Archiv Im Blickpunkt

Sozialpartner diskutierten

Das Thema „Demografischer Wandel“ nimmt einen hohen Stellenwert bei den Unternehmen, ihren Mitarbeitern sowie den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ein. Eine Sozialpartnerveranstaltung in Hannover zeigte, dass Interessen und Lösungsansätze in vielen Fällen nicht weit auseinander liegen.

Christian Prinz Hauptgeschäftsführer Verband Norddeutscher Papierfabriken

Am 23. Juli 2014 fand in Hannover unter großer Beteiligung von Unternehmensvertretern und Betriebsräten eine gemeinsame Sozialpartnerveranstaltung vom Verband Norddeutscher Papierfabriken e.V. (VNP), dem Arbeitgeberverband der ostdeutschen Papierindustrie e.V. (AGOP) sowie den Landesbezirken Nord und Nordost der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) statt. Thema dieser Zusammenkunft war der demografische Wandel in der Papierindustrie und die Frage, mit welchen tarifvertraglichen Mitteln und Instrumenten die Betriebe den künftigen Herausforderungen durch immer mehr ältere Mitarbeiter bei gleichzeitigem Nachwuchsmangel begegnen könnten. Dabei war das Treffen eine von fünf regionalen Veranstaltungen zu diesem Thema. Im Rahmen des Tarifergebnisses vom 26.06.2013 hatten die Tarifvertragsparteien die Notwendigkeit der Bewältigung der demografischen Herausforderungen erkannt und vereinbart, zügige und zielorientierte Tarifverhandlungen aufzunehmen. Um den Betriebsparteien die große Bedeutung dieses Themas und der Arbeitsfähigkeit im Alter bewusst zu machen sowie einen aktuellen Einblick in die diesbezüglichen tatsächlichen Herausforderungen in den Betrieben und Unternehmen zu erhalten, vereinbarten die Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie e.V. (VAP) und die IG BCE vor Aufnahme der Tarifverhandlungen im September 2014 in den verschiedenen Regionen entsprechende Tagungen durchzuführen.

Thema Demografie betrifft Junge wie Ältere
Im Rahmen seines Eingangsstatements erläuterte Holger Nieden vom Hauptvorstand der IG BCE die Sicht der Gewerkschaft im Hinblick auf die derzeitige und künftige Sachlage in den Betrieben, die sich hieraus ergebenden Rückschlüsse und Entwicklungen sowie die möglichen tariflichen Folgen. Er machte deutlich, dass das Thema Demografie kein ausschließliches Thema älterer Arbeitnehmer sei, sondern vielmehr das gesamte Arbeitsverhältnis beträfe, von Beginn an bis zu dessen Ende. Demzufolge müsste ein entsprechender Tarifvertrag die gesamte Bandbreite abdecken, von der Ausbildungspolitik bis zum alters- und alternsgerechten Arbeiten. Der Fokus liege dabei auf der Suche nach Regelungen, mit denen die Mitarbeiter gesund im Alter ausscheiden könnten. Deshalb müssten verschiedene tarifliche Modelle diskutiert werden, um den Betrieben auf ihren jeweiligen individuellen Bedarf hin zugeschnittene Möglichkeiten und Optionen zu bieten. Stephan Meißner, Hauptgeschäftsführer der VAP, wies im Rahmen seines anschließenden Vortrages zunächst darauf hin, dass die Sozialpartner ein komplexes Thema zu behandeln hätten, welches mit einem großen Aufwand einhergehe.

Austausch über Bedürfnisse und Wünsche von Unternehmen und Mitarbeitern
Mit den regionalen Diskussionsveranstaltungen vor Aufnahme der Tarifverhandlungen habe man zudem tarifpolitisches Neuland betreten, um einen unmittelbaren Eindruck über die Bedürfnisse und Wünsche von Unternehmen und Mitarbeitern zu erlangen. Im Rahmen seiner weiteren Ausführungen machte Meißner deutlich, dass Altersteilzeit und Umgang mit dem demografischen Wandel grundsätzlich unterschiedliche Ziele verfolgen. Die Altersteilzeit in der gegenwärtigen Ausprägung stelle lediglich ein Ausstiegsmodell für einen geringen Teil der älteren Belegschaft dar, ohne Rücksichtnahme auf etwaige Bedürftigkeit anderer älterer Arbeitnehmer. Hingegen müssten demografiefeste Lösungen dazu führen, dass die Arbeitnehmer gesund und motiviert das Renteneintrittsalter erreichen. Demografiefest bedeute Sicherstellung der Beschäftigungsmöglichkeit auch im Alter und nicht das vorzeitige Ausscheiden. Eine demografisch angepasste Altersteilzeit müsse zu mehr Verteilungsgerechtigkeit bei den grundsätzlich Anspruchsberechtigten führen, wobei besonders belastete Arbeitnehmergruppen stärker berücksichtigt werden müssten. Die Schwierigkeit in der gegenwärtigen Situation bestehe darin, nicht mehr zielführende „Besitzstände“ aufzubrechen und Lösungen für die Zukunft zu finden. Die Papierindustrie könne es sich nicht leisten so lange zu warten, bis der Fachkräftemangel in fünf bis zehn Jahren voll durchgeschlagen ist.

Rechtzeitig handeln
Zum jetzigen Zeitpunkt habe man die gute Chance, noch rechtzeitig zu agieren. In fünf bis zehn Jahren sei jedoch nur noch ein Reagieren möglich. Ein Tarifvertrag zu Demografie und Altersteilzeit müsse daher jetzt Lösungen für die Zukunft der Unternehmen und Arbeitnehmer anbieten und eine Balance zwischen verpflichtenden allgemeinen Bedingungen und Öffnungsklauseln für die Betriebe finden. Die sich anschließenden intensiven und sachlichen Diskussionen sowie die verschiedenen Statements von Unternehmen und Betriebsräten machten deutlich, dass zum einen die Interessen und Lösungsansätze in vielen Fällen nicht weit auseinander liegen, und zum anderen der Weg der Sozialpartner regionale Diskussionsrunden zur Vorbereitung der Tarifrunde durchzuführen, aufgrund der hohen Akzeptanz der Teilnehmer der richtige gewesen ist. Nun ist es an den Tarifvertragsparteien, aus den gesammelten Eindrücken ein Tarifwerk zu schaffen, welches den demografischen Wandel unter Berücksichtigung der betrieblichen Notwendigkeiten zu bewältigen hilft. Die Aufgabe ist ambitioniert, notwendig und möglich!