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Der Mann mit Papier im Blut

Kai Furler setzt als kaufmännischer Vorstand der Koehler Paper Group auf traditionsbewusstes Management. Das ist nicht verwunderlich, schließlich blickt seine Familie auf eine zweihundertjährige Tradition der Papierherstellung zurück.

Bettina Stuhlweißenburg

Wenn Kai Furler in einer Bodega irgendwo in Buenos Aires sitzt, begegnet ihm dort manchmal ein Stück vertraute Heimat – die Speisekarte.

Die liest der 33-Jährige anders, als der Gast am Nachbartisch: Es könnte sich um ein klassisches Feinpapier-Produkt aus dem Koehler-Sortiment handeln. Zunächst ertastet er die Grammatur und Oberflächenstruktur, lässt sich ein auf Optik und Haptik. Erst danach widmet er sich dem Menü – und lächelt, wenn er festgestellt hat, dass das Papier der Speisekarte ein Produkt seiner Familie ist. Sollte das nicht der Fall sein, ist spätestens bei Erhalt der Rechnung die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er Thermopapier von Koehler in Händen hält, ein Segment, in dem das Unternehmen Weltmarktführer ist und das größtenteils bei Kassenrollen eingesetzt wird.

„Als Papiermensch nimmt man Papier anders wahr“, erklärt der Betriebswirt, der seit Beginn des letzten Jahres kaufmännischer Vorstand der Koehler Paper Group ist. Und tatsächlich: Wer ihn auf der Drupa, der Messe der Druck- und Medienindustrie in Düsseldorf, erlebt, fragt sich, ob in den Adern dieses Mannes Zellstoff fließt. Würde es bei „Wetten dass?“ darum gehen, Thermopapier aus dem Hause Koehler von Thermopapieren anderer Hersteller zu unterscheiden, würde er wohl zu 80 Prozent richtig tippen.

Schon als Kind kam Kai Furler mit Papier in Berührung, sein Spielplatz war das Oberkircher Fabrikgelände. Verwunderlich ist das nicht, schließlich wurde er in eine Familie hineingeboren, die auf eine 200 Jahre alte Tradition der Papierherstellung zurückblicken kann:

Im Jahr 1751 wird im mittleren Schwarzwald, nahe Oberkirch, eine kleine Papiermühle erbaut. 1807 ersteigert Kai Furlers Vorfahre, der Kaufmann Otto Koehler, den Betrieb. Er investiert in ein zweites Mühlrad, lässt seinen Sohn Johann Ignaz Koehler das Papiermacherhandwerk erlernen und legt damit den Grundstock für einen Familienbetrieb, der sich in acht Generationen zu einem Weltunternehmen entwickeln wird.

Der Anfang aber ist mühsam: Als Büttengeselle muss Johann Ignaz Koehler bereits um zwei Uhr morgens aufstehen, das Wasser der Bütte anwärmen und bis sechs Uhr abends in gebückter Haltung Papier schöpfen. Trotzdem bildet er auch seinen Sprössling zum Papetier aus und schickt ihn anschließend auf Wanderschaft. Zwei Jahre dauern die Lehr- und Wanderjahre des jungen „Handwerksburschen“, die ihn nach Italien, Frankreich, Österreich, Ungarn und in die Schweiz führen. Dort arbeitet er in verschiedenen Papiermühlen, vertieft und erweitert seine Kenntnisse. Im Jahre 1836 übernimmt er schließlich die Mühle seines Vaters und stellt im Jahr 1865 auf die Maschinenfabrikation um. Das war das Ende der Papiermüllerei als Handwerk – und der Beginn einer erfolgreichen Industriellengeschichte.

Heute produziert und entwickelt die Koehler Paper Group an drei Standorten in Deutschland rund 480 000 Tonnen Papier pro Jahr. Mit 1400 Mitarbeitern, acht Vertriebsgesellschaften rund um den Globus und einem Umsatz von 640 Millionen Euro gehört die Koehler Paper Group zu den wenigen unabhängigen deutschen Unternehmen in der Papierindustrie.

Kein Wunder also, dass Kai Furler, Vertreter der achten Generation, nie etwas anderes machen wollte, als in das Familienunternehmen einzusteigen.

Selbstverständlich ist seine Tätigkeit als kaufmännischer Vorstand trotzdem nicht: „Nur der Sohn zu sein, reicht heute längst nicht mehr“, sagt Furler und fügt hinzu: „Ich brauche die Akzeptanz der Mitarbeiter, denn von ihnen hängt letztlich der Erfolg unseres Unternehmens ab.“ Deshalb habe der Aufsichtsrat auch sehr genau geprüft, ob er für diesen Posten überhaupt die nötigen Voraussetzungen mitbringt und in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen.

