Archiv Im Blickpunkt

Europa in drei Stationen

Die großen Konzerne der Papierindustrie agieren international und entsenden teilweise auch Mitarbeiter an ausländische Standorte. Bei Stora Enso zum Beispiel werden international mobile Mitarbeiter als Wettbewerbsvorteil und damit als ein Schlüssel zum Geschäftserfolg gesehen.

Der 38-jährige Ralf Dickgreber arbeitete für Stora Enso bereits in Brüssel, London und jetzt in Helsinki. Papier + Technik sprach mit ihm über seine Erfahrungen.

Papier + Technik: Herr Dickgreber, wie sah Ihre berufliche Laufbahn aus?

Ralf Dickgreber: Ich habe 1992 als Kaufmann bei der damaligen Stora in Hochheim am Main bei Frankfurt angefangen und mich dann neben der Arbeit zum Betriebswirt weitergebildet. Beschäftigt war ich mit der Abwicklung von Währungs- und Zinsgeschäften für die Büros in Brüssel, Singapur und Stockholm. Dann bin ich zum Back-Office Manager aufgestiegen, habe ins Controlling reingeschaut und auch buchhalterische Arbeiten übernommen. Nach dem Zusammenschluss der schwedischen Stora mit der finnischen Enso im Jahr 1998 arbeitete ich ein paar Monate für eine schwedische Bank in Frankfurt, bin dann aber wieder zu Stora-Enso zurückgekehrt. Und dann ging die Reise los…zuerst wurde ich für drei Jahre nach Brüssel entsandt, war danach drei Jahre in London bis die dortige Abteilung nach Helsinki umgezogen ist. Seit Juli 2006 arbeite ich für Stora Enso in Helsinki.

Papier + Technik: Womit genau sind Sie beschäftigt?

Ralf Dickgreber: Preisschwankungen, beim Einkauf der Rohwaren und bei den Endprodukten, bergen für die Papierindustrie enorme Risiken. Sie haben starke Auswirkungen auf die Ergebnisse. Das Commodity and Energy Risk Management, in dem ich arbeite, sichert diese Preise auf dem Finanzmarkt mit bestimmten Finanzprodukten ab. Dadurch können die einzelnen Werke mit einem festen Preis für Strom, Öl, Zellstoff oder Altpapier rechnen.

Papier + Technik: Hatten Sie keine Eingewöhnungsschwierigkeiten im Ausland?

Ralf Dickgreber: Es gibt eine goldene Regel: Nach fünf Jahren verliert man ein bisschen den Drang wieder nach Hause zu gehen. Das war auch bei mir so. Es wurde dann wichtiger, mich dort zurechtzufinden, wo ich gerade war. Und: Je öfter man wechselt, desto schneller kann man sich an einem neuen Ort wieder eingewöhnen. Obwohl es natürlich auch anstrengend und ermüdend ist, nie die Gewissheit zu haben, wo man in den nächsten drei Jahren sein wird.

Papier + Technik: Beherrschten Sie eigentlich immer die jeweilige Landessprache?

Ralf Dickgreber: Französisch konnte ich von der Schule her; das habe ich dann in Brüssel intensiviert. Englisch war immer Bestandteil meines täglichen Jobs, die Geschäftssprache, egal an welchem Standort. Jetzt nehme ich zwar wöchentlich Unterricht in Finnisch, aber da brauche ich wohl ein bisschen länger, um es zu lernen. Die Sprache ist doch sehr ungewöhnlich und kompliziert. Da ich früher ein Jahr in Schweden gearbeitet und Schwedisch gelernt habe, kann ich mir hier aber weiterhelfen. Finnland ist ja fast zweisprachig. Schilder sind zum Beispiel oft in Finnisch und in Schwedisch geschrieben.

Papier + Technik: In jedem Land haben die Menschen eine etwas andere Mentalität. Gibt es auch Unterschiede in der Arbeitsweise?

