Archiv Papiertechnik

Klebende Leidenschaft

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach rettet die Nachlässe berühmter Schriftsteller vor dem Verfall. Dabei sind auch Seiten, in die mit Klebestreifen zum Beispiel Blüten und Insekten eingeklebt wurden.

Gunnar von der Geest

Ein besseres „Alten- und Pflegeheim“ hätten sich Millionen von beschriebenen beziehungsweise bedruckten Blatt Papier nicht aussuchen können. Im renommierten Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) lagern historische Sammlungen, deren Wert kaum zu beziffern ist. Die relative Luftfeuchtigkeit in den klimatisierten Kellerräumen beträgt zwischen 50 und 55 Prozent, die Temperatur 18 Grad. Niemals würden die Wissenschaftler des DLA ihre Schätze schädigendem UV-Licht, Feuchtigkeit oder anderen Umwelteinflüssen aussetzen. Und doch nagen nahezu unsichtbare „Feinde“ an den kostbaren Beständen: Klebestreifen. Manche Aufzeichnungen, zum Beispiel in Tagebüchern, sind mit getrockneten Blüten, Blättern oder Insekten verziert und anschließend mit Klebestreifen fixiert.

Manuela Reikow-Räuchle, Diplom-Restauratorin und Projektmitarbeiterin am DLA, schaut konzentriert auf den vor ihr liegenden Stapel Papier und hebt mit dem kleinen Metallspatel ganz vorsichtig eine Manuskriptseite hoch. „Klebebänder haben die Eigenschaft, dass sie nicht mit Anstand altern“, sagt sie lächelnd. „Häufig schädigen sie Papier und Schrift.“ Verantwortlich ist hierfür die Zusammensetzung der Klebstoffe: So basieren alte Klebmassen auf Naturkautschuk. Im Alterungsprozess verflüssigen sie sich zunächst, verlacken dann und werden schließlich braun. Neuere Massen auf Acrylatbasis sickern oftmals ins Papier und machen es transparent. Die enthaltenen Weichmacher können dazu führen, dass Farben ausbluten oder wandern und Schriften deshalb schlecht lesbar werden. Ein großes Problem sind auch freiliegende Klebmassen, die unter dem Träger hervor wandern und Seiten von Manuskripten oder Tagebüchern miteinander verklebt haben. Experten bezeichnen dies als „cold flow“.

In Archiven rund um den Globus – von Literatur- über Musikalien- bis zu geografischen Karten-Sammlungen – befinden sich riesige Kulturschätze. Zum Teil sind auf den Papieren dann Klebestreifen, als Bestandteil des Werkes oder zur Reparatur von eingerissenen Seiten verwendet.

Chirurgischer Eingriff mit ruhiger Hand
Mit chirurgischer Akkuratesse trennen die Restauratoren die verklebten Seiten voneinander. „Hierfür sollte man eine ruhige Hand haben und reichlich Geduld mitbringen“, schildert die Expertin Reikow-Räuchle ihre Sisyphusarbeit. Im weiteren Verlauf wurde zwischen die einzelnen Bögen eine doppelseitig beschichtete Silikonfolie gelegt, um das erneute Verkleben zu verhindern. Ein druckfreies Lagerungssystem in Kassetten sorgt nun dafür, dass sich die einzelnen Blätter weder gegenseitig beschweren noch Pflanzen und Insekten zerdrückt werden oder herausfallen können.

In der Zwischenzeit hat die tesa SE im eigenen Forschungszentrum die verwendeten Klebstoffe beziehungsweise Trägermaterialien und deren Alterungsprozesse genau analysiert. Dabei gingen die Wissenschaftler ähnlich wie Kriminalisten vor. Aus einer minimalen Probenmenge lässt sich nämlich der „Fingerabdruck“ jeder Klebmasse ermitteln. Die Daten sind eine wichtige Grundlage für die Herstellung diverser Alterungsproben. Das sind Papiere samt Klebestreifen, die den von den Schriftstellern verwendeten ähnlich sind und in speziellen Öfen bei 40 beziehungsweise 60 Grad sowie anschließend unter UV-Bestrahlung künstlich gealtert werden. Von der Kooperation mit tesa versprechen sich die Mitarbeiter des Deutschen Literaturarchivs insgeheim auch, ein Klebeband zu finden, das archivtauglich ist und mit dem abgelöste Klebestellen wieder fixiert werden können. „So etwas wäre ein Segen für alle Restauratoren weltweit.“

Doch die Lösung eines großen Problems schließt keineswegs ein neues aus. Denn: Die erst kürzlich für diesen Zweck entwickelten Silikon beschichteten Trennfolien haben noch nicht ihren jahrzehntelangen Archiv-Belastungstest bestanden. Aber die eifrigen Klebeforscher aus Hamburg arbeiten bereits daran, dass diese spezifische „Nachlass-Fähigkeit“ garantiert nicht nachlässt…

Manuela Reikow studierte von 1995 bis 1999 in Stuttgart „Restaurierung von Grafik-, Archiv- und Bibliotheksgut“. Den Abschluss zur Diplom-Restauratorin machte sie an der renommierten Albertina in Wien. Zu ihren spektakulärsten Aufgaben zählte 2004 ein „Notfall-Einsatz“ nach dem Brand der berühmten Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Die damalige restauratorische Leiterin des Leipziger „Zentrum für Bucherhaltung“ (ZFB) half, rund 15 000 vom Löschwasser durchnässte Bücher zu retten. Dabei wurde – ähnlich der Produktion von Instant-Kaffee – das Wasser durch Gefriertrocknen entzogen.