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Digitalisierung – Chancen und Risiken

Vom 12. bis 13. Oktober 2018 fand das vierte gemeinsame Symposium der Papieringenieure in Köln statt. Eine Vortragsreihe behandelte verschiedene Aspekte rund um die Digitalisierung in der Papierindustrie und deren Auswirkungen.

Kirsten Maurer-Fritz

In drei Themen-Blöcken ging es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Märkte, Maschinen und Menschen. Wie das Symposium wurde die Vor tragsreihe organisiert von den Akademischen Papieringenieurvereinen Darmstadt, Dresden sowie vom Papierfachverband München.

Zu Beginn stellte Martin Krengel,
WEPA Group, Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes der rheinisch-westfälischen papiererzeugenden Industrie, die Papierindustrie in Nordrhein-Westfalen vor, die jährlich 4,01 Millionen Tonnen Papier, Karton und Pappe produziert und über 7000 Menschen in rund 30 Betrieben beschäftigt. Martin Drews erläuterte als Geschäftsführer die Arbeit des Verbandes, dessen Zweck die Wahrnehmung und Förderung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder ist, um den Erhalt und die Fortentwicklung einer möglichst leistungsfähigen Papierindustrie sicher zu stellen.

Session 1: Strategien, Märkte und Produkte

Dr. Thomas Koenen vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) betonte, die Digitalisierung konfrontiere Industrie und Gesellschaft mit einem Strukturwandel.

Wichtig sei, dass die Politik diesen Strukturwandel konstruktiv begleite und dafür Sorge trage, dass sich digitale Innovationen frei entfalten können.

Alexander Wirth von Stepchange Consulting präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Industrie 4.0/Digitalisierung. Demnach nahmen 50 Prozent der Umfrage-Teilnehmer aus Westeuropa das Thema Digitalisierung nicht als „game changer“ wahr. Es lag erst an neunter Stelle auf der Rangliste der Top-Prioritäten der Befragten.

Die nächsten Referenten der Vortragsreihe kamen wieder aus der Papierindustrie. Dass Werbebeilagen auch heute noch das geeignetste Medium sind, um Informationen zu Angeboten und Produkten beim Konsumenten zu platzieren, zeigten Robin Huesmann, LEIPA Group, und Dominik Romer, adnymics, in ihrem gemeinsamen Vortrag. Selbst Online Player wie Zalando und Amazon nutzten Gedrucktes, um mit ihren Kunden zu kommunizieren. Allerdings benötige man in Zukunft zusätzlich eine datenbasierte und individuelle Werbung für Interessierte, erklärten die Referenten. Deshalb müsse das Papier zur Interaktion mit digitalen Prozessen fähig sein.

Im Anschluss stellte Anett Hötzel, Felix Schoeller Group, die Digital Unit von Felix Schoeller vor. Sie hat die Aufgabe, Ideen für digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, diese Ideen weiter auszuarbeiten und zu validieren und schließlich zu konkreten Business-Modellen auszuarbeiten. Hierbei werden Methoden genutzt, die auch Start-ups erfolgreich anwenden.

Session 2: Technik und Technologie

Im Zuge der Digitalisierung entstünden aber auch neue Risiken durch zunehmende Komplexität und Vernetzung bisher isolierter Systeme, darauf wies Nicolas Christoph, Papierfabrik August Köhler, in seiner Präsentation hin. Denn hier sei oftmals problematisch, dass anders als im Officeumfeld Kompromisse bei der Sicherheit eingegangen werden müssten, um die Verfügbarkeit nicht zu gefährden. Und da die Entwicklungs- und Austauschzyklen im Produktionsumfeld deutlich länger seien als in der restlichen „IT-Welt“, treffe man oft auch auf sehr alte Systeme (z.B. Windows XP), für die Sicherheitslücken gar nicht mehr geschlossen werden. Zudem entwickelten Hacker ständig neue Geschäftsmodelle, die ganz neue Bedrohungsszenarien auch für die vernetzte Produktion bedeuten.

Frank Opletal, Voith Paper, berichtete, dass Voith mit dem neuen Geschäftsbereich Voith Digital Solutions im vergangenen Jahr ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte aufgeschlagen habe. Ziel war es, im digitalen Geschäft zukünftig schlagkräftiger und schneller zu werden und von Synergien für neue Technologien über alle Geschäftsbereiche und Märkte hinweg zu profitieren. Denn die Digitalisierung der Papierindustrie habe nicht nur begonnen, sie sei in vielen Bereichen schon angekommen.

Session 3:
Mensch und Arbeitswelt

Nach Ansicht des Mathematikers und Autors Prof. Dr. Gunter Dueck verschieben sich in allen Branchen fast gleichzeitig Arbeit, Berufe, Entwicklungsfelder und Märkte. Viele Berufe würden entfallen, fast alle ihren einfachen Routineanteil an „die Cloud“ verlieren.

Alles Übrigbleibende verlange eine höhere Qualifikation und einen professionellen Umgang mit Menschen, Projekten und Prozessen. Die Kernkompetenzen veränderten sich – und das erfordere dringend und sofort neue Geschäftsmodelle und anders ausgebildete Menschen. Diese große Umstellung brauche eine längere Vorlaufzeit, deshalb solle man schnellstmöglich damit beginnen.

Mit fortschreitender Digitalisierung veränderten sich auch althergebrachte Mitarbeiterführungs-, Berufs- und Arbeitsplatzmodelle. Dies stelle sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer vor völlig neue Herausforderungen, sagte Andreas Päch von BGH Consulting. Immer wichtiger würden in Zukunft neben der schulischen und beruflichen Ausbildung sowie den gemachten Erfahrungen und dem technisch/technologischen Fachwissen Themen rund um die menschliche Komponente.

Julius Jacoby von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. sieht in der Digitalisierung eine „Chance für uns alle“. Sie zu nutzen liege im Interesse
der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Doch ein moderner Rechtsrahmen müsse dazu gesetzliche Spielräume schaffen – auch mit Blick auf neue digitale Geschäftsfelder. Daher sei eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit nötig – weg von der täglichen hin zu einer wöchentlichen Betrachtung mit durchschnittlich maximal 48 Stunden pro Woche bei einer täglichen Mindestruhezeit, die betrieblich entsprechend der jeweiligen Aufgaben und Tätigkeiten festgelegt wird.

Einen ausführlichen Bericht über das Symposium der Papieringenieure lesen Sie im Wochenblatt für Papierfabrikation (WFP).