Furler hat sich daher zielstrebig auf seinen Job vorbereitet: Er studierte internationale Betriebswirtschaftslehre an der Munich Business School und nutzte seine Lehrjahre, um – ganz in der Tradition seines Urahns Johann Ignaz – auf Wanderschaft zu gehen. So absolviert er Auslandssemester in London und Paris sowie zahlreiche Praktika im Zellstoffhandel und in der Papierindustrie. Nach seinem Studium beschließt er, zunächst Arbeitserfahrung jenseits des Papiers zu sammeln, gründet im Jahr 2000 mit Freunden ein Multimedia-Start-Up-Unternehmen in New York und arbeitet anschließend als Finanzberater in Hamburg. Als er in den Familienbetrieb einsteigt, zieht es ihn auch hier zunächst in die Ferne – Die Koehler“schen Dependancen in Barcelona und Mailand sind Stationen seines Werdegangs. „Ich wollte die Welt sehen und ihre Kulturen kennen lernen, mit Sicherheit eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche globale Ausrichtung des Unternehmens in der Zukunft“, erklärt Furler.

Auch heute noch findet er es wichtig, auf Reisen zu gehen und Koehlers Kunden nicht nur vom Schreibtisch aus zu betreuen: „Märkte erschließen sich nicht durch Zahlen allein, ich muss schon vor Ort sein, um einen Markt wirklich zu verstehen“, sagt er. Außerdem wisse es der Kunde zu schätzen, wenn ihn der Eigentümer persönlich betreut. Dies baue Vertrauen auf und signalisiere Verlässlichkeit auch auf lange Sicht hin.

„Vertrauen und gegenseitige Achtung sind die Basis unseres Handelns“ – diese Elemente stehen im Mittelpunkt der Koehler“schen Firmenphilosophie und verleihen dem Betrieb seinen besonderen Charakter als Familienunternehmen. „Anders als die Dax-Unternehmen, denken wir nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial“, erklärt Kai Furler und fügt hinzu: „Vorstände börsennotierter Unternehmen sind oft getrieben durch Quartalsergebnisse und kurzfristige Gewinnmaximierung. Wir bei Koehler hingegen denken und handeln langfristig.“

Er jedenfalls hat darunter gelitten, als 2007 das Koehler-Werk im hessischen Bensheim geschlossen werden musste und Ende September 2008 das Werk in Ettlingen: „Für mich war das ein Desaster, das hat mich enorm belastet“, sagt er und seine Miene verfinstert sich. Es gibt Entscheidungen, die schmerzhaft sind, jedoch zum Erhalt und zur Sicherung der Unternehmensgruppe getroffen werden müssen. Familienunternehmen bedeutet also auch, die Mitarbeiter als Teil der Familie zu begreifen? „Natürlich, wir haben doch Verantwortung für die Menschen“, antwortet Furler. Und als Arbeitgeber, der in 200 Jahren tiefe Wurzeln in der Region geschlagen hat, dessen Mitarbeiter ihre Motivation nicht zuletzt aus einem Gefühl der Sicherheit schöpfen, hat die Koehler Paper Group auch viel zu verlieren.

Wie aber schafft es ein 33-Jähriger, dieser Verantwortung gerecht zu werden? Fragt er seine Vorgänger im Amt um Rat? „Ich wäre dumm, wenn ich auf die Erfahrungswerte meines Vaters und Onkels nicht zurückgreifen würde“, sagt Furler.

Ein Revoluzzer – einer, der alles anders machen will als seine Vorgänger, ist er also nicht. Im Gegenteil. Kai Furler ist traditionsbewusst und weiß, dass der Erfolg des Betriebs auf den Werten basiert, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. „Dazu gehört auch, das erwirtschaftete Kapital zu reinvestieren, um das Unternehmen wettbewerbs- und zukunftsfähig auszurichten“, erklärt er.

Wer ihn so reden hört, versteht, warum ihm Vater und Onkel großen Gestaltungsspielraum lassen. Für Furler selbst ist das Grundvoraussetzung für erfolgreiches unternehmerisches Handeln: „Viele Generationswechsel funktionieren deshalb nicht, weil die alten Herren nicht loslassen können, ständig ins Tagesgeschäft hineindirigieren und so die Autorität des Nachfolgers untergraben.“

Autoritätsprobleme hat Kai Furler offensichtlich nicht. Locker, beinahe kumpelhaft ist er im Umgang mit seinen Mitarbeitern auf der Drupa in Düsseldorf. Er freut sich auf die Party, die abends am Koehler“schen Messestand steigen wird, um den 40. Geburtstag von „reacto“, dem Selbstdurchschreibepapier der Koehler Paper Group, zu würdigen: „Wer zusammen hart arbeitet, muss auch zusammen feiern können“.