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Ökoeffiziente Papierprodukte

Die gedruckte Zeitung schneidet in der Umweltbilanz deutlich besser ab als die elektronische Version. Dies ist eines der Ergebnisse einer großen Studie zu ökoeffizienten Stoff- und Energieflüssen in der Papierindustrie.

VM

Im Durchschnitt 2,8 Menschen lesen in Deutschland ein Zeitungsexemplar. Bei diesem Nutzerverhalten ist die gedruckte Zeitung ökologisch deutlich vorteilhafter als die elektronische Version. Würden alle Bayern ihre Zeitung im Internet lesen, entstünden dadurch erheblich höhere Umweltbelastungen durch den oft unterschätzten Stromverbrauch der PCs und Server. An diesem Ergebnis würde sich auch nichts ändern, wenn der Strom für die EDV aus Biomasse erzeugt würde. Eine Milliarde Tageszeitungen, die zur Versorgung der bayerischen Leser jährlich auf Papier gedruckt werden, tragen nur mit 0,2 Prozent zu den in Bayern verursachten Treibhausgasemissionen bei. Der Anteil ist auch aufgrund des hohen Anteils an Altpapier so gering. Jede Papierfaser wird rund 4,2 Mal wiederverwertet.

Unternehmen lieferten Daten aus der Praxis
Dieses Ergebnis wird viele überraschen. Es zeigt, dass es sich lohnt, die Umweltbilanz von Produkten ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Das haben die Teilnehmer des Projekts „Ökoeffiziente Papierprodukte – Stoff- und Energieflüsse in Produktlebenswegen“ getan. Realisiert wurde das Projekt vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit (StMUG) im Rahmen des Umweltpakts Bayern gemeinsam mit den Bayerischen Papierverbänden. Weiter beteiligt waren 16 zum großen Teil papiererzeugende Unternehmen, die eine große Datenmenge aus der betrieblichen Praxis lieferten. Das projektführende bifa Umweltinstitut untersuchte am Beispiel Buch, Katalog, Küchenrolle, unbedruckte Wellpappeverpackung und Zeitung, wie Papierprodukte noch umweltfreundlicher und zugleich wirtschaftlicher hergestellt werden können. Das Projektteam ermittelte dafür Stoff- und Energieverbrauch, Emissionen und Transporte zu allen Lebenswegabschnitten von der Rohstofferzeugung über die Papierherstellung und -verarbeitung bis zur Verwertung und bilanzierte außerdem die Kosten. Dieser umfassende Ansatz wird als Integrierte Produktpolitik (IPP) bezeichnet. In vier großen Workshops diskutierten die Teilnehmer in den letzten beiden Jahren intensiv die Ergebnisse und weiteren Schritte. Die Schlussfolgerungen des Projekts können der Papierindustrie, ihren Marktpartnern und der Politik als Grundlage für die Entwicklung eigener mittel- und langfristiger Ökoeffizienzstrategien dienen.

Umweltbelastungen erstaunlich gering
Obwohl die untersuchten Papierprodukte in großer Menge verbraucht werden, sind die Umweltbelastungen erstaunlich gering, so das Fazit des bifa Instituts. Die bayerische Papierindustrie verfüge über eine effiziente Rohstoffversorgung, eine hochtechnisierte Papierherstellung und ein ausdifferenziertes Entsorgungssystem für anfallende Reststoffe. Trotzdem sei es erforderlich, nachzudenken, was man besser machen könne, sagte Dr. Siegfried Kreibe vom bifa-Umweltinstitut als die Ergebnisse des Projekts und eine daraus erarbeitete Studie vorgestellt wurden. Isolierte Betrachtungen griffen allerdings zu kurz, neue Potenziale ergäben sich nur noch in Prozessen. Bayerns Umweltstaatssekretärin Melanie Huml erklärte: „Papierprodukte sind für unsere Kultur und Wirtschaft unerlässlich“. Umwelt und Wirtschaft profitierten beide von ökoeffizienten Produkten.

