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Hohe Belastung für den Mittelstand


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Während das Leben teurer geworden ist und die Löhne gestiegen sind, hat die Politik die Tarifgrenzen, ab denen ein bestimmter Steuersatz gilt, seit Jahren kaum geändert. Schon mittlere Einkommen werden deshalb höher belastet. Und nicht nur das führt dazu, dass so viel vom Bruttolohn an den Staat geht.

Dr. Tobias Hentze

Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Es gibt unter Finanzpolitkern einen beliebten Spruch: „Die Masse füllt die Kasse“. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass zwar Spitzenverdiener aufgrund der mit dem Einkommen steigenden Steuersätze einen größeren Anteil ihres Einkommens an den Staat abführen als Normalverdiener, aber ohne die breite Mitte der Gesellschaft würde das Kartenhaus nicht stehen. Politiker befürchten bei einer Entlastung der Mittelschicht, dass das Kartenhaus zusammenfällt. Da diese Erkenntnis parteiübergreifend besteht, wird „die hart arbeitende Mitte“, wie es im Wahlkampf oft hieß, mit den Jahren eher mehr als weniger geschröpft. Normalverdiener zahlen bei vergleichbarer Bemessungsgrundlage heute zwei bis drei Prozentpunkte mehr Einkommensteuer als noch 2005. Bei einem Bruttogehalt von 50.000 Euro sind das zum Beispiel rund 100 Euro im Monat.

Dabei hat die Politik offiziell gar nicht an der Steuerschraube gedreht. Vielmehr führen die schleichenden Steuererhöhungen durch die kalte Progression zu der höheren Einkommensteuerbelastung. Während das Leben insgesamt teurer wird und auch die Löhne daher steigen, lässt die Politik die Tarifgrenzen, ab denen ein bestimmter Steuersatz gilt, seit Jahren weitgehend unverändert. Dies lässt sich am Beispiel des Einsetzens des Spitzensteuersatzes veranschaulichen: Ab einem zu versteuernden Einkommen von 54.058 Euro wird der Spitzensteuersatz von 42 Prozent fällig. Es ist offenkundig, dass alleine aufgrund der Inflation heute viel mehr Menschen ein Einkommen in dieser Höhe haben als vor zehn Jahren. Da die Politik die Grenze in den vergangenen zehn Jahren jedoch kaum verändert hat, rutschen in der Folge viel mehr Menschen in den Spitzensteuersatz, nämlich rund vier Millionen Personen. Das sind 50 Prozent mehr als noch 2012. Der Spitzensteuersatz greift heute bereits bei dem 1,5-fachen des Durchschnittsverdienstes eines in Vollzeit tätigen Arbeitnehmers. In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik betrug die Relation ein Vielfaches davon. Damit führt der Wortlaut in die Irre: Der Spitzensteuersatz gilt längst nicht mehr nur für Spitzeneinkommen.

Der „Mittelstandsbauch“

Da auch die anderen Grenzwerte des Einkommensteuertarifs kaum angepasst wurden, verläuft der Tarif heute relativ steil. Dies begründet den sogenannten Mittelstandsbauch: Der Steuersatz für einen zusätzlich verdienten Euro steigt bereits bei eher geringen Einkommensklassen stark an. Gleichzeitig sind die Steuersätze heute niedriger als in früheren Jahrzehnten. Bei einer Reform der Einkommensteuer bedarf es daher auch keiner Veränderung der Steuersätze, sondern der Tarifgrenzen. Wenn die Politik alle Grenzwerte des Einkommensteuertarifs um zum Beispiel 5.000 Euro erhöht, gilt jeder Steuersatz im Vergleich zu heute erst bei einem 5.000 Euro höheren Einkommen. Der Spitzensteuersatz wird dann ab einem Einkommen von 59.058 Euro statt 54.058 fällig.

Der Spitzensteuersatz wird nicht auf das gesamte Einkommen, sondern nur auf das Einkommen oberhalb des Grenzwerts erhoben. Dabei ist zwischen dem zu versteuerndem Einkommen und dem deutlich höher liegenden Bruttogehalt zu unterscheiden. Werbungskosten oder Krankenversicherungsbeiträge sind beispielsweise abzugsfähig. Ein gut verdienender Facharbeiter mit einem Jahresbruttogehalt von 70.000 Euro zahlt so auf etwa 5.000 Euro den Spitzensteuersatz in Höhe von 42 Prozent. Auf sein gesamtes Gehalt zahlt er dagegen 23 Prozent Einkommensteuer.

Die Einkommensteuer ist jedoch längst nicht das Einzige, was vom Bruttogehalt in die Staatskasse fließt. So kommt der Solidaritätszuschlag in Höhe von 5,5 Prozent der gezahlten Einkommensteuer hinzu. Ferner reduzieren die Sozialabgaben das verfügbare Einkommen. Von dem Nettogehalt müssen dann noch alle anderen Steuerarten bezahlt werden, allen voran die Mehrwertsteuer. So geht in vielen Fällen vom Bruttogehalt die Hälfte oder mehr an den Staat. Dass der Staat heute insgesamt zulasten der Steuerzahler besser dasteht als vor einigen Jahren, lässt sich an der Steuerquote ablesen, die das Verhältnis von Steuereinnahmen zum Bruttoinlandsprodukt misst. In diesem Jahr steigt die Steuerquote auf 22,7 Prozent. Würde sie dagegen so hoch sein wie im Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre (21,1 Prozent), müsste der Staat auf 50 Milliarden Euro im Jahr verzichten.

Spielraum für Steuer-Entlastung

Spielraum für eine steuerliche Entlastung der Bürger ist also vorhanden. Dabei würde das Geld zumeist wieder zurück in die Wirtschaft fließen und für zusätzliche Steuereinnahmen sorgen, wenn beispielsweise ein Urlaub gebucht oder eine neue Küche gekauft wird. Auch der Traum vom Eigenheim würde vor allem für Familien und jüngere Menschen greifbarer werden. Im Wahlkampf haben zwar fast alle Parteien den Bürgern Steuerentlastungen versprochen. Gleichzeitig haben sie aber auch die vielen Aufgaben des Staates betont, für die sie Geld benötigen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die meisten Politiker im Zweifelsfall das Geld lieber selbst ausgeben als es den Bürgern zu überlassen. Ob es in Zukunft anders sein wird?


Bleibt nach Abzug der Steuern wenig vom Gehalt oder Lohn übrig? Die seit Jahren unverändert gebliebenen Tarifsätze der Einkommenssteuer tragen dazu bei.