Archiv Im Blickpunkt

Die Papierindustrie bietet Lösungen

Seit einigen Jahren beunruhigen immer wieder Meldungen über Mineralöle in Lebensmitteln die Verbraucher. Als Ursache wurden schnell Verpackungen aus Papier und Karton ausgemacht. Tatsächlich ist das Thema weit komplexer, wie Dr. Christoph Persin, Bereichsleiter Umwelt und Technik im Verband Deutscher Papierfabriken (VDP), im Interview darlegt.

Das Interview führte

Gregor Andreas Geiger

In den Medien wird immer wieder das Thema Mineralöl in Lebensmitteln thematisiert. Um welche Stoffe handelt es sich?

Seit die Stiftung Warentest in der Vorweihnachtszeit 2009 von Mineralölspuren in Adventskalendern berichtete, arbeiten sich die Medien an diesem Thema ab. Mineralöle werden aus Rohöl hergestellt und für eine Vielzahl von Verwendungszwecken eingesetzt. Dazu zählen zum Beispiel die Herstellung pharmazeutischer und kosmetischer Produkte, der Einsatz als lebensmitteltaugliche Schmierstoffe in der Lebensmittel- und Futtermittelindustrie sowie die Verwendung als rezepturmäßiger Bestandteil in bestimmten Druckfarben.

Sind diese Stoffe gesundheitsgefährdend?

Wenn das tatsächlich der Fall wäre, hätte sie der Gesetzgeber schon vor mehr als zehn Jahren verboten. Ihr Einsatz in der Lebensmittelindustrie ist seit langem bekannt. Tierversuche lassen nicht auf eine konkrete Gefährdung beim Menschen schließen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bezeichnet Mineralöle in Lebensmitteln lediglich als „unerwünscht“. Generell solle der Eintrag minimiert werden.

Wie gelangen diese Stoffe in Lebensmittel? Spielen Lebensmittelverpackungen aus Karton eine Rolle?

Die möglichen Eintragsquellen von Mineralölkohlenwasserstoffen sind äußerst vielfältig und man muss sich bei Lebensmitteln die gesamte Wertschöpfungskette anschauen. So hat sich damals bei Schokolade gezeigt, dass die Verwendung von mit sogenanntem Batching-Öl geschmeidig gemachten Sisalsäcken in den Kakaoanbauländern wesentlichen Einfluss auf die Mineralölbelastung der süßen Versuchung hat.

Ein weiteres Beispiel ist die Getreideverladung. Wenn in Nordamerika und Kanada zum Beispiel Weizen, Mais und Soja für den Export nach Europa in Panmax-Schiffe geladen werden, besteht durch den dabei freigesetzten Staub
eine enorme Explosionsgefahr. Diese wird durch kontinuierliches Besprühen mit staubbindendem Öl reduziert. Dadurch kommen große Mengen an Lebens- und Futtermitteln mit Ölen in Kontakt.

In Getreidemühlen wird das Mahlgut mit Druckluft transportiert. Die dafür benötigten Kompressoren können Ölnebel an die Luft abgeben.

Und ja, Lebensmittelverpackungen aus Karton spielen eine Rolle, aber mit Sicherheit nicht so eine große wie es uns Warentester und Kampagnenorganisationen weismachen wollen. So kommt die holländische Gesundheitsbehörde in einer im Juni 2018 veröffentlichten Übersichtsstudie zu dem Ergebnis, dass in Papier oder Karton verpackte trockene Lebensmittel in Holland nur einen kleinen Beitrag zur Gesamtaufnahme von Mineralölen aus Lebensmitteln leisten. Daher wäre von Reduktionsmaßnahmen im Zusammenhang mit solchen Verpackungen auch nur ein sehr begrenzter Effekt zu erwarten.

Das sind die Tatsachen, die sich aber offensichtlich nicht auflagen- oder beitragssteigernd vermarkten lassen.

Wie kann man das Problem lösen und welchen Beitrag leisten die Hersteller von Kartonverpackungen?

Die Hersteller von Kartonverpackungen haben das Thema von Anfang an sehr ernst genommen und waren daher auch schon früh Teil der Lösung. Generell kann man sich zwei Mechanismen vorstellen, mit denen unerwünschte Stoffe von verpackten Lebensmitteln ferngehalten werden können: Erstens eine dichte Beschichtung des Verpackungsmaterials oder zweitens der Einsatz von Adsorbentien, zum Beispiel Aktivkohle oder geeigneter natürlicher Mineralien, die die unerwünschten Stoffe wie ein Magnet anziehen und binden.

Seit mehreren Jahren stellen die
Kartonhersteller der Lebensmittelwertschöpfungskette bereits ausgereifte und geprüfte Produktlösungen zur Verfügung. Wir würden es natürlich begrüßen, wenn davon noch umfassender Gebrauch gemacht würde. Denn es ist durchaus befremdlich, wenn auf der einen Seite vor Mineralölspuren in Lebensmitteln gewarnt wird, gleichzeitig aber vorhandene Lösungen nicht genutzt werden.

Unbestritten ist, dass Mineralöle für cold-set Druckfarben für den Zeitungsdruck eingesetzt werden und über das Altpapier in den Recyclingkarton gelangen. Gibt es da keine Alternativen?

In diesem Zusammenhang sollte man sich die einzelnen Beiträge aller möglichen Eintragsquellen für unerwünschte Mineralölspuren vor Augen halten. Wenn man davon ausgeht, dass sich die in der erwähnten holländischen Studie beschriebene Situation nicht grundlegend von der in Deutschland unterscheidet, gäbe es auch hier keinen Handlungsbedarf.

Viel wichtiger wäre es, den zentralen „Geburtsfehler“ der gesamten Mineralöldiskussion, nämlich die nahezu ausschließliche Fokussierung auf faserbasierte Recyclingverpackungen, endlich zu beheben. Dazu müssten nachgewiesenermaßen gesundheitsgefährdende Bestandteile aus Mineralölen im Rahmen der Kontaminanten-Verordnung geregelt werden. Dann wären auch alle Partner der Lebens- und Futtermittelwertschöpfungskette in der Pflicht, ihren spezifischen Beitrag zur Reduktion gesundheitsgefährdender Stoffe zu leisten.