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Der Kreativität freien Lauf gelassen

Wie kreativ und innovativ Verpackungen aus Karton gestaltet werden können, zeigten die Gewinner des FFI/Pro Carton Young Designers Award 2019. Papier + Technik sprach mit einem der beiden Gewinner-Teams.

Der Pro Carton Young Designers Award ist einer der führenden jährlichen europäischen Wettbewerbe für junge Talente im Verpackungsdesign. Im Jahr 2019 wurde er zum zweiten Mal in Kooperation mit dem Fachverband Faltschachtel-Industrie e.V. (FFI) für Deutschland ausgeschrieben. Die Einreichungen haben die Jury dermaßen überzeugt, dass sie gleich zwei Gewinnerteams gekürt hat: Sowohl das Team „Le Paonneau“ um Sonja Herr, Liane Jehle und Philipp Tretter, als auch das Team „Ploffie“ um Martin Wunner, So Hyeon Kim und Nguyet Nguyen begeisterten die Jury mit ihren Einreichungen. Beide Teams sind Studenten des Studiengangs Packaging Development Management an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

„Ploffie“, eine Verpackungslösung aus Karton für Nüsse, überzeugte durch seinen innovativen Öffnungsmechanismus und sein aufmerksamkeitsstarkes Design. Beim ersten Öffnen der Verpackung muss eine perforierte Klappe, die als manipulationssicherer Verschluss dient, und der oberste Teil des integrierten Beutels abgerissen werden. Wird die Box nun an den Seiten ihres schmalen Endes zusammengedrückt, lässt sie sich mit einem Knallgeräusch kinderleicht öffnen und schließen. Sie dient dannn in mehreren Farb- und Tiervarianten als Spender.

Bei „Le Paonneau“, einer Scherenverpackung, ist der Öffnungsmechanismus der Funktionsweise einer Schere nachempfunden. Verstärkt wird das Auspackerlebnis durch den Kontrast zwischen dem minimalistischen, weiß gehaltenen Äußeren und dem illustrativen, im Pfauendesign gehaltenen Inneren der Box.

Die drei Team-Mitglieder, die „Le Paonneau“ entwickelten, erklärten im Interview ihre Idee, die Umsetzung und ihre Schwerpunkte:

Wie waren die Schritte zum Design von „Le Paonneau“?

Sonja Herr: Ziel war es, eine Verpackung zu entwickeln, die ein echtes „Unboxing-Erlebnis“ bieten kann. Wir haben mit dem Aufgreifen des „Henne-oder-Ei-Dilemmas“ einer Scherenverpackung begonnen, da sich eine Schere kaum ohne den Einsatz einer weiteren Schere aus dem Kunststoffblister entfernen lässt. Das Öffnen haben wir durch das Auseinanderziehen der beiden Hälften der Verpackung gelöst. Dafür wurde der Mechanismus einer Schere imitiert. Die Grundlage des Designs des Inneren der Verpackung bildet der Pfau, da dieser der Inbegriff von Schönheit und Eitelkeit ist. Mit dem Aufschlagen seines prächtigen Gefieders ist er eine imposante Erscheinung in der Natur. Somit präsentiert
er sich beziehungsweise unser Produkt sehr eindrücklich.

Was muss man bei der Entwicklung einer Verpackung beachten?

Liane Jehle: Da gibt es sehr viel. Angefangen bei der Materialauswahl in Kombination mit dem Einsatzzweck, über die kostengünstige Herstellung und eine einwandfreie Maschinenverarbeitbarkeit, und dass Produkt und Verpackung schließlich eine Einheit bilden. Beim Wettbewerb waren wir zum Glück nicht solch strengen Machbarkeitsauflagen unterlegen, sondern durften unserer Kreativität freien Lauf lassen. Die großindustrielle Umsetzung stand bei unserer Entwicklung also nicht im Vordergrund.

Was ist für Sie wichtig bei einer Verpackung?

Sonja Herr: Jeder trägt als Verpackungsentwickler eine gewisse Grundverantwortung für Ressourcen und Umwelt. Dabei denke ich vor allem daran, den Materialeinsatz einer Verpackung bestmöglich zu minimieren und die Kompatibilität mit dem Recyclingsystem im jeweiligen Land zu gewährleisten. Dazu gehört es auch, immer auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben, um zu wissen, was möglich ist.

Welche Trends sehen Sie?

Philipp Tretter: Der Verzicht auf Plastik ist nach wie vor noch ein großes Thema in der Verpackungsbranche. Es sollten viel mehr umweltschonendere oder nachhaltigere Materialien genutzt werden. Ein absolutes Trendmaterial, das immer mehr Verwendung findet, ist das Graspapier. Ein weiteres Thema ist das Storytelling, das heißt, die Verpackung spricht die Sinne des Kunden an und löst dadurch Gedanken und Emotionen aus, die den Käufer dazu bewegen das Produkt zu kaufen. Minimalismus ist auch im Packagingdesign angekommen. Neben den bunt gestalteten Verpackungen im Regal, die gerade nach Aufmerksamkeit schreien, schafft eine ruhige und aufs Wesentliche reduzierte Verpackung Klarheit und ruft Sympathie beim Käufer hervor. Diese Trends haben wir bei unserem Sieger-Produkt einfließen lassen.

Was schätzen Sie am
Material Karton?

Liane Jehle: Die unkomplizierte Verarbeitbarkeit von Karton ist toll. Bei diesem Wettbewerb hat es auch wieder so viel Freude gemacht, die Ideen, die wir im Kopf hatten, mit einfachsten Mitteln in die Tat umzusetzen – ganz ohne aufwändiges Werkzeug oder große Maschinen. Abgesehen davon punktet Karton durch seine Gewinnung aus regenerativen Ressourcen und natürlich ist er super recyclingfähig. ■


Das Team „Le Paonneau“

Liane Jehle hat ihren Bachelor in Verpackungstechnik in Leipzig absolviert. Im Masterstudium an der Hochschule der Medien in Stuttgart (HdM) hat sie sich auf Recycling von Verpackungen spezialisiert und ihre Masterarbeit im Rahmen eines Schweizer Recyclingprojekts geschrieben.

Philipp Tretter absolvierte seinen Bachelor als Kommunikationsdesigner in Mainz. Nach dem Masterstudium an der HdM möchte er seinen Schwerpunkt auf die Gestaltung von Verpackungen legen. Ihn fasziniert, wie das Design einer Verpackung das Kaufverhalten eines Kunden beeinflussen kann.

Sonja Herr hat den Bachelor- und den Masterstudiengang in der Richtung Verpackungstechnik an der HdM abgeschlossen. Beruflich möchte sie sich vor allem mit kreativen Konstruktionen und der Einführung von innovativen Verpackungsmaterialien verwirklichen.