Archiv Im Blickpunkt

Ein Baum von einem Mann

Seit 25 Jahren prägt Dr. Wilhelm Vorher als Geschäftsführer die THOSCA Holz GmbH. Mit Saujagden, guten Kontakten in die Politik und der richtigen Hege und Pflege seiner Kunden. Anfang 2011 wird er sich auf seinen privaten Hochsitz zurückziehen.

Katharina Fuhrin

Das Geschenk steht also immer noch in ihrem Büro. Beim Blättern in der WirtschaftsWoche hat es Wilhelm Vorher entdeckt, auf einem Bild von Angela Merkel an ihrem Schreibtisch. Im Hintergrund war sie deutlich zu sehen, die hölzerne Schach-Dame, die Vorher der Kanzlerin zum Amtsantritt überreicht hatte.

Auf Merkel schaut Vorher auch, wenn er an seinem eigenen Schreibtisch in Hösbach bei Aschaffenburg sitzt: Ein Dutzend Fotos mit Politikern hängen dort an der Wand, seine „Trophäen“ nennt er sie. Auf einem sieht man ihn beim Händeschütteln mit Merkel, daneben Schulter an Schulter mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Vorher zeigt auf den Bildern sein verschmitztes Lachen hinter dem sauber gestutzten Vollbart, der immer noch recht dunkel ist, trotz seiner 64 Jahre.

Die guten Verbindungen ins Kanzleramt und in die Ministerien für Umwelt und Wirtschaft hat Vorher geknüpft durch seine vielen verschiedenen Posten in holzwirtschaftlichen Gremien und Organisationen. Beim VDP, der CEPI, beim DHWR, DGfH, AGR, FTP, BMELV und KWF.

Vorhers Assistentin Tanja Kunszt musste die Buchstabencodes wie Vokabeln lernen: DHWR? „Deutscher Holzwirtschaftsrat.“ CEPI? „Das Forest Committee der Confederation of European Paper Industries in Brüssel.“ FTP? „Forest-Based Sector Technology Platform, auch in Brüssel. Die eineinhalb Jahre, in denen Dr. Vorher den Vorsitz hatte, waren wirklich schlimm.“ Im Büro war er zu der Zeit kaum, dafür oftmals drei Wochen am Stück auf Geschäftsreise.

Kunszt plant vor allem die vielen Reisen und hält die Unterlagen in Ordnung. Er sei eher ein konservativer Chef, sagt sie, einer „von der alten Schule“. Hohe Erwartungen habe er an seine 56 Mitarbeiter in puncto Einsatzbereitschaft und Perfektion. „Gleichzeitig kann man sich in der Not auf ihn verlassen. Er ist rund um die Uhr erreichbar und jederzeit für uns zu sprechen. Auch, wenn er im Stress ist – Ruhezeiten kennt er nicht.“

Meistens rennt Vorher zackig durch das Bürogebäude, am Gürtelbund baumelt immer sein Blackberry. Vier Klingeltöne hat er einprogrammiert: den Brunftschrei des Rothirsches, wenn ein Jägerfreund anruft. Den Ruf des Kuckucks, wenn es seine Frau Britta ist. Die Motorsäge für Mitarbeiter aus dem Holzeinkauf. Und bei allen anderen klingelt der Marsch aus dem Oberbayerischen Amtsgericht. Wie er so dasteht und telefoniert, mit den Händen an seinem Schlüsselbund klimpert und manchmal ein bisschen in sich zusammensackt, sieht sein Oberkörper aus wie ein Fragezeichen. Eigentlich merkwürdig für jemanden, der so viele Ausrufezeichen setzt.

Mit seiner Entschlossenheit hat er in den vergangenen 25 Jahren die THOSCA Holz Gesellschaft zu einem Unternehmen gemacht, das im Jahr 3,4 Millionen Festmeter Holz abwickelt und damit rund 200 Millionen Euro Umsatz macht. Als Versorgungsgesellschaft hat THOSCA die Aufgabe, die Werke der Gesellschafter mit Holz zu versorgen: die finnische Metsäliitto Osuuskunta und die schwedische SCA Hygiene Products, die unter anderem die Zewa Wisch&Weg-Tücher herstellt.

