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Potenzial für Papier

Kunststoff war lange Zeit das Material der Wahl, wenn es darum ging, Lebensmittel und Kosmetik zu verpacken. Bis irgendwann Müll-Inseln im Meer entdeckt wurden und niemand wusste, wie man sie wieder loswerden soll. Warum Papier gute Chancen hat, Kunststoff bei Verpackungen abzulösen.

Gabriele Eisenbarth

Als die ersten Fotos von riesigen Plastikmüll-Inseln mitten im Meer um die Welt gingen, war das Entsetzen groß. Forscher begannen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigten und merkten, es handelt sich nicht nur um ein optisches Problem, sondern der Müll hatte es in Form von Mikroplastik bereits in die menschliche Nahrung geschafft. Die EU-Politiker haben reagiert und im Juni 2019 die Einweg-Kunststoff-Richtlinie verabschiedet. Von 2021 an werden Einweg-Kunststoff-Artikel wie Plastikgeschirr, aber auch Strohhalme und Wattestäbchen aus Kunststoff verboten. Darüber hinaus werden die Hersteller an den Kosten von Reinigungsmaßnahmen, Transport und Entsorgung der anfallenden Plastikverpackungen beteiligt.

Entwicklungszeit lohnt sich

Vorausschauende Unternehmen versuchen deswegen seit einiger Zeit, ihre Verpackungen auf Papier umzustellen – durchaus mit Erfolg, wie das Beispiel Frosta zeigt: Seit Februar 2020 packt der Hersteller von Tiefkühlkost drei seiner Gemüsemischungen in Papier statt in Plastikbeutel. Drei Jahre Entwicklungszeit waren gemäß Vorstandsmitglied Hinnerk Ehlers nötig, bis das Unternehmen seine feuchtkalten Lebensmittel sicher in Papier verpacken konnte. Neben technischen gibt es auch optische Herausforderungen, denn der Aufdruck erscheint auf dem ungebleichten Papier weniger brillant als vorher. Die Mühe lohnt sich. Hinnerk geht davon aus, dass Frosta jedes Jahr durch diese Umstellung 40 Millionen Plastikbeutel einsparen kann.

Tuben und Flaschen aus Papier

L’Oréal zieht nach und möchte 2021 die erste papierbasierte Kosmetiktube auf den Markt bringen. Die „Absatzwirtschaft“ weist in einem Bericht (Ausgabe 1/2020) darauf hin, dass der Kosmetikhersteller mit dem dänischen Papierflaschen-Produzenten „Paper Bottle Company“ kooperiert, um die weitere Entwicklung in Sachen Papierverpackung voranzutreiben.

Dieser Initiative hat sich auch Carlsberg angeschlossen. Die dänische Brauerei arbeitet an einer „Green Fibre Bottle“, die aus nachhaltig erzeugten Holzfasern besteht.

Die Hinwendung zur umweltfreundlichen Verpackung aus Papier ist mit Mehrkosten verbunden. Frosta beziffert diese auf etwa fünf Prozent pro Einheit. Es könnte dann günstiger werden, wenn die Entwicklung abgeschlossen ist und genügend technisch ausgereifte Produktionsmaschinen vorhanden sind.

Der Verband der Faltschachtelhersteller FFI sieht die Branche durch diese Bemühungen im Aufwind, zumal sich trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln, Hülsenfrüchte oder Müsli schon jetzt mit gutem Ergebnis in Karton verpacken lassen. Papier hat gegenüber Kunststoff den Vorteil, dass es sich in freier Natur deutlich schneller zersetzt und deshalb zum Beispiel für die Nahrungskette weniger bedenklich ist.

Außerdem liegt die Recyclingrate bei Papier wesentlich höher. Zwar gelangt Plastik in Deutschland eher nicht ins Meer, es wird aber zu einem großen Teil der thermischen Verwertung zugeführt, also verbrannt und nicht wiederverwertet.

Verbraucher aufklären

Die neue EU-Richtlinie verpflichtet die Hersteller auch dazu, auf den Verpackungen darauf hinzuweisen, welche Umwelt-Schäden durch die nicht sachgerechte Entsorgung von Kunststoff-Verpackungen entstehen. Ein sinnvoller Ansatz, denn Umfragen zeigen immer wieder: Die Verbraucher wissen wenig über die negativen Folgen, die Verpackungen für die Umwelt haben können. Gemäß einer Studie des Verbandes Pro Carton sagen zwar 77 Prozent der Verbraucher, die Umweltfreundlichkeit einer Verpackung beeinflusse ihre Kaufentscheidung, das findet allerdings in konkreten Absatzzahlen noch wenig Niederschlag.

Mit anderen Worten: Theoretisch wollen alle die Umwelt schützen. Wenn das Produkt dadurch allerdings teurer wird oder zum Beispiel schlechter einsehbar, nehmen einige doch Abstand. Am ehesten wissen Käufer von Bioprodukten über Ökobilanz, CO2-Fußabdruck und die biologische Abbaubarkeit von Verpackungen Bescheid. Bei dieser Zielgruppe werden Verpackungen aus Papier und Karton positiv wahrgenommen und beeinflussen tatsächlich die Kaufentscheidung. Bei den anderen gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Auch wenn die Verbraucher derzeit noch häufig zu Waren in Kunststoff-Verpackungen greifen, hat sich in den letzten Jahren sehr viel bewegt. Dies zeigen die Initiativen der Produzenten in Sachen umweltfreundliche Verpackung auf Faserbasis.