Archiv Papiertechnik

Faszination Faltflieger

Viele denken beim Wort „Papierflieger“ an ihre Schulzeit. Für manche sind die kunstvoll gefalteten Bögen indes ein ernsthaftes Hobby, bei dem es sogar um Rekorde geht. Dabei zählt die Flugdauer, die Länge und auch das Aussehen des Flugobjekts.

Gunnar von der Geest

Ein Spielzeug, das problemlos selbst hergestellt werden kann, zumeist nur einen Cent pro Exemplar kostet und trotzdem jede Menge Spaß macht: Es gibt wohl kaum etwas, das mit einem Papierflieger mithalten kann. Bis heute weiß niemand genau, wer wann und wo das erste Modell gebaut hat. Da die frühesten Papierfunde in China auf die Zeit zwischen 180 und 50 vor Christus datiert werden, liegt es nahe, dass dort auch Neugier und Spieltrieb der Menschen aus einem Stück Papier „prähistorische“ Faltflieger haben entstehen lassen. Bemerkenswert ist indes, dass die erste Erwähnung von Origami-Flugobjekten in Japan auf das 17. Jahrhundert zurückgeht. Bereits zuvor machten sich Gelehrte in Europa kleine Flugzeuge aus Papier zunutze, um deren Eigenschaften zu studieren. Als Urvater der Papierfliegerei gilt Leonardo da Vinci (1452–1519). In einem seiner Arbeitshefte, „Codices“ genannt, vermerkt er beispielsweise: „Lasse morgen verschieden geformte Körper aus Pappe von unserer Landungsbrücke aus in die Luft schweben und zeichne dann die Figuren und Bewegungen, welche jeder beim Niedergehen in verschiedenen Abschnitten seiner Gleitbewegung macht.“ Von Leonardo da Vinci stammt der Entwurf eines Gleitfliegers, der stark an einen Papierpfeil erinnert.

Vielfalt der Falttechnik
Ein wesentliches Merkmal der aus einem, manchmal auch aus mehreren Blättern Papier hergestellten Faltflieger sind ihre möglichst dünnen Tragflächen, die förmlich die Luft durchschneiden. Profile, wie sie sonst im Flugzeugbau üblich sind, eignen sich aus physikalischen Gründen nicht für Papierflieger. Sofern die Objekte ausschließlich durch Falten entstehen und keinerlei zusätzliche Applikationen wie Klebefilm oder Briefklammern enthalten, nennen Experten diese Origami-Flieger oder Oriplane.

Die Flugeigenschaften werden insbesondere beeinflusst durch Papiersorte und -größe, Flügelform (Geometrie), Haltepunkt und Griff, Abwurfwinkel und -höhe sowie durch die Umgebung. Hierzu zählen Wind, Thermik und Luftfeuchtigkeit. Hinsichtlich der im Faltfliegerbau eingesetzten Papiersorten gibt es große Unterschiede. So eignet sich beispielsweise Kondensatorpapier (6–7 g/qm) hervorragend für ultraleichte Miniaturflieger. Seidenpapier (25 g/qm) sowie Durchschlag- und Luftpostpapier (30 g /qm) werden zur Herstellung leichter Faltflieger eingesetzt. Aus handelsüblichem Schreib-, Kopier- und Druckerpapier (70–80 g/qm) lassen sich bestens große „Schwalben“ bauen. Bögen mit noch höherer Grammatur sind allerdings nur bedingt zum Basteln brauchbar, da die Faltbarkeit nachlässt bzw. die Papiere eine vergleichsweise geringere Steifigkeit aufweisen und deshalb rasch brechen.

Wettbewerb mit 37 000 Teilnehmern
Die meisten Faltflieger entstehen vermutlich aus einer Laune heraus – ganz nebenbei. Doch es gibt auch viele ambitionierte Bastler, die ihr Hobby mit nahezu wissenschaftlicher Akribie betreiben. So haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Wettbewerbe etabliert. Sogar ein österreichischer Brause-Hersteller, dessen Getränke angeblich Flügel verleihen, fand Geschmack an den beinahe lautlosen Flugkünsten, die auf den ersten Blick wenig Spektakel und Nervenkitzel versprechen. Im Jahr 2009 wurden in der Mozartstadt Salzburg zum zweiten Mal nach 2006 die „Red Bull Paper Wings“ ausgetragen, die als inoffizielle Papierflieger-Weltmeisterschaft gelten. Auf dem Programm standen drei Disziplinen mit einem Blatt Kopierpapier (A4, 80 g/qm): längste Flugdauer, weitester Flug und „Aerobatic“. Hierbei durfte der Flieger auch geklebt oder geheftet werden; eine dreiköpfige Jury bewertete das Aussehen des Papierflugzeuges, das Kostüm des Athleten und dessen einminütige „Performance“. Die Leistungen der Finalisten, die sich unter 37 000 Teilnehmern aus 85 Ländern qualifiziert hatten, waren beeindruckend: In punkto Flugdauer siegte der Brasilianer Leonard Ang mit 11,66 Sekunden. Den weitesten Flug schaffte Jovica Kozlica aus Kroatien mit 54,43 Metern.

Die internationale Papierflieger-Szene kennt sogar ihre eigenen „Helden“: Der US-Amerikaner Ken Blackburn erzielte 1998 mit 27,6 Sekunden einen Weltrekord im Dauerflug, der mehr als zehn Jahre nicht gebrochen werden konnte. Seinen Klassiker, das Buch „Paper Air Plane Book“ verkaufte Blackburn (48), der als Luftfahrtingenieur in Florida an der Erforschung kleiner unbemannter Flugobjekte arbeitet, über zwei Millionen Mal. Von der Eglin Air Force Base hat er es auch nicht so weit zum „Wallfahrtsort“ der Faltflieger-Fans: Auf Hawaii gibt‘s das weltweit einzige Papierfliegermuseum.