Ralf Dickgreber: Sehr verwandt finde ich die finnische und die deutsche Arbeitsweise. Finnland hat nicht viele Exportprodukte, so dass sehr viel Wert auf Ausbildung und Wissen gelegt wird. Also, in der Denkweise sind uns die Finnen sehr ähnlich, wenn auch in ihrem Verhalten etwas zurückhaltender.

Bei den Belgiern geht es etwas entspannter zu, nicht ganz so pünktlich und genau. Eben etwas mehr französisches Laissez-faire. Das hat aber auch positive Elemente. Man sieht vieles nicht so streng und es kommt nicht so viel Hektik auf.

Was London angeht, da wird mehr mit Ellenbogen gearbeitet. Aber trotzdem: Die Atmosphäre ist sehr freundlich, für einen Deutschen vielleicht etwas oberflächlich. Ich habe gerne in London gearbeitet. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten unheimlich hoch. Man muss große Einschränkungen machen, was Annehmlichkeiten angeht, für alles anstehen, lange Wege in Kauf nehmen. Die Londoner haben oft ein bis zwei Stunden einfache Fahrtzeit für ihren Weg zur Arbeit.

Papier + Technik: Was hat Ihnen denn in den einzelnen Ländern besonders gefallen?

Ralf Dickgreber: In Brüssel die exzellente, französische Küche. Und das Bier. An London fasziniert mich das Multikulturelle. Es ist eine tolle Sache, dass man mit so vielen Kulturen zusammenkommen kann. Und Helsinki: Ich bin gerne am Wasser und wohne in einem kleinen Appartement mit Blick aufs Meer. Im Sommer kann ich abends surfen. Das ist ein kompletter Kontrast zum Londoner City-Life – sehr erholsam, sehr naturverbunden.

Papier + Technik: Und Ihr „Lieblingsort“?

Ralf Dickgreber: Das ist London, trotz der Nachteile. Die Stadt ist einfach attraktiv, voller Leben, mit ihrem großen kulturellen Angebot, den vielen Restaurants. Ich bin allerdings unverheiratet, und habe keine Kinder. Für eine Familie ist es vielleicht etwas anderes. Und es kommt auch auf den Typ an. Jemand, der gerne zurückgezogen lebt, fühlt sich natürlich in einer Waldhütte im Norden von Finnland wohler.

Papier + Technik: Fahren Sie überhaupt noch öfter nach Deutschland?

Ralf Dickgreber: Ja. Ungefähr alle sechs Wochen besuche ich meine Familie in Deutschland.

Papier + Technik: Fällt Ihnen mit dem Abstand, den Sie jetzt sicher haben, irgendetwas auf, was sich in Deutschland in den letzten Jahren geändert hat?

Ralf Dickgreber: Ich glaube, in Deutschland hatte sich über die Jahre eine gewisse Bequemlichkeit eingeschlichen, was sich aber in den letzten ein bis zwei Jahren wieder geändert hat. Wo man gemerkt hat, der Wirtschaft geht es nicht so gut, wir müssen wieder anpacken, Veränderungen einführen, wieder wettbewerbsfähig werden. Es gibt jetzt wieder eine Aufbruchstimmung, die ich lange vermisst habe.

Papier + Technik: Zum Schluss ein Blick in die Zukunft. Wo können Sie sich vorstellen, sesshaft zu werden?

Ralf Dickgreber: Ich gehe jetzt auf die Vierzig zu und mache mir natürlich schon Gedanken, wo ich mich eigentlich niederlassen möchte. Wahrscheinlich wird es mich doch wieder nach Deutschland ziehen. Oder vielleicht nach London…Die Winter in Finnland sind lang und kalt, und die Dunkelheit kann einem schon zu schaffen machen. Obwohl die schönen, allerdings kurzen Sommer für einiges entschädigen.

Das Interview führte Verena Manek