Archiv Papiertechnik

Gut aufgestellt

Die Alfelder Papierfabrik hat sich in ihrer 300 Jahre langen wechselvollen Geschichte nicht nur behauptet, sondern zu einer großen, interessanten Produktionsstätte innerhalb eines Weltkonzerns entwickelt.

HLD

Produziert werden heute hochwertige graphische Papiere und eine große Anzahl von Spezialpapieren. Eine Besonderheit ist die trotz vieler Widrigkeiten der letzten Jahrzehnte immer noch bestehende eigene moderne Zellstofffabrik. Sie stellt chlorfrei gebleichten Sulfitzellstoff, der für graphische Papieren vorteilhaft ist, für die eigene Papierproduktion zur Verfügung. Nur vier Fabriken in Deutschland produzieren noch eigenen Zellstoff, nachdem die ursprünglich als unlösbar angesehenen Umweltprobleme auch dank Alfelder Initiativen gelöst wurden.

Die Firmengeschichte begann am 8. Juli 1706, als die Stadt Alfeld das Recht zum Bau einer Papiermühle am Stadtgraben an den Papiermeister Herman Spies verlieh. Die an dem kleinen Bach Warne gelegene Papiermühle ging 1708 in Betrieb. Produziert wurden etwa 5000 Blatt täglich, das mögen einige 100 Kilogramm gewesen sein. Durch „Wasserhinterziehung“ – Stau in Mangelzeiten und Verschmutzung durch andere Nutzer – wurde die Produktion schon sehr bald oft und nachhaltig behindert.

Nach mehrmaligem Besitzerwechsel pachtete im Jahr 1775 der schon länger in der Alfelder Papiermühle tätige Papiermacher Andreas Jordan Woge die Mühle vom Rat der Stadt Alfeld und kaufte sie am 2. April 1792. Mit ihm begann der Aufstieg zu einem angesehenen und später großen Betrieb. Im 19. Jahrhundert blieb die Papiermühle über mehrere Generationen in der Wogeschen Familie. 1851 wurde an einem neuen Standort, am Mühlengraben der Leine in Alfeld, wo die Fabrik noch heute liegt, eine Papierfabrik mit zwei Holländern und einer 1,35 Meter breiten Langsiebpapiermaschine errichtet. 1865 kauften die Gebrüder Woge die Gronauer Strohpappen-Mühle (20 Kilometer entfernt), errichteten dort eine Hadernaufbereitung und später eine Holzschleiferei. Noch später entstand dort auch eine Papierproduktion. Über Jahrzehnte brachte man Holzstoff per Pferdefuhrwerk nach Alfeld.

Von besonderer Bedeutung in der technischen Entwicklung war der Bau der eigenen Zellstofferzeugung nach dem Verfahren des Göttinger Professors Mitscherlich ab 1880. Die beiden 1882 und 1884 in Betrieb genommenen Kocher blieben bis zu einem Großfeuer 1922 in Betrieb. Man kann heute sagen, dass die Fabrik mit ihrer Produktion von graphischen Papieren und von Spezialpapieren auf zwei Beinen steht, aber mit der Zellstofffabrik noch über eine dritte, wertvolle Stütze verfügt. Bis 1967 wurde auch in der Gronauer Fabrik Papier erzeugt, dann wurde diese Fabrik zum Verarbeitungsbetrieb Landré umgestaltet. 1987 erwarb Hannover Papier die damalige Schwäbische Zellstoff AG, eine Zellstofffabrik für Marktzellstoff. Dort wurde eine neue moderne Papiermaschine mit Streichmaschine als Erweiterung der Alfelder Kapazität errichtet, weil der Platz in Alfeld nicht mehr ausreichte. Heute ist diese sehr wichtige ehemalige Tochter ein eigenständiges Werk im Sappi Konzern.

Verlässlicher Arbeitgeber
Schon am 12. August 1872 war die Alfelder Papierfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, die „Hannoverschen Papierfabriken Alfeld-Gronau, vormals Gebr. Woge“, eine der ersten Aktiengesellschaften in Deutschland. 1897 erzeugten rund 600 Mitarbeiter 10 Tagestonnen Zellstoff und 20 Tagestonnen Papier entsprechend vielleicht 3500 Jahrestonnen Zellstoff und gut 6000 Jahrestonnen Papier. Heute sind es etwa 1000 Mitarbeiter, die 115 000 Jahrestonnen Zellstoff und 350 000 Jahrestonnen Papier, rund zwei Drittel davon graphische Papiere und ein Drittel Spezialpapiere, herstellen. Immer war die Fabrik ein verlässlicher Arbeitgeber – einer der größten im südlichen Niedersachsen. Nach dem zweiten Weltkrieg bot sie auch vielen Ostdeutschen, die ihre Heimat verlassen mussten, Lohn und Brot. Im Jahr 1992 erwarb der südafrikanische Sappi-Konzern die Hannoverschen Papierfabriken. Zusammen mit den eigenen Werken in Südafrika und weiteren Zukäufen in Europa und Nordamerika ist Sappi heute ein führender Konzern der Papierbranche mit dem Schwerpunkt holzfreie gestrichene graphische Papiere und daneben der größte Produzent von Viskosezellstoff. Rund 16 000 Mitarbeiter, gut fünf Milliarden Dollar Umsatz und Kunden in über 100 Ländern sind ebenso Kennzeichen wie besondere Aktivitäten, zum Beispiel die Auszeichnung zum „Printer of the Year“. Im Schoße dieses Konzerns hat Sappi Alfeld GmbH, die 300 Jahre alte Alfelder Papierfabrik, ihren festen Stand.

Technische Spitzenleistungen
Es gibt eine ganze Anzahl technischer Spitzenleistungen in der Geschichte der Alfelder Papierfabrik. Neben der Nutzung innovativer Techniken mit dem Aufkommen der industriellen Produktion, zum Beispiel von Holzschleifern und Papiermaschinen, der Zellstofferzeugung in direkter Lizenznahme vom Erfinder und einer Spritfabrik aus Ablauge der Zellstoffproduktion (1937 bis 1974), sind es in jüngster Zeit die Inbetriebnahme der damals größten europäischen Streichmaschine für holzfreie Sorten im Jahr 1980, die völlig chlorfreie Zellstoffbleiche 1990 und die Produktion von graphischem TCF-Papier (Total Chlo- rine Free) als weltweit erster Produzent sowie bedeutende Entwicklungen zum Umweltschutz. Bei den Spezialpapieren ist Alfeld ein führender Lieferant und entwickelt permanent neue Sorten.

Sappi Alfeld wird am 8. Juli 2006, genau 300 Jahre nach der Gründung, das Jubiläum in einem Festakt würdig begehen. Begleitend dazu gibt es das ganze Jahr über Veranstaltungen in der Stadt Alfeld, die Bezug zum Papier und zur Papierfabrik haben.