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Chance für mehr Rohstoffqualität

Die Papierindustrie ist auf sortenreines und hochwertiges Altpapier angewiesen.

Die europäische Sortenliste für Altpapier, die DIN EN 643, ist überarbeitet worden. Die Qualitätskriterien sind jetzt wesentlich genauer und strukturierter definiert.

Martin Drews

Altpapier ist mit 62 Prozent der mengenmäßig wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Papier, Karton und Pappe in Deutschland. Die ausreichende Versorgung mit sortenreinem und qualitativ hochwertigem Altpapier ist von herausragender Bedeutung für die Papierindustrie. Damit sie den wertvollen Sekundärrohstoff optimal einsetzen kann, gibt es klar und präzise abgegrenzte Handelsklassen für Altpapier unterschiedlicher Zusammensetzung und Güte. Die entsprechende Norm, an der sich Handel und Papierfabriken orientieren, ist seit dem Jahr 2000 die europäische Standsortenliste für Altpapier, die DIN EN 643, die jetzt überarbeitet wurde.

Das Ergebnis, das in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, stellt eine erhebliche Weiterentwicklung dar – was die Definition der Qualitätskriterien anbelangt sogar einen Quantensprung. Die wichtigsten Neuerungen sind:

· Eine klarere Struktur der Norm hinsichtlich Anwendungsbereich, Begriffsdefinitionen, allgemeinen Anforderungen, Sortenliste

· Eine Definition unzulässiger Materialien

· Besondere Spezifikationen für Deinkingsorten

· Grenzwerte für papierfremde Bestandteile und unerwünschte Materialien

· Eine Empfehlung für ein Ballenidentifikationssystem

Begriffsdefinitionen
In der bisherigen EN 643 waren Begriffsdefinitionen und allgemeine Anforderungen miteinander vermischt. Dies ist nun klarer strukturiert, indem zahlreiche Begriffe vor den einzelnen Sortenanforderungen definiert werden. Hierzu gehören:

· Altpapier (neu)

· Unzulässige Materialien (neu)

· Papierfremde Bestandteile

· Papier, Karton und Pappe ungeeignet für die Produktion

· Sortenfremdes Papier, Karton und Pappe (neu)

· Papierprodukte, geeignet für Deinking (neu)

· Unerwünschte Materialien

Prozentuale Höchstgrenzen
Eine besondere Neuerung ist die Einführung von zulässigen prozentualen Höchstgrenzen für papierfremde Bestandteile und unerwünschte Materialien bei den einzelnen Altpapiersorten.

Überschreitet die Höhe der „papierfremden Bestandteile“ und/oder der „unerwünschten Materialien“ den zulässigen Wert in der Sortenliste, kann die Ladung unter der angegebenen Sortenbezeichnung künftig abgelehnt werden. In der Praxis wird es nicht einfach sein, dies immer genau zu bestimmen.

Der Gewichtsanteil der unerwünschten Materialien am Produkt sollte daher idealerweise durch eine anerkannte Probenahme und Messmethode geprüft werden.

Spezielle Anforderungen für Deinkingsorten
Spezielle Anforderungen enthält die EN 643 für Altpapiersorten, die für das Deinking vorgesehen sind. Dabei wird eine Liste von Sorten angegeben, die vorwiegend für das Deinking eingesetzt werden. Bei diesen Sorten zählen Papierprodukte, die nicht für Deinking geeignet sind, zum Anteil der unerwünschten Materialien. Aufgrund dieser Besonderheiten ist es ratsam Altpapier-Lieferanten darauf hinzuweisen, dass die eingekauften Sorten für das Deinking vorgesehen sind, und sie über die „Bewertung der Recyclingfähigkeit von Druckerzeugnissen – Punktzahl der Deinking-Fähigkeit“ (assessment of print product recyclability – deinkability score) zu informieren.

In der neuen EN 643 wird nun auch das zunehmende Problem der Zerkleinerung von Altpapier erwähnt. Dabei sollten die Schnipsel so groß wie möglich bleiben, soweit dies praktikabel ist.

