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Er kommt vom Papier nicht los

Kontrolle und Qualität sind ihm wichtig: Johann-Caspar Tönnesmann kämpft im Sauerland für seine kleine Papierfabrik. Dabei lässt er sich von seinen Mitarbeitern auch schon mal die rote Karte zeigen.

Johanna Schoener

Die rote Karte bekommt Johann-Caspar Tönnesmann heute nicht gezeigt. Sie bleibt in der Hemdtasche seines Mitarbeiters stecken, der ein Auge zudrückt, obwohl Tönnesmann wieder mal auf der Papiermaschine herumklettert. Er greift ins brodelnde Papier-Wasser-Gemisch. Testet die unfertige Masse, indem er sie zwischen den Fingern reibt. Dreht an Knöpfen, gibt Anweisungen, prüft den Ablauf. Die rote Karte haben die Arbeiter eingeführt, um ihren Chef zu warnen, wenn er der Papiermaschine bedenklich nah kommt – wegen damals.

Es war ein heißer Tag. Tönnesmann sah, dass die Maschine im langsamen Kriechgang lief. Es habe Probleme gegeben, sagten die Mitarbeiter, den Fehler hätten sie aber nicht gefunden. Während sie die Maschine wieder auf Normalgeschwindigkeit brachten, entdeckte er den Störfaktor: Ein dickes Stück Pappe. Er schnappte sich Leiter und Schlauch, um es mit Luftdruck herauszublasen. Plötzlich wurde ihm schwindelig. Er rutschte ab und sein Arm geriet in eine der Walzen. An die zerquetschten Knochen und die vierstündige Operation erinnert heute nur noch eine Narbe.

Dieser Unfall passt zu Tönnesmann. Er ist hilfsbereit, zupackend und energisch. Er muss die Dinge berühren, braucht die pappmascheeartige Masse in der Hand, um die Papierproduktion richtig zu erklären: Es fängt an mit den Flaschenetiketten, die sich mit anderen Altpapierballen auf dem Hof stapeln und hört auf mit dem bunten Geschenkpapier in der Hand, in das sie sich verwandeln. Oder mit Versandtaschen. Oder Briefumschlägen.

Die Fabrik Tönnesmann & Vogel stellt Spezialpapiere her. 20 000 Tonnen im Jahr. Der 55-jährige Chef lässt es sich nicht nehmen, so oft wie möglich selbst anzupacken: „Wer einmal Papier gerochen hat, kommt nicht mehr davon los“.

In fünfter Generation führt er das Unternehmen im Hönnetal. Die Herstellung von Papier und Pappe prägte bereits im 19. Jahrhundert die Gegend rund um Menden im Sauerland. Wer aus dem im Jahr 1975 eingemeindeten Ortsteil Lendringsen kommt, erreicht die Fabrik nach ein paar Schleifen durch ein Waldstück. Zwei so genannte Kollergangsteine, mit denen früher das Altpapier zerkleinert wurde, erinnern an die lange Tradition des Unternehmens.

„Wir sind einer der letzten Mohikaner“, sagt Tönnesmann mit einer Mischung aus Stolz und Galgenhumor. Er hat gekämpft dafür, dass er noch hier steht. Die erste Krise fand ihren Höhepunkt 1993, als der Vater starb – einen Tag bevor die Fabrik verkauft werden sollte. Die Aufschwungjahre der 50er und 60er waren längst vorbei.

Tönnesmann hätte das Erbe ausschlagen können. Doch bei der Vorstellung, in einem Konzern zu arbeiten, wird es dem Selbstständigen ganz anders: „Konzerne arbeiten quotenorientiert, die denken nicht langfristig. Die Abhängigkeit von ihnen ist eine Riesengefahr.“ Also lieh sich der Mittelständler Geld und kämpfte – mit den Waffen eines Kleinunternehmens: der Qualität und der Bereitschaft, auf individuelle Wünsche einzugehen. Ständig ist er unterwegs, um Kunden zu gewinnen. 1990 gingen nur drei Prozent der Produktion in den Export, heute 70.

Wenn es um die Zukunft des Betriebs geht, wirkt er pragmatisch. Seine Kinder studieren, die Tochter überlegt, den Familienbesitz fortzuführen, doch Tönnesmann möchte das nicht um jeden Preis. Schließlich weiß er, was es bedeutet, nachts wach im Bett zu liegen – mit Existenzängsten.

Vor vier Jahren geriet er in die zweite große Krise. Energie- und Rohstoffpreise stiegen, Rechnungen blieben offen, schließlich wurde das Gas abgedreht. Noch einmal kämpfte er. Sein Einsatz ist in Lendringsen nicht unbemerkt geblieben. „Die Arbeitsplätze zu erhalten, war ihm ein großes Anliegen“, sagt Helmut Braukmann, der in der Hauptstraße des kleinen Örtchens in vierter Generation eine Mischung aus Geschenk- und Fahrradladen führt.

Gleich um die Ecke in der Metzgerei Hillebrand berichten die Verkäuferinnen lachend von Tönnesmanns Sonderwünschen: „Bitte einen gekochten Schinken ganz dünn geschnitten, so dass man durchblasen kann“, scherzt er beim Einkaufen. Qualität ist für ihn das A und O. „Wenn ich die nicht bekomme, kann ich sehr miesepetrig werden“, sagt er.

Das gilt auch für den Betrieb. Schließlich überzeugt Tönnesmann seine Kunden durch Qualität. Zehn bis 15 Mal am Tag dreht er die Kontrollrunde über das 20 000 Quadratmeter große Fabrikgelände. Die Papiermaschine steht nie still. Er auch nicht. Immer wieder drückt er Knöpfe, prüft die Farbe und lässt sich das fertige Papier zeigen. „Meine Mitarbeiter sehen das nicht so gerne“, sagt er lachend. Aber er kann es einfach nicht lassen.