Archiv Im Blickpunkt

Passende Schichtsysteme

In der Papierindustrie wird in den meisten Fällen schon nach sehr guten Schichtplänen gearbeitet.

Das Durchschnittsalter der Belegschaften steigt an. Unternehmen und Mitarbeiter müssen sich auf diesen Wandel einstellen. In der Schichtplanung gibt es dazu verschiedene Möglichkeiten.

Markus Erlewein

Die Menschen in Deutschland werden immer älter und bekommen immer weniger Kinder. Das spiegelt sich zunehmend auch in den Belegschaften unserer Unternehmen wider. Das Durchschnittsalter und der Anteil älterer Arbeitnehmer steigen, während immer weniger jüngere Kollegen hinzukommen. Nicht nur die Personalverantwortlichen, sondern wir alle stehen damit vor der Aufgabe, uns in der Arbeit auf diesen Effekt einzustellen, der als „demographischer Wandel“ bereits viel diskutiert wird. Aber was bedeutet die Alterung unserer Belegschaften konkret? Eine Befragung unter Personalverantwortlichen ergab, dass sie an älteren Arbeitnehmern neben der großen Erfahrung ihr Qualitätsbewusstsein, ihre Arbeitsmoral und ihre Loyalität schätzen. Unsere Unternehmen dürfen sich also auf eine Zunahme dieser Tugenden freuen. Sorgen bereiten insbesondere die geringere Flexibilität und die geringere körperliche Belastbarkeit Älterer. Und dass die in der Papierindustrie weit verbreitete Schichtarbeit körperliche Belastungen mit sich bringt, weiß jeder von uns. Das heißt, wir müssen auch zukünftig dafür sorgen, dass die Fähigkeiten der Mitarbeiter und die Anforderungen der Arbeitsplätze zusammenpassen. Dabei kann es nur in Einzelfällen eine Lösung sein, für ältere Arbeitnehmer Schonarbeitsplätze im Tagbetrieb zu suchen. Vielmehr müssen wir zunehmend darauf achten, die Gesundheit und Belastungsfähigkeit aller Mitarbeiter zu erhalten – gerade auch im Schichtbetrieb. Dazu gibt es eine Reihe von arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen (siehe Kasten).

12-Stunden-Sonntage vermeiden
In unserer Branche sind diese Empfehlungen seit langem bekannt und soweit möglich umgesetzt, so dass wir in den meisten Betrieben schon nach sehr guten Schichtplänen arbeiten. In anderen Branchen ist man da längst noch nicht so weit. Trotzdem gibt es natürlich auch bei uns noch Verbesserungsmöglichkeiten. Die Umsetzung gesundheitsförderlicher Arbeitszeiten muss jedoch im Spannungsfeld betrieblicher und persönlicher Belange gesehen werden, wodurch sich oft Interessenkonflikte ergeben.

Die im Vierschichtbetrieb weit verbreiteten 12-Stunden-Schichten am Sonntag sind ein Beispiel für sehr anstrengende Arbeitszeiten. In manchen Betrieben wurden diese auf Wunsch der Belegschaft auch bei Umstellung auf einen Fünfschichtbetrieb beibehalten. Die Vorteile sonntäglicher 12-Stunden-Schichten sind mehr freie Sonntage und weniger Zeit- und Kostenaufwand für Fahrten zum Betrieb. Die damit verbundenen gesundheitlichen Belastungen bekommen Kollegen mit weniger robuster Verfassung besonders zu spüren – das sind oftmals die Älteren. In der Beratungspraxis berichteten Unternehmen schon von älteren Mitarbeitern, die trotz der attraktiven Sonntagszuschläge einzelne Sonntage frei nehmen, um der hohen Arbeitsbelastung zu entgehen. Solche Beispiele werfen für unsere Betriebe die Frage auf, wie lange sie sich ein Schichtsystem leisten können, das von einem Teil der Belegschaft als nicht erträglich eingestuft wird.