Klassifizierung: Weiter fünf Gruppen – aber deutlich mehr Sorten
Die Altpapierstandardsortenliste ist in der neuen EN 643 wie bisher in fünf verschiedene Gruppen unterteilt. Bei der Überarbeitung war zwar eine stärkere Straffung der einzelnen Altpapiersorten in den einzelnen Gruppen vorgesehen gewesen. Dieses Ziel konnte jedoch nicht erreicht werden. Die Ziele „Präzisierung“ und „Reduzierung“ ließen sich nicht miteinander vereinbaren, da vor allem bei den Untersorten alle Vorstellungen der Marktteilnehmer berücksichtigt werden sollten. So erhöhte sich die Anzahl der Sorten von 57 Haupt- und zehn Untersorten auf nunmehr 67 Haupt- und 28 Untersorten

Die mengenmäßig wichtigsten Sorten, die untere Sortengruppe, enthält nun zwar weniger Sorten als die frühere EN 643, doch wurden für die Sorten 1.04, 1.05 und 1.06 Untersorten eingeführt. Einer der Gründe hierfür ist die Marktentwicklung in den letzten Jahren, insbesondere durch die Art des Handels mit losen Sorten.

So entspricht die neue Sorte 1.04.00 der früheren 1.04. Bei den neu eingefügten Sorten 1.04.01 und 1.04.02 sind auch verpackungsfremde Materialien in der Fraktion zulässig, die nicht aus Wellpappe besteht. Die Sorte 1.11 wurde den veränderten und unterschiedlichen Lesegewohnheiten angepasst. Verglichen mit der früheren Sorte 1.11 weist die neue Sorte 1.11.00 einen niedrigeren Mindestanteil für Zeitungen auf: jetzt nur noch 30 Prozent anstatt 40 Prozent. Zusammen müssen Zeitungen und Illustrierte weiterhin gemeinsam einen Mindestanteil von 80 Prozent erreichen. Papierfabriken, die höhere Anteile des einen oder anderen Produkts benötigen, sollten dies mit ihren Lieferanten vereinbaren.

In den weiteren unteren, mittleren und auch besseren Sorten erfolgten ebenfalls zahlreiche Änderungen (siehe Kasten weiter unten). Die Gruppe 5 wurde erweitert, um das Vorhandensein komplexerer Papierprodukte, jedoch auch verbesserter Recyclingprozesse widerzuspiegeln, die solche Sorten verarbeiten können. Ihre Aufnahme in die Sondersorten der Gruppe 5 zielt auch darauf ab, ihr Vorhandensein in den Gruppen 1 bis 4 zu verringern.

Qualitätsanforderungen „mit Leben füllen“
Insgesamt bietet die neue Sortenspezifikation eine erhebliche Chance, das Qualitätsbewusstsein – auch der Zulieferer – deutlich zu steigern. Der Verband Deutscher Papierfabriken (VDP) begrüßt dies ausdrücklich. Es wäre daher wichtig, wenn die Qualitätsanforderungen künftig von allen Beteiligten auch mit Leben erfüllt würden. Die Wirkung, die eine Norm am Markt entfaltet, hängt nämlich immer davon ab, ob und wie weit der Markt sie annimmt.

Es wird sich in den kommenden Jahren jedoch erst zeigen müssen, wie die teilweise sehr genauen Sortenspezifikationen in der betrieblichen Praxis vor Ort in den Papierfabriken überhaupt umgesetzt werden können. Hierzu bedarf es genauer Messmethoden und standardisierter Kontrollmethoden. Dies wird eine der wichtigen Aufgaben in den nächsten Jahren werden.

Ziel muss es dabei sein, dass die Standardsorten sich sowohl hinsichtlich ihrer stärkeren Differenzierung in die einzelnen Sorten, aber besonders auch hinsichtlich ihrer Qualitätskriterien im wahrsten Sinne des Wortes zum „Standard“ entwickeln.