeistert sind. Diese Menschen vertrauen sich eher einem klassischen Tagebuch an und bannen ihr Gedankengut auf Papier. Es ist interessant zu beobachten, dass die Verfasser von Tagebüchern dabei die unterschiedlichsten Absichten verfolgen. Für diejenigen, die ihre Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen der Nachwelt sichern möchten, gibt es seit 1998 ein spezielles Archiv im südbadischen Emmendingen (www.tagebucharchiv.de).

Hier werden private Tagebücher, Lebenserinnerungen, Briefwechsel sowie Haus- und Hofbücher aus dem gesamten Bundesgebiet sorgfältig gesammelt und archiviert. Persönliche Lebenszeugnisse sind auf diese Weise für die Wissenschaft und die Allgemeinheit zugänglich. Jeder Interessierte kann seine autobiographischen Texte abgeben. Rund 900 Texte lagern im bisher einzigen Tagebucharchiv Deutschlands. Die Bandbreite der Memoiren ist äußerst groß: Während es sich beim ältesten Dokument um die Kopie eines Textes aus dem Jahr 1793 handelt, ist einer der aktuellsten Beiträge das „Tagebuch eines Sterbenden“, das ein HIV-Infizierter an das Emmendinger Archiv geschickt hat.

„Kleine Leute“ – große Gefühle
Wenn man die zahlreichen Texte, die in teils schnörkeliger, kantiger und oft auch rührend unbeholfener Schrift wie Mosaiksteinchen vom Leben ihrer Verfasser Zeugnis ablegen, genauer sichtet, erkennt man unweigerlich, dass häufig Krisen, Umbrüche und Schicksalsschläge zum Motor und Antrieb des Tagebuchschreibens wurden. Kriegsmemoiren, Feldpost-Korrespondenzen, Berichte über Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft bilden daher einen speziellen Schwerpunkt des Archivs.

Schülerleben – einst und heute
Reizvoll kann auch der Vergleich von Jugendtagebüchern sein. Im Jahr 1838 beklagte sich ein 15-jähriger Schüler über die liebe Not, die ihm Homer-Lektüre bereitete: „So wurde nun auch heute Morgen der arme Homer recht philosophisch-dumm tractirt; so dass ich von solcher Langeweile geplagt wurde, dass ich nicht wusste, was ich alles anfangen sollte und unter allerlei dummem Zeuge dem Hl. Rector einen Papierstöpsel an den Kopf schnellte, worüber der nicht wenig betroffen war.“

Eine 15-Jährige formuliert hingegen im Jahr 1986, also rund 150 Jahre später: „Mittwoch war der schwärzeste Tag dieses Jahres! Mir war so schlecht aus Angst vor der Mathearbeit und auch so, weil ich erkältet bin. In meinen Kopf wollte nichts rein. Panik brach natürlich aus. Heute in der 2. Stunde war es soweit. Jede Aufgabe angefangen und kein eindeutiges Ergebnis! Ich kriege bestimmt „ne 6. Aber sie war so schwer. Mir wäre es, ehrlich gesagt, gar nicht so brutal ernst, wenn ich „ne 6 kriegen würde. Mama und Papa sagten, ich sollte es versuchen, wenn“s nichts wird, wird“s halt nichts. Nun hoffe ich ja doch, dass es nicht gerade „ne 6 wird.“

Geschichte, die das Leben schreibt
Als Schatzkammer für in Vergessenheit geratene Biographien ist das DTA auch für die Wissenschaftler der Universität Freiburg eine wahre Fundgrube. Im Rahmen verschiedenster Forschungsprojekte werden die unterschiedlichsten Themen recherchiert – von Reisetagebüchern über Kriegserinnerungen bin hin zu Briefwechseln zwischen Vater und Sohn, Enkelin und Großmutter etc., wodurch bestimmte zwischenmenschliche Beziehungskonstellationen beleuchtet werden.

In jedem Fall werden sowohl die mit der spannenden Materie befassten Wissenschaftler als auch die interessierten Besucher des Archivs Oscar Wilde Recht geben, der sich über das Faszinosum Tagebuch wie folgt geäußert hat: „Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben.“