Archiv Im Blickpunkt

Gewaltige Entwicklung

Als der Nürnberger Ratsherr Ulman Stromer am 24. Juni 1390 die Gleismühle als Hadernmühle in Betrieb nahm, konnte er nicht ahnen, welche gewaltige Entwicklung die Papiermacherkunst nehmen und wie Papier die Geschicke der Welt begleiten würde.

Gregor Andreas Geiger

2015 – 625 Jahre später – ist die deutsche Papierindustrie die Nr. 1 in Europa, die Nr. 4 weltweit und eine Gesellschaft ohne Papier nicht mehr denkbar.

Als Ulman Stromer seinen unternehmerischen Schritt in seiner Familienchronik „Püchl von mein geslecht und von abentewr“ (Buch meiner Familie und Geschehnisse) festhielt, lag die eigentliche Erfindung des Papiermachens schon mehr als ein Jahrtausend zurück. Im Jahr 105 nach Christus beschreibt der chinesische Minister Tsai Lun erstmals die Herstellung von Papier aus zerstampften Pflanzenfasern, die in Wasser aufgelöst und mit einem Sieb entwässert wurden. Im 4. Jahrhundert kannte man in China bereits bemalte Tapeten aus Papier, um 650 nach Christus wurde Papiergeld als Währung ausgegeben.

Über die Seidenstraße gelangte die Kunde von der Papiermacherei um 750 in den arabischen Kulturkreis. Statt der in China üblichen Rohstoffe nutzten die Araber hauptsächlich Flachs und Hanf und führten die Oberflächenleimung ein, um eine bessere Beschreibbarkeit des Papiers zu erreichen.

Die Eroberungszüge der Araber brachten Papier im 10. Jahrhundert über Nordafrika ins südliche Europa. In Spanien wurde in der Gegend von Valencia im Jahr 1144 erstmals Papier in Europa hergestellt. In Fabriano ist um 1280 die erste Papiermühle in Italien erwähnt.

Eine wachsende Nachfrage machte Investitionen in die Papierherstellung auch in anderen Ländern attraktiv. Ulman Stromer erkannte die unternehmerische Chance und baute eine bestehende Getreidemühle in eine Hadernmühle um, in der Wasserkraft insgesamt 18 Stampfwerke antrieb. Papiermacher aus Italien stellten hier unter strengen Geheimhaltungsvorschriften Papier her.

Die 1445 von Johannes Gutenberg erfundene Kunst des Buchdrucks machte es möglich, Wissen in bis dahin unvorstellbarem Maß zu vervielfältigen. Die beginnende Renaissance weckte den Wissensdurst der Menschen und gab neuen Gedanken Raum. Ein aufstrebendes Bürgertum fragte Bücher und Abhandlungen über historische, technische und künstlerische Entwicklungen nach. In diese Zeit fällt der Druck der ersten Weltkarte auf Papier sowie leicht lesbarer Prosa in Gedichtform, von Novellen und Romanen. Auch erste Biographien und Autobiographien kamen auf. In der Musik erweiterten Noten auf Papier die Vielfalt der Stilrichtungen. Papier bereitete den Weg für die großen gesellschaftlichen Umwälzungen.

Papier zu „Bausch und Bogen“ gestapelt
Die Zahl der neuen Papiermühlen dokumentiert die wachsende Nachfrage: Um 1440 existierten in Deutschland rund zehn Mühlen, um das Jahr 1500 waren es 60 und 1600 bereits 190 Mühlen. Durch die Papiermacherei entstanden zahlreiche neue Berufe: Lumpensammler und Sortierer, die Rohstoffe sammelten, sortierten und zur Weiterverarbeitung vorbereiteten; Papierschöpfer, die die Bogen mit einem Sieb aus der Bütte schöpften; Gautscher, die die noch nassen Papierbogen auf Filz ablegten; Leger, die die Bogen von den Filzen abnahmen und zu „Bausch und Bogen“ – 181 Bogen Papier zwischen 182 Lagen Filz – stapelten. Zudem wurden viele Hilfskräfte benötigt, um die Bogen zum Trocknen aufzuhängen, zu pressen, polieren, sortieren und verpacken.

Für die Lehrlinge, die die Bütte vorbereiten mussten, begann der Arbeitstag oft bereits um zwei Uhr morgens, dann nahmen Schöpfer, Gautscher und Leger die Arbeit auf. Oft wurden 13 Stunden geschöpft und dabei mehr als 3000 Papierbogen von einem Team aus Schöpfer, Gautscher und Leger hergestellt. Die Bogen wurden – häufig in den gut belüftbaren Speichern der Papiermühlen – zum Trocknen aufgehängt und anschließend gepresst, um die Oberfläche zu glätten. Um eine besser beschreibbare Oberfläche des Papiers zu erhalten, wurden die Bogen durch ein Leimbad gezogen. Sie wurden dann erneut getrocknet, gepresst, mit einem Achat-Stein poliert und schließlich sortiert und verpackt.

