Archiv Im Blickpunkt

Schritt für Schritt ausgebaut

Die Fußball-Europameisterschaft ist Anlass, einmal den Blick auf die Papierindustrie in unserem Nachbarland Polen zu richten. Papier + Technik sprach mit Janusz Brylinski, Geschäftsführer und Werkleiter von WEPA Professional Piechowice SA.

Herr Brylinski, wie ist die Geschichte von WEPA Piechowice?

Hier im Riesengebirge gibt es viel Holz. So entstand vor rund 200 Jahren eine Produktionsstätte für die Zellstofferzeugung. Später hat man sie zu einer kleinen Papierfabrik umgebaut. Nach der Verstaatlichung im Jahr 1945 hat man 1949 zwölf Papierfabriken aus der Umgebung zu einem Kombinat zusammengefasst, das bis Ende der 80er Jahre produzierte. Nach der Wende wurden dann einige der Fabriken stillgelegt. Die wirtschaftliche Lage war schwierig und die Produktion veraltet. Das Werk in Piechowice hatte Glück, kurz zuvor war in die Papierverarbeitung investiert worden. Es produzierte Toilettenpapier aus Krepp, das zu der Zeit sehr gefragt war. In den 90er Jahren entstand aus der staatlichen Fabrik eine Aktiengesellschaft. Im Jahr 2003 begann die WEPA Gruppe die Zusammenarbeit mit der Fabryka Papieru Piechowice, unter anderem stellte sie leihweise eine Maschine zur Verarbeitung von gefalteten Papierhandtüchern zur Verfügung. Drei Jahre später hat WEPA das Werk dann von den polnischen Gesellschaftern übernommen.

Seit der Übernahme durch WEPA ist viel passiert …

Die Substanz der Fabrik war nicht für die heutigen Marktverhältnisse geeignet. WEPA hat seit 2006 kontinuierlich investiert. Unter anderem in die Papiermaschine aus dem Jahr 1974. Mit ihr produzieren wir aus 100 Prozent Altpapier rund 30 000 Jahrestonnen Krepppapier. Zudem wurde auch die Papierverarbeitung stark erweitert und modernisiert sowohl für Falthandtücher, als auch für Tissue-Rollenprodukte. Zur Zeit nehmen wir die Lagererweiterung in Betrieb. WEPA hat das Werk Schritt für Schritt ausgebaut. Die Zahl der Mitarbeiter ist seit der Übernahme von circa 197 auf heute rund 300 gestiegen. Was ich auch noch sagen möchte: Ich bewundere es, mit welch gutem Stil die Inhaber-Familie Krengel den Betrieb übernommen hat. Jeder hier fühlt sich mit großem Respekt behandelt und als vollwertiges Mitglied der WEPA Mannschaft. Außerdem besteht zwischen den Standorten in Deutschland und uns hier in Polen eine enge Zusammenarbeit, die sich auch in einem intensiven Warenaustausch und Know-how-Transfer zeigt. Das Werk Kriebstein ist zum Beispiel nur 250 Kilometer von uns entfernt.

Wie entwickelt sich der Hygienepapiermarkt in Polen?

Sehr dynamisch. Der Verbrauch steigt zwischen sechs bis acht Prozent jährlich. Es entstehen weitere große Supermärkte, vielleicht ähnlich wie in Deutschland vor 25 Jahren. Allerdings wünschen die Verbraucher andere Qualitäten: Anfang der 90er Jahre war Krepppapier in Polen und auch in anderen osteuropäischen Ländern ein sehr gefragtes Produkt. Nun, wo es den Menschen besser geht, bevorzugen sie zwei- oder dreilagige Tissueprodukte.

Wie hat sich WEPA Piechowice darauf eingestellt?

Wir haben die PM 1 vollständig auf die Herstellung von Halbfertigware für einlagige Krepp-Handtuchpapiere eingestellt. Die Herstellung dieser Produkte macht rund 60 Prozent unserer Verarbeitungskapazitäten aus. Außerdem produzieren wir an zwei Linien Tissue-Toilettenpapier mit aus Deutschland gelieferten Mutterrollen.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die polnische Papierindustrie?

Die Energie- und Rohstoffpreise treffen uns natürlich auch. Zusätzlich haben wir ein Problem mit CO2-Emissionen. In Polen wird traditionell Energie aus Kohle gewonnen. Wir beziehen mehr als 40 Prozent der Elektroenergie aus Braunkohle. Steinkohle dient in vielen Industriezweigen zur Erzeugung von Dampf. Hätten wir Gaskessel, wären die Kosten für CO2-Emissionen viel niedriger. Andere Länder, wie Deutschland, Dänemark oder Holland haben schon vor langem auf Gas umgestellt. Dies wird jetzt sehr stark auf Regierungsebene diskutiert und Polen hat gegen die europäischen Regelungen protestiert.

Gibt es in Polen einen Ausbildungsberuf, ähnlich dem Papiertechnologen in Deutschland?

Leider haben wir nicht das System der dualen Berufsausbildung wie in Deutschland. Als ich im Jahr 2005 hier angefangen habe, arbeiteten hier nur angelernte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hatten natürlich Erfahrung, aber keine fundierte Ausbildung. Aber es gibt in Lodz eine technische Universität mit einem Papiertechnik-Institut. Von dessen Absolventen, gut ausgebildete Ingenieure, haben wir einige eingestellt. Die Beschäftigten der mittleren Ebene bilden wir in internen Schulungen weiter.

Wie viel verdient ein Facharbeiter in Polen?

Das Gehalt beträgt etwa 30 Prozent von dem in Deutschland. Unsere Mitarbeiter bekommen Zuschläge. Sie arbeiten im Vier-Schicht-System, bei einer Arbeitszeit von 40 Stunden. Die Fluktuation ist sehr gering. Die Arbeitslosigkeit liegt übrigens hier bei uns in der Gegend, wie im Durchschnitt von Polen, bei rund 13 Prozent.

Und wie sind die Lebenshaltungskosten?

Das hängt von der Region ab. Die Lebensmittelpreise sind meist noch niedriger, steigen aber. Industrieprodukte wie Autos und Fernseher kosten so viel wie in Deutschland.

Das große Ereignis in diesem Sommer ist die Fußball-EM. Wie ist die Stimmung in Polen?

Die EM ist natürlich eine Chance uns zu präsentieren. Auch in Polen interessiert sich jeder für Fußball, und jeder weiß etwas darüber. Wir haben da viele Spezialisten …

Welche Mannschaft hat Ihrer Meinung nach die größten Chancen?

Über die deutsche Mannschaft hat man schon immer gesagt, dass zwar alle gut spielen, aber Deutschland gewinnt. Wenn dann auch noch ein paar polnische Namen in der deutschen Mannschaft genannt werden können … umso besser! Im Ernst: Unsere Nationen sind so stark miteinander verbunden, da ist das auch kein Wunder.