Nachtarbeit reduzieren
Nachtarbeit bedeutet, Leistung zu einer Tageszeit zu erbringen, in der der Körper auf Ruhe und Erholung eingestellt ist. Die daraus bestehenden Belastungen können nur durch Erholung in der Freizeit wirklich kompensiert werden. Die tariflichen Zuschläge sollten daher nicht dazu (ver-)führen, mehr als nötig nachts zu arbeiten. Zwar wird es in der Papiererzeugung nur in wenigen Ausnahmefällen möglich sein, auf Nachtschichten zu verzichten. Oft lassen sich aber bei einiger Überlegung Tätigkeiten in die Früh- und Spätschicht legen, so dass nachts weniger Personal benötigt wird. So kann man diejenigen Kollegen von der Nachtarbeit ausnehmen, die Nachtschichten als besonders belastend empfinden. Wenn nur Einzelne Probleme mit der Nachtarbeit haben, ist auch zu überlegen, wie durch individuellen Schichttausch Jüngere die Nachtschichten der Älteren übernehmen können.

Flexibilität und Entlastung durch Teilzeit
Trotz aller gesundheitsfördernder Maßnahmen in den Betrieben werden wohl nicht alle gewerblichen Mitarbeiter bis zu ihrem 67. Geburtstag im Schichtbetrieb voll einsetzbar sein. Um die Kollegen entsprechend ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit im Arbeitsprozess halten und den Arbeitskräftebedarf der Betriebe decken zu können, werden Teilzeitmodelle zukünftig an Bedeutung gewinnen. Dabei arbeiten die Teilzeit-Schichtarbeiter ganz normale 8-Stunden-Schichten wie ihre Vollzeit-Kollegen. Sie müssen jedoch entsprechend ihrer Arbeitszeit weniger Schichten pro Jahr leisten. Zur Umsetzung der Teilzeit sind zwei Wege denkbar:

Einerseits können die bewährten Instrumente angewendet werden, um Schichtplan und Sollarbeitszeit in Einklang zu bringen: Aus dem Vierschichtbetrieb kennen wir Freischichten, mit denen die Mitarbeiter die 38-Stunden-Woche erreichen. Im Fünfschichtbetrieb sind Einbring- oder Verfügungsschichten zu leisten. Für Teilzeitkräfte würde sich die Zahl der Freischichten erhöhen, beziehungsweise die Zahl der Einbring- oder Verfügungsschichten entsprechend ihrer individuellen Soll-Arbeitszeit verringern. Damit würde jedoch der Vertretungsbedarf zum Beispiel für Urlaub auf weniger Schultern verteilt, mit entsprechend höheren Belastungen für die Vollzeit-Mitarbeiter.

Um die Vertretungsmöglichkeiten zu verbessern, könnten die Teilzeit-Schichtarbeiter andererseits verstärkt zum Ausgleich von geplantem Urlaub in den Hauptferienzeiten eingeplant werden. Beispielsweise könnte ein Älterer für zwei oder drei Wochen als Urlaubsvertretung für einen Vollzeit arbeitenden Familienvater arbeiten, danach eine Woche frei haben, bevor er erneut die Vertretung für einen anderen Kollegen übernimmt. Außerhalb der Haupturlaubszeit werden die Älteren mit deutlich weniger Schichten, aber trotzdem regelmäßig, eingeplant. Das ist wichtig, damit sie in Kontakt mit ihren Kollegen bleiben und ihren Arbeitsplatz weiterhin genauso gut kennen wie während ihrer Vollzeit-Arbeit. Wenn ein Teilzeit-Schichtarbeiter außerhalb der Ferienzeit zum Beispiel regelmäßig montags und dienstags arbeitet, bietet das für die Vollzeitbeschäftigten die Möglichkeit für ein verlängertes Wochenende, ohne dass ihre Kollegen dafür wieder Überstunden machen müssten. So kann Teilzeit für Ältere sowohl diesen als auch den jüngeren Kollegen eine Entlastung bringen.

Noch klingen diese Ansätze ungewohnt. Die Heraufsetzung des Rentenalters und die Alterung der Belegschaften werden sich aber von Jahr zu Jahr stärker auf unsere Betriebe auswirken. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken, wie wir bis zum Rentenalter und darüber hinaus fit bleiben – gerade auch im Schichtbetrieb!