Suche nach neuen Rohstoffen
Die wachsende Nachfrage nach Papier konnte mit den bis dahin genutzten Rohstoffen bald kaum noch bedient werden. Es gab sogar Ausfuhrverbote für die wertvollen Hadern. Zahlreiche Forscher versuchten, diesem Dilemma zu entkommen. Zwischen 1765 und 1771 veröffentlichte der Quedlinburger Jacob Christian Schäffer – übrigens Botaniker und Biologe – sechs Bände über „Versuche und Muster ohne alle Lumpen oder doch mit einem geringen Zusatz derselben Papier zu machen“. Er experimentierte unter anderem mit Torf, Pappelwolle, Wespennestern und Sägespänen als Rohstoff. Die 1774 von dem Juristen Justus Claproth veröffentlichte Abhandlung über „Eine Erfindung aus gedrucktem Papier wiederum neues Papier zu machen und die Druckfarbe völlig herauszuwaschen“, kann man als Grundlage des Recyclings von Druckpapieren und des Deinkings betrachten.

Erfindungen bringen dynamischen Aufschwung
Schäffer war mit der Betrachtung von Wespennestern bereits auf der richtigen Spur. Den Durchbruch schaffte allerdings erst im Jahr 1840 der sächsische Weber Friedrich Gottlob Keller, der Holz als Rohstoff für die Papierherstellung nutzbar machte. Bei seiner 1845 patentierten Holzschliff-Maschine wurde der Zerfaserungsprozess des Wespennestbaus nachgeahmt und entrindetes Holz gegen einen sich drehenden Schleifstein gepresst. Aus dem entstehenden Faserbrei konnte Papier geschöpft werden. Kurz darauf, 1851, gelang es den Chemikern Hugh Burgers und Charles Watt, Holz chemisch aufzuschließen und Natronzellstoff herzustellen. Bereits 1854 wurde im US-Bundesstaat Pennsylvania das erste Zellstoffwerk der Welt errichtet. Der nachwachsende Rohstoff Holz wurde zum Grundrohstoff für die Papierherstellung.

Keller hatte der Papierindustrie einen in großen Mengen verfügbaren, nachwachsenden Rohstoff erschlossen. Zusammen mit der bereits knapp 40 Jahre zuvor von Nicolas Louis Robert, Werksleiter einer Papierfabrik im französischen Essonnes, entwickelten Papiermaschine nahm die Branche einen dynamischen Aufschwung. Mit Roberts 1799 patentiertem Verfahren konnte erstmals Papier auf einem umlaufenden Sieb hergestellt und die Papierbahn aufgerollt werden.

Hauptmerkmal und eigentliche Innovation der Robertschen Maschine war das auf einer hölzernen Bütte zwischen zwei Walzen angebrachte endlos laufende Drahtsieb. Robert betrieb die Maschine mit einer Handkurbel, die über breite Schaufeln kontinuierlich Faserstoff aus der Bütte auf das Sieb schüttete. Auf diese Weise war es möglich 12 bis 15 Meter Papier am Stück zu fertigen. Die Maschine ersetzte drei bis vier Schöpfbütten beziehungsweise sechs Papierschöpfer bei einer Tagesleistung von 250 bis 300 Kilogramm Papier.

Die wesentlichen Rohstoff- und Produktionsfragen waren nun gelöst. Aus dem vielfach noch handwerklich orientierten Papiermachergewerbe konnte sich eine Industrie entwickeln, die zunehmend auch neue Produkte auf den Markt brachte. Waren die Anfänge noch im Wesentlichen von der Herstellung graphischer Papiere geprägt, rückten nun verstärkt neue, speziellere Einsatzmöglichkeiten ins Blickfeld. Im Jahr 1841 gab es erste Papierabzüge in der Fotographie, die sogenannten Talbottypien. Der Amerikaner Joseph Cayetty produzierte 1857 in einer Fabrik mit „Cayetty’s medicated paper for the water closet“ das erste Toilettenpapier. Im Jahr 1871 entwickelte der Amerikaner Albert L. Jones die Wellpappe. Sie revolutionierte den Verpackungsmarkt.

Schon früh auf internationalem Leistungsstandard
Die Branche wuchs und wuchs – auch in Deutschland. 1872 – im aufstrebenden Kaiserreich – organisierte sich die Branche im Verband Deutscher Papierfabriken. Um 1900 gab es im damaligen Reichsgebiet rund 1000 Unternehmen mit 1150 Werken. Ihre Zahl ging nach dem ersten Weltkrieg – auch als Folge eines beginnenden Konzentrationsprozesses – auf rund 800, bis zum Zweiten Weltkrieg auf 730 Unternehmen mit 840 Betrieben zurück. Gleichzeitig stieg die Zahl der Papier- und Pappemaschinen auf 270 an. In immer weniger Unternehmen mit größeren Betriebsstätten wurden breitere und schnellere Maschinen eingesetzt und größere Mengen Papier, Karton und Pappe produziert. Die Anpassung an den internationalen Leistungsstandard wurde in der Papierindustrie dabei bereits in den 20er Jahren vollzogen.

