Archiv Im Blickpunkt

Neues denken und umsetzen

Als Bereich der Bio-Ökonomie, der Veränderungen aktiv begegnet, so zeigte sich die Papierindustrie auf dem Symposium dreier akademischer Papierverbände. Unter dem Titel „next2paper“ ging es um Innovationen bei Papier, Fasern und Verarbeitung.

VM

Telefon, Computer, MP3-Player, das alles sind Erfindungen aus Deutschland. Aber wie sieht es heute aus, im Zeitalter von Digitalisierung und Industrie 4.0? Dies war ein Thema auf dem Symposium der Papieringenieure am 20. Oktober, abgehalten in Räumen der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Die vielen vorgestellten Neuentwicklungen im Bereich Fasern, Papierherstellung und Verarbeitung zeigten dann aber allen Zuhörern: Die deutsche Papierindustrie schlägt neue Wege ein. Wenngleich es natürlich in einem Industriezweig, der in teure Maschinen investieren muss, keine so schnellen Innovationszyklen geben kann, wie in manchen anderen Branchen.

Brigitte Zypries, bis zur Bildung einer neuen Regierung geschäftsführende Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, gab als Gastrednerin aus der Politik zu bedenken: „Wir warten in Deutschland immer bis etwas 150-prozentig ist, bekommen es dann aber nicht auf den Markt. Uns fehlt das Vermarktungsgen“. Soweit ihre ganz subjektive Einschätzung, die sie in der an ihren Vortrag anschließenden Diskussion äußerte. In ihrer Rede betonte sie, Digitalisierung solle nicht als Risiko, sondern als Chance begriffen werden. Deutschland verfüge mit einer starken industriellen Kompetenz und Durchdringung über eine Basis, die man nutzen könne. Allerdings, das bestätigte Zypries auf eine Nachfrage aus dem Publikum: Für den Breitbandausbau müsse die öffentliche Hand mehr Geld ausgeben.

Seit dem Jahr 2015 halten die Papieringenieur-Vereine, das heißt die Absolventen sowie Studenten von drei deutschen Hochschulen, an denen Papieringenieure ausgebildet werden, eine gemeinsame Tagung ab, jedes Mal zu einem anderen aktuellen Thema. Wie in den Vorjahren war auch in diesem Jahr an der TU Darmstadt das Programm äußerst umfangreich und vielseitig. In den vier Vortrags-Blöcken, „Industrie im Wandel“, „Fasern“, „Papier“ und „Weiterverarbeitung“ sprachen Fachleute aus Wissenschaft und Papierindustrie sowie von Ausrüstern über Erfahrungen, Einschätzungen sowie neue, zum Teil schon in der Praxis eingesetzte Technologien und beantworteten Fragen der Zuhörer. Zuvor hatten die ersten Vorsitzenden der drei Vereinigungen, Dr. Ernst-Ulrich Wittmann, VPM (München), Michael Moser, APV Dresden und Thomas Villforth von der APV Darmstadt die Symposiums-Teilnehmer begrüßt. Die Themenblöcke moderierten Prof. Dr. Frank Miletzky, TU Dresden, Prof. Dr. Markus Biesalski, TU Darmstadt, Erich Kollmar, Gebr. Bellmer GmbH und Prof. Dr. Martin Angerhöfer, Hochschule München.

Mehr als nur neue Produkte

Im ersten Vortragsblock beleuchtete Arne Kant von Pöyry Management Consulting inwieweit Innovation ein Erfolgsfaktor für Unternehmen der Papierwirtschaft ist. Dabei gehe es um mehr als nur neue Produkte, sondern etwa auch um Innovation im Prozessbereich oder bei Dienstleistungen für die Kunden. Innovation müsse eingebettet sein in andere strategische Erfolgsfaktoren, wie Dienstleistungsangebote, Unternehmenskultur, finanzielle Mittel und Netzwerkpflege. Diese sei mit der ausgeprägten Vereins- und Verbandsstruktur in Deutschland vorhanden.

Maschinenhersteller Voith will sich für die Entwicklung neuer Technologien deutlich weiter öffnen als in der Vergangenheit. Mit neuen Märkten und Technologiefeldern setzt sich das Voith Foresight-Management auseinander, das Timo Kalefe von Voith Paper Fabrics & Roll Systems vorstellte. Das „Trend und Technologie Scouting“ wählt neue Trends aus und bewertet sie zusammen mit Kunden. Betrachtet werden dabei auch ganz neue Rohstoffe und neue Materialien. Als ein Beispiel nannte er aus PET-Flaschen hergestelltes Papier.

Innovationskraft bei der Felix Schoeller Group

Hans-Christoph Gallenkamp, Absolvent der Technischen Universität Darmstadt und heute Chief Operating Officer (COO) der Felix Schoeller Group, erläuterte die Veränderungen des Unternehmens in den Jahren 2005 bis 2020. Der Titel seines Vortrags: „Die Folgen der Digitalisierung auf ein analog angelegtes Geschäftsmodell“. Nach einem dramatischen Rückgang des Fotopapier-Geschäfts habe das Unternehmen mit fast 50 Millionen Euro eine Papiermaschine für den Dekormarkt umgebaut. Die Schoeller Group habe nicht nur diversifiziert, sondern massiv in neue Geschäftsfelder, wie etwa Vliestapeten, und außerdem in neue Regionen investiert. Das Marketing und die Vertriebskompetenz sei gestärkt worden, daneben aber auch Effizienz und Kostendisziplin. Der Prozess der Veränderung müsse weiterhin zum Tagesgeschäft gehören, so Gallenkamp, wofür neben Geld auch Innovationskraft nötig sei. Wichtig sei es, früh Visionen und Ziele zu entwickeln, und diese den Mitarbeitern klar aufzuzeigen.

