Archiv Im Blickpunkt

Chancen und Herausforderungen

„Bioökonomie“ war in diesem Jahr Thema der Vortragsreihe auf der Tagung der Papieringenieure am 25. Oktober in Salzburg. Dabei sprachen die Referenten verschiedenste Aspekte der Bioökonomie an, wie Verwendung nachwachsender Rohstoffe, biobasierte Technologien, aber auch Umwelt- und Ressourcenschutz.

Kirsten Maurer-Fritz

Klimaschutz werde zum Kernthema nahezu aller politischen Parteien, Interessensvertreter und Medien. Ausgehend von der Erderwärmung und Wetterkapriolen bis hin zur Immigration aus unwirtlichen Gebieten bleibe Umweltschutz die große Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sagte Alfred Heinzel, CEO der Heinzel Gruppe, in seinem Vortrag. Dieses globale Problem werde auch von reifen Volkswirtschaften angeheizt und nicht immer richtig angepackt – siehe Dieselschwindel, Waldrodungen oder falsch gesetzte Energiesteuern.

Session 1: Marktsituation

Prof. Dr. Frank Miletzky, TU Dresden, machte deutlich, dass das Konzept der Bioökonomie alle Wirtschaftsbereiche umfasst, die nachwachsende Ressourcen wie Pflanzen, Tiere sowie Mikroorganismen und deren Produkte erzeugen, be- und verarbeiten, nutzen oder damit handeln. Es gehe also nicht nur um Rohstoffersatz, sondern vielmehr um wertschöpfende und werterhaltende Kreislaufführungen auf Basis biobasierter Materialien.

Ein Beispiel für biobasierte Materialien stellte Dr. Andrea Borgards, Lenzing, in ihrem Vortrag über den Einsatz holzbasierter Zellulosefasern in der Textilindustrie vor. Der globale Fasermarkt habe heute für die Textil- und Vliesstoffbranchen eine Größe von 106 Millionen Tonnen. Der Anteil holzbasierter Zellulosefasern liege bei sechs Prozent und steige mit einem Plus von fünf bis sechs Prozent deutlich stärker als der Gesamtmarkt mit drei bis vier Prozent. Doch die Textilindustrie müsse sich etlichen Herausforderungen stellen, wie CO2-Emissionen, textilem Abfall und der Verschmutzung der Meere mit Mikroplastik.

In seinem Vortrag über die Herausforderungen der globalen Faserversorgung wies Oliver Lansdell vom Beratungsunternehmen Hawkins Wright darauf hin, dass die Faserkosten in der Regel 40 bis 70 Prozent der gesamten Cash-Kosten einer Zellstofffabrik ausmachen. Daher sei der Zugang zu kostengünstigen Fasern aus nachhaltiger Produktion von entscheidender Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit
einer Zellstofffabrik. Für die asiatische Zellstoffindustrie werde dies immer schwieriger, da sie von importierten Holzhackschnitzeln als Rohstoff abhängig sei. Vor diesem Hintergrund dürften die Hackschnitzelpreise in den nächsten fünf bis zehn Jahren steigen.

Session 2: Ressource Wald

Wolfgang Beck, Mercer Holz, sprach von den drei Funktionen, die der Wald klassischerweise erfüllen müsse: Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion. In diesem Zusammenhang werde aktuell auch immer öfter das Thema Nachhaltigkeit diskutiert. Doch der Klimawandel stelle den deutschen Wald, die deutschen Waldbesitzer, aber auch die deutsche holzverbrauchende Industrie vor neue Herausforderungen, nicht zuletzt auch aufgrund der langen Umtriebszeit von Bäumen.

„Papier ist eines der wenigen heutigen ‚Massenprodukte‘, die ein überragendes Potential zur Nachhaltigkeit haben – besonders auch in Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit.“ Dies sagte
Dr. Thomas Henningsen, Greenpeace, bei seinem Vortrag in Salzburg. Seine Behauptung, die Umweltbilanz von Papier sei zu hinterfragen, führte zu lebhaften Diskussionen auf der Tagung.

Michael Duetsch, UPM, betonte, als
einer der weltweit größten Hersteller grafischer Papiere sei UPM führend in nachhaltiger Papierproduktion. Gleichzeitig sei man aber auch einem schwierigen Marktumfeld ausgesetzt. Er schilderte, welche neuen innovativen Geschäftsfelder für Produkte auf Holzbasis bei UPM weiter vorangetrieben werden. Als Verarbeiter von Forstbiomasse arbeitet UPM auch an der Herstellung und Vermarktung von Biokompositen, Biokraftstoffen und Biochemikalien.

Session 3: Anwendungsbeispiele

„Wir haben nur eine Erde!“, warnte der bekannte Polarforscher Arved Fuchs nachdrücklich in seiner ‚Keynote Speech‘ über Gefahren und Chancen des Klimawandels in der Bioökonomie. Es gehe nicht nur um das sich ändernde Klima allein, sondern auch um völkerrechtliche Fragen (Klimaflüchtlinge), um technische Möglichkeiten (CO2-reduzierende Technologien), handfeste wirtschaftliche Vor- und Nachteile (Klimawandel als Wirtschaftsmotor) und vieles mehr. Der Klimawandel betreffe in irgendeiner Form jeden von uns. Er sei zu einem großen Teil menschengemacht – und keinesfalls ein Grund, zu resignieren, sondern vor allem eine Chance für Veränderung.

In einem gemeinsamen Vortrag stellten Eva Engelfeldt und Robert Mohr, Valmet, die Entwicklung moderner Kraft-Zellstoffanlagen vor. Diese präsentierten sich heute als Biorefinery und Bio-Produkte-Anlagen. Die Verkaufserlöse der sogenannten Nebenprodukte stiegen und würden neben dem Zellstoff ein immer wichtigerer Faktor bei Investitionsentscheidungen. Die Autarkie der Anlagen sei ebenso sinnvoll und beeinflusse positiv den Umwelt-Fußabdruck.

Mit dem Bereich erneuerbarer Energien aus Kraftwärmekopplung mit CO2-neutralen Brennstoffen, Windkraft, Wasserkraft und Photovoltaik beschäftigt sich Koehler Renewable Energy, eine Tochtergesellschaft der Koehler Group aus Oberkirch. Ziel ist es, bis 2030 bilanziell mehr Strom aus erneuerbaren Quellen zu produzieren als für die Papierproduktion eingesetzt wird. Dr. Stefan Karrer und Dr. Markus Wildberger, Koehler Group, erläuterten, dass Koehler in Synergie mit einem eigenen Biomasse-Heizkraftwerk zukünftig einen wesentlichen Bestandteil des eigenen Füllstoffbedarfs unter Nutzung des CO2 aus dem Rauchgas herstellen werde, um den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren.

Im letzten Vortrag gab Dr. Tiemo Arndt von der Papiertechnischen Stiftung (PTS) einen Überblick über neue Produkte aus Papier und die Problematik der Reduzierung von Verpackungen. Angesichts der Bilder von Plastikmüll in den Meeren würden Politik, Handel und Wirtschaft dazu gedrängt, teils drastische Maßnahmen zur Eindämmung von Verpackungsmüll zu ergreifen. Dabei könne der Grat zwischen umweltgerechten Produkten und Wirtschaftlichkeitsaspekten auch bei der Substitution von Kunststoffen im Einzelfall sehr schmal sein.