Mit den unkomplizierten Skandinaviern arbeitet Vorher gerne zusammen. Jeweils im Oktober lädt er zu einer großen Saujagd im Spessart: Der Jagdschein ist im Holzgeschäft eine ähnlich wichtige Voraussetzung für Erfolg wie die Golfkompetenz unter Unternehmensberatern. Vorher trägt auch im Büro ein lodengrünes Waidmannssakko, dazu eine Krawatte mit Waldlandlandschaft samt Fuchs im Unterholz. „Beim Jagen haben Sie eine Atmosphäre, in der sich manche Dinge leichter aussprechen lassen“, sagt Vorher. „Das ist einfach gut für die Hege und Pflege der Geschäftskontakte.“

So kommunikativ die Kollegen untereinander auch sind: Mit der Außendarstellung ist Vorher ganz und gar nicht zufrieden. „Wussten Sie, dass in Forst- und Holzwirtschaft 1,3 Millionen Leute beschäftigt sind? Dass wir 160 000 Betriebe haben? Und 180 Milliarden Euro Umsatz machen? Damit haben wir von der Wirtschaftskraft her die gleiche Bedeutung wie die Automobilbranche.“ Nur dass es eben niemand bemerkt.

Um gemeinsam ihre wirtschaftlichen Interessen deutlich zu machen, treten die Räte für Holz- und Forstwirtschaft seit 2007 mit der „Plattform Forst und Holz“ auf. Die Initiative geht auf Vorher zurück, Vizepräsident der Holzseite. Es geht ihm um „die Knackthemen Holzmobilisierung, Unterstützung vom deutschen Staat und progressive Wirtschaftspolitik“. Und er will den Leuten eins klar machen: „Die Holzindustrie hat einen wunderbaren Kreislauf. Und gleichzeitig ist Holzverbrauch ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz.“

Nachhaltigkeit ist Vorhers Lieblingsthema, worüber er regelmäßig mit Umweltschützern diskutiert. Die Deutschen, sagt Vorher, hätten nun mal eine ausgeprägte Waldgesinnung. Wenn er auf die Buche zu sprechen kommt, blickt auch er etwas versonnen drein: „Das ist der Baum, mit dem ich mich am engsten verbunden fühle“, sagt er. „Weil ich damit aufgewachsen bin. Und weil die Buche als ‘Mutter des Waldes’ eigentlich mit jedem Standort etwas anfangen kann.“

Auch Vorher hat ein paar Mal in seiner Karriere einen neuen Standort, eine neue Herausforderung gesucht. Nach seinem Studium der Holzwirtschaft hat er zwei Jahre an einem Projekt in Havanna mitgearbeitet. Vier Jahre hat er Zellstoffanlagen gebaut, vier weitere Jahre die Interessen der Papierfabriken vertreten. Dann hat er THOSCA Holz, den Holzlieferanten aufgebaut. „So wie das Unternehmen jetzt dasteht, ist es mein Baby. Natürlich wird es mir schwer fallen, mich davon zu verabschieden.“ Ein Jahr ist es noch bis zum Ruhestand. Seinen Nachfolger hat er systematisch aufgebaut, mit ihm zusammen bereitet er den krisenbedingten Umbau des Unternehmens vor. Möglichst ohne größere Entlassungen, dafür in die zukunftsträchtige Bioenergie.

„Den Break mit dem Unternehmen will ich aber machen“, sagt Vorher. Einerseits freut er sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Frau Britta, die dann weniger häufig den Kuckuck auf seinem Blackberry zum Rufen bringen muss. Und er wird weiter auf der Pirsch im Holz bleiben: in seinem kleinen Jagdhaus im Odenwald.