Archiv Im Blickpunkt

Neue Perspektiven Teil 1

Rund hundert Teilnehmer hörten die Vorträge und stellten viele Fragen.

Wird man Papier in Zukunft überhaupt noch brauchen? Dieser Frage ging der Akademische Papieringenieur-Verein (APV) Darmstadt bei seiner Jahrestagung am 27. Oktober 2012 in Seeheim nach.

Dr. Hanns-Lutz Dalpke

Schon in der Einladung und dann ausführlicher in der Einführung zum Rundgespräch durch den Moderator Dr. Frank Miletzky, Vorstand der Papiertechnischen Stiftung in München (PTS), wurde mit Blick auf viele öffentliche Diskussionen und die realen Entwicklungen die Frage aufgeworfen, ob man Papier in Zukunft überhaupt noch brauchen wird. Es wurden dann beispielsweise das „papierlose Büro“ oder das „elektronische Buch“ beziehungsweise die „elektronische Zeitung“ und die Kommunikation über elektronische Medien genannt. Vor allem der angebliche Raubbau am Wald stellt hinsichtlich Umwelt unsere Industrie ins Abseits. Dabei wurde sehr schnell klar, dass in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, welche großen Vorteile dieser Werkstoff bietet und wie tief Papierprodukte wirklich in unserem Leben verankert sind. Auch ist der tatsächliche Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Papier unbekannt. Offenbar ist es bis jetzt noch nicht gelungen, der Allgemeinheit sowohl die Umweltfreundlichkeit als auch die breite Anwendungspalette von Papier richtig zu vermitteln. Dieses Kommunikationsproblem wurde in den Vorträgen immer wieder erwähnt.

Ziel der Vortragsreihe sollte es sein, „… Zukunftswillen, Optimismus und Innovationsfähigkeit der Papierindustrie und der gesamten Wertschöpfungskette zu dokumentieren.“ Seit ungefähr 2000 Jahren gibt es Papier, es war und ist aus unserem täglichen Leben nicht wegzudenken, und das sollte und wird auch so bleiben. Vielleicht wird der eine oder andere Anwendungszweck entfallen, aber es werden ganz sicher auch neue Anwendungen erschlossen. Ein Beispiel wurde bereits am Abend vor dem Rundgespräch vorgestellt (siehe Kasten auf Seite 8).

Das Tagungsthema zog gut hundert Zuhörer in den Vortragssaal, die den Vorträgen interessiert folgten und in den Diskussionen viele Fragen stellten.

In seinem Einführungsreferat erläuterte Dr. Miletzky einige allgemeine Punkte. Insgesamt herrscht in der Papierindustrie seit einiger Zeit eine gedrückte Stimmung über die wirtschaftliche Lage, da vor allem die graphischen Papiere, und das sind in Deutschland 42,5 Prozent der gesamten Erzeugung (Jahr 2011; 5 Jahre zuvor: 47 Prozent), auch strukturelle Einbußen erleiden. Bei den Verpackungspapieren (45 Prozent, vor fünf Jahren erst 41 Prozent) sieht es besser aus. Hier sind auch die Zukunftserwartungen besser, da die nachhaltigen Papier- und Kartonverpackungen gegenüber den Kunststoffverpackungen an Bedeutung gewinnen werden, weil deren Rohstoffbasis (Erdöl, Erdgas) schwindet und sich verteuert.

Miletzky prangerte die mangelnde Sachkenntnis bei solchen „Fachleuten“ an, die mit Slogans wie „wir machen anstelle Papier jetzt etwas Vernünftiges aus Holz“ hausieren gehen, und dabei vielleicht sogar die direkte Energiegewinnung im Auge haben. Viel sinnvoller ist es natürlich, zunächst Papier herzustellen, mehrmals zu recyceln und dann erst zu verbrennen oder zu kompostieren.

Der riesige Vorteil von Papier ist die Nachhaltigkeit – solange man nachhaltige Holzwirtschaft betreibt, wie das heute in den meisten hochentwickelten Ländern der Fall ist. Stichwort ist hier „Bioökonomie“. Angesichts der anspruchsvollen CEPI-Roadmap 2050 gilt es dabei, nicht nur die Prozesse zu optimieren, sondern die integrale Nutzung des Rohstoffs Holz insgesamt zu verbessern und neue Anwendungsgebiete zu erschließen. Nachdenken über die Prozesse UND über die Produkte ist angesagt! Die Roadmap des Verbands der europäischen Papierindustrie CEPI ist soweit bekannt das erste Dokument, mit dem eine Industrie so weit in die Zukunft schaut. Es legt fest, dass bis zum Jahr 2050 gegenüber dem Stand 1990 die Gesamt-CO2-Emission unserer Industrie um 80 Prozent verringert werden soll. Dies ist mit heutiger Technologie allein nicht zu schaffen. Innovationen sind also dringend notwendig.

