Archiv Im Blickpunkt

Nicht nachvollziehbar

Es war das Gesprächsthema in der Vorweihnachtszeit: In der Schokolade von Adventskalendern fand die Stiftung Warentest Spuren von Mineralöl und machte Kartonverpackungen aus recyceltem Altpapier dafür verantwortlich. Papier + Technik sprach darüber mit dem Leiter des Fachgebiets Papierfabrikation und Mechanische Verfahrenstechnik (PMV) an der Technischen Universität Darmstadt, Prof. Dr.-Ing. Samuel Schabel.

Die Stiftung Warentest hat pünktlich zur Adventszeit Adventskalender unter die Lupe genommen und Mineralölspuren in der darin enthaltenen Schokolade festgestellt. Als Quelle für die Mineralölspuren glaubt die Stiftung Recyclingkarton ausgemacht zu haben. Das PMV kommt zu gegenteiligen Ergebnissen, welchen?

Prof. Schabel: Wir können nicht nachvollziehen, warum die in der Schokolade gefundenen Spuren von Mineralölbestandteilen aus Recyclingkarton stammen sollen. Wir haben Muster von allen von der Stiftung Warentest untersuchten Adventskalendern besorgt und festgestellt, dass nur für einen Kalender Recyclingkarton verwendet worden war. Die anderen 23 Kalender waren aus Frischfaserkarton hergestellt. In der Prozesskette zur Herstellung solcher Kalender gibt es vielfältige Möglichkeiten für den Eintrag von Mineralölen. Nach den veröffentlichten Ergebnissen der Stiftung Warentest wurden diese jedoch nicht untersucht.

Gibt es überhaupt verlässliche und zertifizierte Analysemethoden für Mineralöle in Lebensmitteln?

Prof. Schabel: Es gibt schon seit vielen Jahren die Möglichkeit, mit Hilfe der Gaschromatografie Mineralölkohlenwasserstoffe in verschiedenen Produkten – unter anderem in Lebensmitteln – zu identifizieren und auch quantitativ zu bestimmen. Seit 2010 wird von verschiedenen Institutionen an der Entwicklung verlässlicher Messmethoden insbesondere zur Unterscheidung zwischen den gesättigten und den aromatischen Kohlenwasserstoffen gearbeitet. Bis heute gibt es noch keine zertifizierte Analysemethode.

Aufgrund der Komplexität der Messmethodik und der Interpretation der erhaltenen Messsignale gelingt bisher nur wenigen Experten eine zuverlässige Aussage zum Gehalt an Mineralölkohlenwasserstoffen in Lebensmitteln. Vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wurde unlängst eine Messmethode empfohlen, die sich allerdings noch nicht durchgesetzt hat und über deren Zuverlässigkeit bei der Analyse von Mineralölen in den verschiedenen Lebensmitteln noch keine ausreichenden Daten vorliegen.

Es ist nachgewiesen, dass Recyclingkarton Spuren von Mineralöl enthalten kann. Woher stammen die Öle?

Prof. Schabel: Der überwiegende Teil der Öle stammt aus den für die Herstellung von Tageszeitungen und ähnlichem verwendeten Coldset-Offset-Druckfarben, die beim Recycling mit der heute üblichen Technologie nicht entfernt werden können. Es gibt aber auch andere Quellen, wie zum Beispiel Schmiermittel, Klebstoffe, etc.

Können diese Öle überhaupt auf verpackte Lebensmittel migrieren und ist das gesundheitlich bedenklich? Gibt es Grenzwerte?

Prof. Schabel: Mineralöle mit geringer Molmasse beziehungsweise Kettenlänge der Kohlenwasserstoffe (weniger als 24 Kohlenstoff-Atome)

können aus der Verpackung über die Gasphase, das heißt in der Regel über die Luft, in die Umgebung und damit auch in verpackte Lebensmittel migrieren. Es gibt bis heute leider keine gesicherten Erkenntnisse über den Einfluss der verschiedenen Kohlenwasserstoffe aus den Mineralölen auf unsere Gesundheit. Manche Bestandteile der Mineralöle, aromatenfreie

hochviskose Weißöle, sind sogar als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Dagegen kann für manche aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe eine krebserregende Wirkung nicht ausgeschlossen werden. Derartige Stoffe sollten in Lebensmitteln nicht nachweisbar sein. Eine Gesundheitsgefährdung durch in Lebensmittel migrierte Mineralölbestandteile wurde bisher mangels entsprechender Untersuchungen nicht festgestellt, kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden.

Welche Möglichkeiten haben Karton- und Verpackungshersteller, mit dem Problem umzugehen?

Prof. Schabel: Einen wesentlichen Beitrag zur Lösung des Problems könnten die Verlage von Tageszeitungen leisten, indem sie Druckfarben verwenden, die frei von bedenklichen Mineralölbestandteilen sind. Derartige Druckfarben sind verfügbar, werden aber für Zeitungen leider nur im Ausland verwendet. Hier ist grundsätzlich anzumerken, dass das intensive Recycling von Papier und Karton im Sinne eines verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit Umwelt und Ressourcen sehr zu begrüßen ist. Da viele Papierprodukte mit Menschen oder Lebensmitteln in Kontakt kommen, sollte auf die Verwendung von gesundheitlich bedenklichen Stoffen nicht nur bei der Herstellung, sondern auch bei der Verarbeitung von Papier und Karton generell verzichtet werden. Leider gibt es derzeit keine einfache Lösung für dieses Problem.

Könnten Beschichtungen eine Lösung sein?

Prof. Schabel: Einige Kartonhersteller, Zulieferer und Forschungsinstitutionen arbeiten intensiv an der Entwicklung geeigneter Barriere- beschichtungen. Aufgrund der Verarbeitung der Kartonagen zu Faltschachtelkartons für Lebensmittelverpackungen sind aber mechanische Beanspruchungen der Beschichtungen und Lücken im Bereich des Kartonverschlusses nach Befüllung unvermeidlich, so dass eine Barriere alleine auch keine ausschließliche Lösung des Problems darstellen kann. Außerdem gibt es bisher keine Erfahrungen oder Vorgaben, wie hoch die Barrierewirkung sein muss und mit welchen Untersuchungsmethoden dieser Parameter gemessen werden kann. In Forschungsprojekten arbeiten wir an Prozessen zur Entfernung der Mineralölbestandteile aus Altpapier. Bessere Erkenntnisse über das Gefährdungspotenzial von Mineralölbestandteilen in Lebensmitteln wären hier sehr hilfreich. Damit könnten optimierte Recyclingprozesse beziehungsweise Lebensmittelverpackungen entwickelt werden.

Das Interview führte Gregor Andreas Geiger