Archiv Im Blickpunkt

Sonderfertigung für den Bundestag

Wie schon die Urfassung vor 60 Jahren, so wurde auch eine Faksimile-Ausgabe des „Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland“ auf Büttenpapier der Papierfabrik Zerkall Renker & Söhne gedruckt.

V. Manek

Seit rund hundert Jahren stellt die Papierfabrik Zerkall Renker & Söhne echtes Büttenpapier her. Im Jahr 1903 erwarb der Dürener Papierfabrikant Gustav Renker eine kleine Herstellung für Pappen in einer alten Mühlenanlage am Fluss Kall in der Nordeifel. An ihrer Stelle errichtete er eine moderne und effiziente Produktionsstätte zur Herstellung echter Büttenpapiere. Aus diesem Grund entschied er sich für den Einsatz der Rundsieb-Technologie als Herstellungsverfahren. Echtes Büttenpapier wird mit einem Rundsieb in Bogen geschöpft. Im Gegensatz zu mit Langsiebmaschinen erzeugten Papierbahnen weisen die Bogen vier echte Büttenränder auf. In den folgenden Jahren verwandelte sich die kleine Mühle in eine moderne Fabrikationsstätte zur Herstellung und Weiterverarbeitung echter Büttenpapiere. Ein hochwertiges Sortiment von Korrespondenz-, Anzeigen- und Druckpapieren wurde aufgebaut, das sich dank ständiger Qualitätsverbesserungen schnell auf den europäischen Märkten durchsetzen konnte. Ab dem Jahr 1920 wurde bereits in die USA exportiert. Unter der geschützten Marke Zerkall-Bütten erlangten die Produkte weltweite Bekanntheit.

Im Mai 1949 lieferte Zerkall echtes Büttenpapier für den Druck des Grundgesetzes der im gleichen Jahr gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Auch die ersten beiden Faksimile-Ausgaben vom Juni 1949 wurden auf Büttenpapier der Papierfabrik Zerkall gedruckt. Faksimiles sind originalgetreue Nachbildungen, die etwa bei Vereidigungen verwendet werden. Die Urschrift des Grundgesetzes wurde bislang nur einmal anlässlich einer Ausstellung im Bonner Bundeshaus gezeigt.

Heute zählt die Papierfabrik Zerkall zu einem kleinen Kreis international renommierter Anbieter von echtem Büttenpapier. Das Familienunternehmen wird in vierter Generation geführt. Rund 40 Mitarbeiter sind in der Produktion von Zerkall-Bütten und in der eigenen Papierverarbeitung beschäftigt, in der Blätter, Karten und Hüllen für persönliche Korrespondenz und Ausstattungen hergestellt werden. Darüber hinaus bietet Zerkall ein breites Sortiment von Bogenpapieren an, in verschiedenen Farben, Flächengewichten und Formaten für die Verwendung in der Druckgraphik, Buchkunst, Gestaltung, für Künstlerbedarf und Restauration. Auf Zerkall-Papieren haben Druckgrafiken unterschiedlicher Künstler, unter anderem Max Ernst, Jasper Johns, Georg Baselitz und Horst Janssen, ihren Platz in Sammlungen und Museen vieler Länder gefunden.

Damals Hochdruck, jetzt Offset
Zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes im Mai 2009 gab der Deutsche Bundestag erneut die Herstellung eines hochwertigen Faksimiles des Grundgesetzes in Auftrag. Der Nachdruck in einer Auflage von 3000 Exemplaren entspricht der ursprünglichen Fassung und beinhaltet die Abbildung sämtlicher Unterschriften der Mitglieder des parlamentarischen Rats. Die Reproduktion sollte möglichst originalgetreu sein, und so kam nach sechzig Jahren erneut Zerkall-Bütten als Druckträger dieses wichtigen historischen Werks zum Einsatz. Allerdings nicht ganz genau die gleiche Papierqualität wie vor sechzig Jahren, wie Geschäftsführer Felix Renker bemerkt. Schließlich gab es im Jahr 1949, ein Jahr nachdem die Fabrik nach dem Krieg wieder in Betrieb gegangen war, nur eine begrenzte Auswahl an Rohstoffen. Außerdem wurde damals im Hochdruck gedruckt, und jetzt im Offset-Verfahren, was andere Anforderungen an das Papier stellt.

Auch Staatsverträge auf Zerkall Bütten
In zwei Schichten produzierte Zerkall das Velin-Papier als Sonderanfertigung auf einem dafür vorbereiteten Rundsiebzylinder. Büttenpapiere werden ohne Egoutteur hergestellt, da sich die Struktur des Siebes beim Schöpfen auf das Papier überträgt. Velinsiebe haben im Gegensatz zum gerippten Sieb keine Markierung und erzeugen Papiere mit klarer Durchsicht. Der Auftrag für den Bundestag erfolgte ohne Büttenränder, so dass die Bogen im Haus geschnitten und danach an die Druckerei bei Leipzig geliefert wurden. Die ersten Exemplare erhielten die 1224 Mitglieder der Bundesversammlung am 23. Mai 2009, dem Tag des runden Jubiläums und der Bundespräsidentenwahl. Die verbleibenden Drucke dienen dem Parlament als wertvolles Geschenk für besondere Gäste.

Das Grundgesetz ist nicht das einzige bedeutende Dokument auf Zerkall-Bütten. Auch verschiedene Staatsverträge wurden darauf unterzeichnet. Unter anderem der Einigungsvertrag mit der DDR aus dem Jahr 1990, der im Museum „Haus der Geschichte“ in Bonn ausgestellt ist.