Während die Branche im Kaiserreich einen nahezu autarken Markt belieferte und zwischen 1900 und 1914 eine Exportquote von nur 12 Prozent aufwies, musste sie sich nach dem ersten Weltkrieg auf die Konkurrenz der expandierenden nordamerikanischen und skandinavischen Unternehmen einstellen. Das Altpapierrecycling spielte zu dieser Zeit im Vergleich zu den Primärfaserstoffen Zellstoff und Holzstoff eine noch untergeordnete Rolle. So lag die Einsatzquote von Altpapier Mitte der 20er Jahre nur bei zehn Prozent. 1936 betrug die Quote immerhin das Doppelte.

Der Papierverbrauch nimmt weiter zu
Bis zum ersten Weltkrieg stieg der Papierverbrauch mit fortschreitender Industrialisierung und Technik, mit den Ansätzen zu einer modernen Werbe- und Verpackungswirtschaft sowie wachsenden kulturellen Ansprüchen auf 25 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Trotz der gravierenden Auswirkungen des verlorenen Krieges und der nachfolgenden Inflation erhöhte sich der Papierverbrauch auch in den 20er und 30er Jahren mit wachsendem Lebensstandard weiter.

Der Zweite Weltkrieg bildete auch in der Papierindustrie eine einschneidende Zäsur. Durch die Abtrennung Ost- und Mitteldeutschlands hatte die westdeutsche Papierindustrie mit dem Wegfall der Zellstoffwerke und der Holzschlifferzeugung große Teile ihrer Rohstoffversorgung verloren. Viele Betriebe waren durch Kriegsschäden zerstört und hatten, zum Teil auch durch Demontagen, ihre Leistungsfähigkeit weitgehend eingebüßt. Im Potsdamer Abkommen legten die Siegermächte für Deutschland einen Pro-Kopf-Verbrauch für Papier von sieben Kilogramm fest.

Wirtschaftswunder und steigender Export
Aus den Trümmern heraus entwickelte sich – durch Marshall-Plan und soziale Marktwirtschaft getrieben – ein Wirtschaftswunder, das die Bundesrepublik zu einer der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt machte. Parallel zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verzeichnete auch die Papierindustrie einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, nicht zuletzt wegen des stetig wachsenden Exports. 1960 war der deutsche Export 4,5-mal so hoch wie 1950 und das Bruttosozialprodukt hatte sich verdoppelt. In der Papierindustrie stieg die Ausfuhrquote von 3,5 Prozent im Jahr 1950 auf 10,8 Prozent 1970 und liegt heute bei rund 56 Prozent. 76 Prozent der Ausfuhren gehen in den EU-Raum.

Modernste Technologien
Ab Mitte der 1950er Jahre standen Kapazitätserweiterungen im Vordergrund der Investitionen. Dies begünstigte auch die Entwicklung und den Einsatz modernster Technologien. Die rasche Zunahme des Papierverbrauchs zwischen 1955 und 1965, die Öffnung der Einfuhrbestimmungen und die Neuregelung der Zölle bedeuteten für die deutsche Papierindustrie einen starken Konkurrenzdruck, der zu stetigen Qualitäts- und Leistungssteigerungen führte. Der Papiermarkt entwickelte sich zu einem differenzierten Sortenprogramm, was sich nicht zuletzt in der Weiterentwicklung der Druck- und Verarbeitungstechniken zeigte.

Im Jahr 1954 wurde in Deutschland das erste maschinengestrichene Papier hergestellt. Diese neue Qualität leitete den Aufschwung des Farbdrucks für viele neue Magazin- und Illustriertentitel ein. Regelmäßige sportliche Großereignisse wie die des Jahres 1972 (Fußball-Europameisterschaft und Olympiade in München) trieben die Auflagen der Printtitel.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Wende wurde aus zwei deutschen eine deutsche Papierindustrie. Zahlreiche Betriebe in den neuen Bundesländern waren nicht konkurrenzfähig und verschwanden vom Markt. Andere wurden von Firmen aus dem Westen übernommen oder als Unternehmen neu aufgestellt. Gleichzeitig entstanden auch in den neuen Bundesländern einige neue Werke „auf der grünen Wiese“.

Unter dem Strich sank die Zahl der Betriebe von rund 290 im Jahr 1990 auf rund 190 im Jahr 1995. Gleichzeitig stieg die nun gesamtdeutsche Produktion weiter deutlich an. Daran hatte auch die zunehmende elektronische Datenverarbeitung ihren Anteil, die wider Erwarten zu einer deutlichen Zunahme des Verbrauchs an Büro- und Administrationspapieren führte.

Heute werden in Deutschland 22,4 Millionen Tonnen Papier in rund 165 Betrieben produziert. Die Branche beschäftigt gut 40 000 Mitarbeiter. Nach schwierigen Jahren, in denen der Verbrauch grafischer Papiere deutlich zurückgegangen ist und vom Wachstum des Verpackungssektors nur zum Teil aufgefangen werden konnte, scheint sich die Produktion derzeit zu stabilisieren. Auch 625 Jahre nach der Gründung der Gleismühle hat Papier nichts von seiner Zukunftsfähigkeit verloren.