Dr. Hartmut Wurster, Vorstandsmitglied UPM Kymmene Corporation, referierte über „Die Papierwirtschaft als Teil der Bioökonomie“. Als Vertreter des weltgrößten Papierkonzerns für graphische Papiere ging er besonders auf diesen Zweig der Papierindustrie ein, aber gerade der ist ja besonders betroffen, weil die elektronischen Medien dem Papier Marktanteile abnehmen.

Dennoch, so Wurster, werde die 6. Industrielle Revolution wohl weniger durch die Informationstechnologie als vielmehr durch eine nachhaltige Bioökonomie bewirkt. Und hier sollte die Papierindustrie ihre Stärke erkennen und ausnutzen: Aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz erst Papier erzeugen, dasselbe dann nach Möglichkeit wiederverwenden, dann den Rohstoff wiederverwenden (Recycling) und erst zum Schluss als Bioenergiequelle nutzen oder kompostieren.

Zum Thema „Waldvernichtung“ durch die Papierindustrie rief Wurster die Realität ins Gedächtnis: In Deutschland werden von dem eingeschlagenen Holz weniger als zehn Prozent für die Papierindustrie verwendet, aber bereits etwa 50 Prozent als erneuerbare Energie genutzt! Und da die Energiepreise drastisch gestiegen sind, ist auch der Holzpreis drastisch gestiegen, was es unserer Industrie trotz ihres kleinen Anteils an der Holznutzung sehr schwer macht. Da also Rohstoff und Energie teurer geworden sind, die erzielbaren Preise sich aber verringert haben, muss die Industrie innovativ tätig werden, um sich langfristig wirtschaftlich sicher zu stellen. Dazu gehört unter Umständen auch die Erschließung neuer Geschäftsfelder. UPM hat zum Beispiel beschlossen, für 150 Millionen Euro eine Anlage zur Gewinnung von Biodiesel aus Ablauge der Zellstoffproduktion zu errichten.

In einem weiteren Vortrag behandelten Prof. Dr. Samuel Schabel und Dr. Frank Miletzky das Thema Innovation: „Differenzierung durch Innovation – Betrachtungen zur Systematik von Innovationsprozessen, Erfolgsfaktoren und Randbedingungen.“ Zunächst ging Prof. Schabel auf die oben schon erwähnte Roadmap 2050 der CEPI ein. Vor allem der Aspekt, dass das dort postulierte Ziel der 80-prozentigen Verminderung der CO2-Emission nur auf völlig neuen Wegen erreicht werden kann, wurde diskutiert.

Daneben ist es natürlich die permanente Aufgabe aller Mitarbeiter, die bestehenden Prozesse nach Möglichkeit zu verbessern. Das betrifft die Materialausnutzung ebenso wie die Art der Produkte und auch die Nutzung der eingesetzten Mittel, zum Beispiel Energie oder Wasser.

Alte Wege müssen dabei unter Umständen verlassen werden. So ist die klassische Neuentwicklung „Forschung im Elfenbeinturm der Hochschulen, dann Weitergabe an die Industrie“ nicht immer effektiv. Auch die „Standardisierung der Innovation“, also die Forschung nach sozusagen behördlichen Vorgaben (danach gibt es nämlich die Forschungsmittel!), ist keinesfalls besonders effektiv. Kreativität und Spontaneität leiden unter solchen Vorgaben. Auch das Beharren auf alten Wegen („um Gotteswillen nichts Neues“, „was ist das für eine Schnapsidee“) hindern oft an wirklich kreativer Arbeit. Gefordert wird, dass man auch das Unmögliche denkt!

Schabel und Miletzky schlagen vor, sich hinsichtlich des Faserstoffs „Cellulosefaser“ mit der Werkstoffindustrie kurzzuschließen, dabei könnten neue Anwendungsgebiete entdeckt werden. Die Firmen sollten sich vernetzen und gemeinsam nach neuen Anwendungen suchen. Die Kommunikation von Aufgaben und Ergebnissen sollte verbessert werden. Dann wird es leichter und schneller, wirklich Neues zu finden.

Als positives Beispiel nannte Schabel die deutsche Textilindustrie: Vor einigen Jahren totgesagt, hat sie durch die Nutzung von Marktlücken und kreative Gedanken heute wieder einen soliden Stand in Deutschland, trotz der Massenprodukte aus Nah- und Fernost.

Für eine verbesserte Kommunikation wurde die Gründung eines Zellcheming-Fachausschusses „Innovative Produkte, innovative Prozesse“ vorgeschlagen. Als Anfang treffen sich Vertreter der bekannten Fachinstitute der Papierindustrie nunmehr zweimal im Jahr zu einem Erfahrungsaustausch.

Teil 2 des Artikels erscheint in der nächsten Ausgabe von Papier+Technik, Anfang Februar 2013.