Archiv Im Blickpunkt

Das Gehirn liebt Papier

Kommunikation über digitale Endgeräte hat Vorteile: Sie ist schnell und unmittelbar. Welche Nachteile das Lesen am Smartphone oder Tablet mit sich bringt, zeigt eine umfassende Studie aus Norwegen.

Gabriele Eisenbarth

Smartphones, Tablets und Co. sind allgegenwärtig. Heutzutage kann sich nur noch eine Minderheit von Menschen vorstellen, wie man früher Urlaube, Bahnfahrten oder Wartezeiten ohne ständige Verbindung ins Worldwide Web hinter sich gebracht hat. Digitale Geräte sind schon für Kleinkinder faszinierend, und es ist erstaunlich, wie schnell diese sich der Technik bemächtigen – lange bevor sie lesen oder schreiben können. In weiterführenden Schulen gehören iPads längst zur Grundausstattung und sobald mehr als zwei Leute zum Beispiel an der Uni zusammenarbeiten, wird eine WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen.

Unterschied im Textverständnis

Nun konnten Forscher allerdings nachweisen, dass sich das Lesen auf digitalen Endgeräten beim Textverständnis deutlich vom Lesen auf Papier unterscheidet. Anne Mangen, Bildungsforscherin an der Universität Stavanger, stellte vor einiger Zeit die Ergebnisse einer großangelegten Metastudie vor. Sie fasste 56 Untersuchungen aus 30 Ländern mit insgesamt 170.000 Testpersonen zusammen und kam zu dem Ergebnis: Wenn wir auf dem Bildschirm lesen, wird unser Textverständnis schlechter. Der Unterschied zwischen dem, was das Gehirn verarbeitet, wird mit zunehmender Textlänge immer größer je nachdem, ob es sich um ein analoges oder digitales Endgerät handelt. Kurz gesagt: Je länger ein Text ist, umso schlechter durchdringen wir ihn an einem Bildschirm. Wir können uns zusammenhängende Fakten schlechter merken, wenn sie digital dargeboten werden. Mehr noch: Wenn es nicht mehr nur darum geht, reine Fakten zu vermitteln, sondern persönliche Schlüsse aus dem Gelesenen zu ziehen, ist Papier eindeutig im Vorteil.

Der Körper denkt mit

Ein Hauptgrund dafür ist die „embodied cognition“, salopp übersetzt könnte man sagen: Der Körper denkt mit. Wenn wir etwas auf Papier lesen, ist unser Körper aktiv, indem wir zum Beispiel Seiten umblättern, den Klang der einzelnen Papiere wahrnehmen oder wie schwer ein Buch oder eine Zeitschrift ist. Unser Blick setzt auf den Seiten Anker. Das führt dazu, dass wir uns zum Beispiel daran erinnern, wo etwas stand – rechts oben neben dem Teefleck – dadurch erinnern wir uns besser an den Inhalt. Deswegen haben 130 Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen, wie etwa Neurolinguisten, Sprach-, Lese- und Lernforscher sowie Sozialwissenschaftler die „Stavanger Erklärung“ zur Zukunft des Lesens in der FAZ (22.01.2019) abgegeben. Man müsse bei „Lehrern und anderen Erziehern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der rasche und wahllose Ersatz von Druckwerken, Papier und Stift durch digitale Technologien im Primarbereich nicht folgenlos bleibt.“ Andernfalls sehen die Forscher die Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses bedroht und befürchten, dass das kritische Denken sich nur mit Verzögerung entwickeln kann.

Grund für Lese-Schwächen?

Bildungsforscherin Anne Mangen hat ihre Ergebnisse durch weitere Untersuchungen bestätigt. Sie ließ zwei Gruppen von Probanden denselben Text auf Papier beziehungsweise Bildschirm lesen. Die Papierleser konnten sich Details besser merken und den Plot in der richtigen chronologischen Reihenfolge nacherzählen. Für Mangen ist das bedenklich. Sie sagt, wenn Kinder längere Texte nicht genügend gut lesen und verstehen, nimmt auch die Fähigkeit ab, abstrakt zu denken oder das Gelesene kritisch zu analysieren. Die Zahl der Kinder, die Schwierigkeiten habe, komplexere Texte zu lesen, wächst laut Mangen.

Keine Frage des Trainings

Ihre Forschungen erbrachten auch das Ergebnis, dass man Lesen am Bildschirm nicht trainieren kann. Das heißt, der Unterschied zwischen Lesen auf Papier und Lesen an digitalen Geräten wird auch mit zunehmendem Alter und Training nicht kleiner. Dass immer mehr Grundschüler Probleme beim Leseverständnis haben, zeigen auch die regelmäßig durchgeführten IGLU-Tests. Bislang machte man dafür vor allem den familiären Hintergrund verantwortlich, also zum Beispiel den Bildungsgrad und die Herkunft der Eltern. Vielleicht sollte man in Zukunft auch ein Auge auf das Medium haben.