Themenblock Fasern

Dreidimensionale Formteile

Im Themenblock „Fasern“ ging es unter anderem darum, was aus Fasern hergestellt werden kann. So hat die Arbeitsgruppe Papiertechnik der Professur für Holztechnik und Faserwerkstofftechnik an der TU Dresden mehrere Forschungsprojekte ins Leben gerufen, die sich vor allem mit dreidimensionalen Formteilen aus Zellulosefasern beschäftigen. Zum Beispiel Schrauben und Muttern aus hochgemahlenen, stark fibrillierten und sehr bindungsaktiven Fasern, einsetzbar für elektrische Anlagen, wie sie René Kleinert vorstellte. Denkbar seien auch Anwendungen für die Möbelindustrie, Medizintechnik und nicht-tragende Teile in Autos.

Messtechnik mit Radar und Radiometrie

Christiana Langensiepen, VEGA Grieshaber, und Jens Lambrecht, erma engineering, stellten die Füllstandsmessung mit Radar und die Massenstrommessung mit Radiometrie als Alternativen zur hydrostatischen Füllstandsmessung beziehungsweise zur Bandwaage vor. Die Messverfahren basieren auf dem Einsatz elektromagnetischer Wellen. Die Radarsensoren können auch einzelne Zellstoffballen erfassen, die somit bedarfsorientiert in den Pulper gegeben werden können.

Innovatives Verfahren zur

Altpapieraufbereitung

Ein innovatives Verfahren zur Aufbereitung schwierig aufzulösender Altpapiere erklärte Christian Elsner von Repulping Technologie. Dabei werden Wasser und Faserstoffe gemischt. Durch Unterdruck in einem geschlossenen Behälter und Wiedereinströmen von Luft wird das Fasermaterial auf- und abgelöst. Dieser Prozess ermöglicht nach Aussage des Referenten auch das Auflösen und Trennen von mit Folien beschichteten Papieren.

Themenblock Papier

Bauen mit Papier

Neuentwicklungen im Bereich Papier lernten die Zuhörer im Themenblock „Papier“ kennen. Prof. Dr. Samuel Schabel sprach über das Projekt BAMP (Bauen mit Papier) an der TU Darmstadt. Beteiligt sind Bauingenieure, Architekten, Chemiker und Maschinenbauer der Fachrichtung Papieringenieurwesen. Es soll nachhaltiges Bauen, insbesondere für temporäre Bauten, mit Papier möglich machen. Papier sei ein „wunderbarer Rohstoff“, so Prof. Schabel, leicht, kompostierbar, recyclierbar und industriell verarbeitbar. Ziel sei es, maßgeschneiderte Papiere und konstruktive Lösungen für das Bauen zu entwickeln. Erstes praktisches Beispiel sei eine Kuppel aus Papierwaben, die hohe Stabilität aufweise. Holz müsse bis zur Faser heruntergebrochen werden und daraus ein neues zum Bauen geeignetes Material erzeugt werden. Optimale Festigkeit könne es durch effiziente Einstellung der Faserorientierung erhalten. Wie der nötige Feuchte- und Flammschutz erzielt werden kann, erforschen Chemiker auch von der TU Darmstadt, eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Markus Biesalski.

Kohlefaser-Recycling-Papier

Kohlenstofffasern aus Abfallströmen von kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen bilden den Grundstoff für das heizbare Kohlefaser-Recycling-Papier „KOHPA“, vorgestellt von Peter Helfer, Helfer Papier und Siegfried Fuchs, Neenah Gessner.

Verwendet werden kann der Kohlefaser-Verbundwerkstoff im Bereich Wärmeabgabe, zum Beheizen von Fußböden und Wänden, aber auch als Schutz vor elektrischer, magnetischer und elektromagnetischer Strahlung.

Papierbasierte Elektroden für die mikrobielle Stromerzeugung

Ein vom BMBF gefördertes Forschungsprojekt entwickelt papierbasierte Elektroden für ein Biofilmverfahren zur Abwasserreinigung. Die Elektroden dienen als Aufwuchsfläche für die elektrisch aktiven Mikroorganismen in Biofilmen. Dr. Eva Gilbert, EnviroChemie und Johann Strauß von der Papiertechnischen Stiftung (PTS) stellten das Projekt vor. Die mit einem hohen Anteil Graphit gefüllten Papiere weisen eine hohe elektrische Leitfähigkeit auf. Sie sind formbar und können in eine dreidimensionale Struktur gebracht werden, wodurch sie eine hohe Aufwuchsfläche für die Mikroorganismen bieten und das Reaktorvolumen effizient ausgenutzt wird.

Themenblock Weiterverarbeitung

Eine neue, innovative Thermodirekt-Drucktechnologie hat die Papierfabrik August Koehler SE entwickelt. Dr. Markus Wildberger, Corporate Director Technology, präsentierte sie im Themenblock „Weiterverarbeitung“ des Symposiums. Dabei wird kein Reaktivfarbstoff mehr eingesetzt, sondern die Farbgebung beruht auf physikalischen Prinzipien. Ein Opak-Layer bedeckt die schwarze Lage auf dem Papier. Bei Bestromung wird dieser transparent und lässt die darunterliegende Farbschicht erkennen. Die August Koehler SE hat das Papier unter dem Markennamen „Blue4est“ auf den Markt gebracht. Es ist frei von Phenolen, UV-beständig und für den Lebensmittelkontakt geeignet.

Ausführlich über die hier erwähnten und weitere Vorträge des Symposiums berichtet das Wochenblatt für Papierfabrikation (WfP).


Innovationskraft ist erforderlich um am Markt Erfolg zu haben.