Risiko knappe Rohstoffe
Als Risiko für die Ökoeffizienz sieht das bifa-Institut vor allem die Rohstoffversorgung. Die weltweit wachsende Holz- und Altpapiernachfrage sowie vermehrter Einsatz von Biomasse, sprich Holz, zur Energieerzeugung, führten zur Verknappung am Markt. Deutlich vorteilhafter für die Umwelt sei es, wenn Holz zur Papiererzeugung eingesetzt wird statt es zur Energiegewinnung zu verbrennen.

Dr. Thorsten Arl, Geschäftsführer der Bayerischen Papierverbände, betonte die Bedeutung des Rohstoffs Altpapier. Mit dem Einsatz von 3,2 Millionen Tonnen Altpapier decke die bayerische Papierindustrie 75 Prozent ihres Rohstoffbedarfs. Altpapier sei damit der mit Abstand wichtigste Rohstoff für die Herstellung neuer Papierprodukte. Würde das Altpapierangebot verknappt, zum Beispiel durch Einsatz von Altpapier als Brennstoff, hätte das negative Auswirkungen auf die Ökoeffizienz. Im Übrigen griffen einfache Botschaften bei Fragen der Ökoeffizienz zu kurz. So habe allein der dem Strombezug aus dem öffentlichen Netz zugrunde liegende Energiemix – je nachdem, im welchem Land produziert werde – erheblichen Einfluss auf den Carbon Footprint des hergestellten Papiers. Hierdurch dürften den hocheffizienten Papierfabriken in Deutschland aber keine Wettbewerbsnachteile erwachsen, warnte Dr. Arl.

Die größten Potenziale zur weiteren Verbesserung der Umweltfreundlichkeit von Papierprodukten zeigte die Studie im Bereich der Energieeffizienz und Energieerzeugung. Die Umwelt profitiert mehr, wenn die Papierfabriken Rückstände aus der Altpapieraufbereitung in eigenen Kraftwerken mittels Kraft-Wärme-Kopplung zur Energieerzeugung nutzen als wenn der Anteil erneuerbarer Energien im öffentlichen Stromnetz auf 33 Prozent erhöht wird. Ein weiterer Ansatz ist die Abgabe intern nicht mehr nutzbarer Abwärme an externe Verbraucher.

Vertreter der am Projekt beteiligten Unternehmen stellten Erkenntnisse aus den Untersuchungen der Produktgruppen an Beispielen aus der Betriebspraxis vor. So wies Dr. Wilhelm Demharter von UPM auf die ständige Prozess- und Produktoptimierung bei Zeitungs- und Magazinpapier im Zusammenspiel aller Rohstoffe und Additive hin.

Dr. Bernhard Ruffing von Hans Kolb Wellpappe hob die Energieeffizienz beim Altpapiereinsatz hervor. Wie auch andere Vertreter der Papierindustrie forderte er, dass eine flächendeckende, getrennte Sammlung von Altpapier auch längerfristig gewährleistet sein müsse. Eine weitere Folgerung aus dem Projekt: Altpapier am besten lokal, mit kurzen Wegen, zu beziehen.

Die fripa Papierfabrik Albert Friedrich, die einzige Produktionsstätte für Hygienepapier in Bayern, setzt aufgrund der erforderlichen Produktqualität einen geringen Anteil an Altpapier ein. Geschäftsführer Andreas Noack erklärte, das Unternehmen lege den Schwerpunkt auf effiziente Energieerzeugung durch ein hocheffektives mit Kraft-Wärme-Kopplung arbeitendes Kraftwerk.

Martin Schilha von Sappi Stockstadt, einer integrierten Fabrik, die Zellstoff und Feinpapier für den Bereich Buch produziert, sprach das Problem der knappen Ressource Holz an. Er verdeutlichte in Richtung Staatsregierung, dass eine auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung ausgerichtete Industriepolitik gar nicht umhin komme, den Vorrang der stofflichen Verwertung von Holz als Leitmotiv politischer Entscheidungen zu begreifen.

Wer sich für die Projektergebnisse im Einzelnen interessiert, kann sie in einer Broschüre nachlesen. Sie ist kostenlos verfügbar unter: www.bestellen.bayern.de