Archiv Im Blickpunkt

Zentraler Wettbewerbsfaktor

Auch langjährige Schichtarbeit soll sich nicht negativ auf die Gesundheit auswirken.

Unter dem Leitthema „Schichtarbeit im Spannungsfeld von Flexibilität, Kosten und Mitarbeiterzufriedenheit“ diskutierten Führungskräfte der Papierfabriken auf einer Tagung der Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie (VAP) bewährte betriebliche Schichtregelungen.

Markus Erlewein

Schnellere Lieferzeiten, hohe Qualitätsstandards durch qualifizierte und motivierte Mitarbeiter sowie ein effizienter Umgang mit der wertvollen Ressource Personal sind zentrale Erfolgsfaktoren für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Papierindustrie. Diese Anforderungen sind demzufolge auch an ein zeitgemäßes Schichtsystem für die Produktion zu stellen.

Der Hauptgeschäftsführer der VAP, Hans-Joachim Blömeke, begrüßte die Teilnehmer der im ersten Quartal 2007 in Frankfurt abgehaltenen Tagung. Blömeke machte deutlich, dass Schichtarbeit in der Papierindustrie eine lange Tradition hat, aber noch immer Verbesserungen nötig und möglich sind. So werde es vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung immer wichtiger, die Schichtarbeit so zu gestalten, dass sie auch von älteren Arbeitnehmern noch geleistet werden kann.

Markus Erlewein, von den Bayerischen Papierverbänden, der bundesweit auf Initiative der VAP Papierfabriken in arbeitsorganisatorischen Fragen unterstützt und berät, stellte zunächst das Spannungsfeld von Flexibilität, Kosten und Mitarbeiterzufriedenheit dar. Im Zuge der Arbeitszeitverkürzungen Ende des vergangenen Jahrhunderts hat die Papierindustrie ein bewährtes tarifliches Instrumentarium für Arbeitszeitflexibilität entwickelt, das es zu nutzen gilt. Im Schichtbetrieb besteht Flexibilität im Wesentlichen darin, den Personaleinsatz so zu steuern, dass unabhängig von urlaubs- oder erkrankungsbedingten Personalausfällen immer genau so viele Mitarbeiter anwesend sind, wie Arbeitsplätze zu besetzen sind. Ein derartiger flexibler Personaleinsatz bringt den Mitarbeitern ein Mehr an Freizeit und erspart dem Unternehmen Kosten. Ein gutes Schichtsystem vereint dabei eine hohe betriebliche Flexibilität mit größtmöglicher Planungssicherheit und Gestaltungsmöglichkeit für die Mitarbeiter. Eine wesentliche Grundvoraussetzung für Mitarbeiterzufriedenheit ist körperliches Wohlbefinden. Daher sollte der Schichtplan arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, um auch bei langjähriger Schichtarbeit negative Auswirkungen auf die Gesundheit zu vermeiden.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen in der Papierindustrie für den Schicht- und Durchfahrbetrieb veranschaulichte Axel Stengel vom Papierzentrum Gernsbach. Als Besonderheiten des Papier-Tarifvertrags sind unter anderem der Arbeitszeitkorridor, der Ausgleichszeitraum zur Erreichung der tariflichen Arbeitszeit, sowie die Ruhezeitverkürzung zu nennen. Unternehmen und Betriebsrat können einvernehmlich eine betriebliche Arbeitszeit vereinbaren, die innerhalb des Arbeitszeitkorridors von 35 bis 40 Stunden liegt. Dabei ändert sich die Bezahlung im gleichen Verhältnis wie die Arbeitszeit. Gerade im Schichtbetrieb gibt es typischerweise längere und kürzere Arbeitswochen. Mehrarbeit entsteht dabei erst dann, wenn im Durchschnitt des Ausgleichszeitraums mehr als die tarifliche Arbeitszeit geleistet wurde. Der Tarifvertrag ermöglicht Ausgleichszeiträume bis zu 36 Monaten. Die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden kann dank einer Öffnungsklausel im Tarifvertrag durch Betriebsvereinbarung auf neun Stunden verkürzt werden. Die Kürzung ist innerhalb von sechs Monaten durch eine entsprechend längere Ruhezeit auszugleichen.

Bewährte Regelungen
4-Schicht-Betrieb

Gerhard Reiner, ehemaliger langjähriger Geschäftsführer der Papierverbände Rheinland-Pfalz, berichtete über den 4-Schicht-Betrieb. Zu dessen Vorteilen sind der gruppenübergreifende Personaleinsatz mit damit verbundenem Wissenstransfer und Teamgeist zu zählen, sowie die Notwendigkeit zur arbeitsplatzübergreifenden Qualifikation. Nachteilig wirken sich der größere Planungsaufwand und das Risiko der Doppelbesetzung von Arbeitsplätzen aus. Bei geringer Auslastung kann auf einen teilkontinuierlichen Betrieb gewechselt werden, beispielsweise in Form der „Doppelwoche“, wo die Produktion jedes zweite Wochenende für drei oder vier Tage ruht.

Vollkontinuierliches 6-Schicht-System

Smurfit Kappa Hoya Papier produziert seit 1997 in einem vollkontinuierlichen 6-Schicht-System, das Personalleiter Christian Lohmann-Niederée erläuterte. Zusätzlich zum Schichtplan müssen jährlich 33 Zusatzschichten geleistet werden, die dem Bereitschaftsplan zu entnehmen sind. Der Bereitschaftsplan differenziert nach fest zu leistenden Zusatzschichten und flexiblen Zusatzschichten, die als Reserve für kurzfristige Ausfälle dienen. Damit die zur Verfügung stehenden Bereitschaften an allen Arbeitsplätzen vertreten werden können, muss jeder Mitarbeiter mindestens zwei Arbeitsplätze beherrschen. Der Schichtplan sieht jährlich sechs Tage zur Qualifizierung vor. 26 der 32 Urlaubstage sind bereits fest im Schichtplan eingetragen, können jedoch zwischen Mitarbeitern entsprechender Qualifikation getauscht werden.

5-Schicht-System mit freier Urlaubsverplanung

Hans-Rüdiger Bruchmann, Personalleiter bei Steinbeis Temming, stellte das 5-Schicht-System des Unternehmens mit freier Urlaubsverplanung vor. Bis Ende des Vorjahres sind 21 Urlaubstage zu verplanen, wobei sich die Mitarbeiter untereinander abstimmen. Nur wenn keine Einigung gelingt, weist ein Urlaubs-Periodenplan jeder Gruppe ihren Urlaubszeitraum verbindlich zu. Zur Erreichung der tariflichen 38-Stunden-Woche sind etwa 26 Dispo-Schichten im Jahr zu leisten, vorrangig zur Urlaubsvertretung.

Im Schichtplan sind entsprechende Dispo-Zeiträume durch Sternchen gekennzeichnet, an denen die Dispo-Schichten im Rahmen der Jahresurlaubs-Planung oder bei Bedarf mit 48 Stunden Ankündigungsfrist abgerufen werden. Um Belastungen für die Mitarbeiter durch besonders kurzfristige Dispo-Schichten zu vermeiden, werden einzelne Vertretungstage möglichst von Springern oder Reserve-Mitarbeitern der jeweiligen Schicht geleistet.

„Die Beispiele belegen eindrucksvoll, dass im Schichtbetrieb Flexibilität, eine kostengünstige Produktion und eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit gleichzeitig erreichbar sind“, fasste Hans-Joachim Blömeke die Veranstaltung zusammen.