Archiv Im Blickpunkt

400 Jahre Papierfabrik Unterkochen

Als im Jahr 1613 die Papierfabrik am Weißen Kocher in Aalen-Unterkochen gegründet wurde, konnte sich wohl kaum jemand vorstellen, dass dieses Werk 400 Jahre – eine wechselhafte Zeit mit Höhen und Tiefen – erfolgreich überdauern würde.

Marion Abeln

In monatelanger Arbeit wurde die Historie des Unternehmens recherchiert. Der Gründer: Johann Christoph von Westerstetten, Fürstprobst zu Ellwangen, hat sich seinen Platz in der Geschichte nicht nur als vorausschauender Wirtschaftspionier gesichert. Traurigen Ruhm erlangte er durch die Hexenverfolgung, welche während seiner Amtszeit extreme Ausmaße annahm.

Um den wachsenden Bedarf an Papier für die eigene Probstei zu decken, reifte im Jahr 1612 der Entschluss eine Papiermühle zu gründen. Ein geeignetes Grundstück war am Weißen Kocher gefunden, auf welchem der Fürstprobst die Papiermühle errichten ließ – mit der Unterstützung der Unterkochener Bauern. Es ist genau dokumentiert, welche Materialien zum Bau der Mühle transportiert werden mussten: 164 Fuder Sand, 730 Fuder Steine, und 172 Fuder Bauholz. Bereits 1613 produzierte Hans Zick, der erste Pächter der Papiermühle, die ersten Papiere und verkaufte sie auf der damals überregional bedeutsamen Nördlinger Messe.

Im Laufe der Zeit hatten die jeweiligen Pächter mit unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen. So litt die Papierproduktion zeitweise unter Wassermangel, verursacht durch eine nahe gelegene Eisenschmiede, die der Papiermühle das Wasser streitig machte. Den Dreißigjährigen Krieg überstand die Papiermühle unbeschadet, wurde allerdings durch Brände (Großfeuer: 1793, 1838, 1909) mehrfach zerstört und immer wieder aufgebaut – und zwar jeweils fortschrittlicher als zuvor.

Erfolg durch Spezialisierung
Über 300 Jahre erstreckte sich das Produktionsspektrum vom einfachen Briefpapier, Kanzlei- und Postpapier, aber auch Konzept- und Makulaturpapier bis zu einer heute kaum noch vorstellbaren Vielfalt von Produkten. Besonders deutlich lässt sich das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs beobachten. Papier musste nun als Ersatzstoff dienen, etwa auch für Leder mit dem sogenannten Kunstlederrohstoff. Weitere typische Ersatzprodukte waren der Dichtungsrohstoff und das Hanf-Briefumschlagpapier. Unterkochener Papier wurde als Basis für Wurstkunstdärme ebenso verwendet wie für Motorenabdichtungen und zur Herstellung von Lampendochten. Das alles war auf der einen Seite das Ergebnis radikaler Rohstoffverknappung, auf der anderen Seite belegt es den Erfindungsgeist der Unterkochener Papiermacher. Die Zukunft der Papierfabrik Unterkochen zeichnete sich schon in den 1930er Jahren ab. Damals hatte man erstmals tränkbare Papiere entwickelt, die für die Bakelite verarbeitende Industrie und die Kunstlederherstellung gedacht waren. Ebenso begannen Versuche mit sogenannten Schichtpressstoffen, bei denen harzgetränkte Papieroberflächen mit plattenförmigen Werkstoffen verpresst werden.

Seit Ende der 1940er-Jahre wird nun schon in Unterkochen Dekorpapier produziert – von da an hat sich das Papierwerk zu einem Hightech-Unternehmen entwickelt und ist heute einer der modernsten Dekorpapierhersteller in der Welt.

Auf zwei Papiermaschinen produziert das Werk Unterkochen heute rund um die Uhr – im 5-Schichtbetrieb – Dekorpapiere mit weit über 1500 Farben, davon allein circa 200 unterschiedliche Weißtöne. Diese Spezialpapiere sind die Basis für die Oberflächenveredelung von Holzwerkstoffen, welche Möbel- und Laminatfußbodenhersteller sowie Innenarchitekten verwenden. In der Weiterverarbeitung bei den Kunden wird gut die Hälfte der Dekorpapiere mit einer Holzstruktur, einem Stein- oder Fantasiedekor bedruckt.

Die bedruckten oder unifarbenen Dekorpapiere werden in Melamin- und Harnstoffharzen getränkt und mit hohem Druck und hohen Temperaturen auf Trägerplatten verpresst. Die daraus entstehenden oberflächenveredelten Span- oder MDF-Platten setzt man für die Produktion von Möbeln und Laminatfußböden ein. Derartig hergestellte Holzwerkstoffoberflächen sind extrem pflegeleicht. Sie sind kratz-, abrieb- und dampfbeständig und gegen chemische Einwirkungen unempfindlich.

Eingebunden in einen internationalen Konzern
Seit 1996 ist die Papierfabrik in Unterkochen Teil der Munksjö Gruppe. Die Munksjö Oyj ist heute in Finnland registriert, der Hauptsitz befindet sich in Stockholm. Seit dem 7. Juni 2013 ist das Unternehmen an der Börse in Helsinki gelistet.

Nach der am 27. Mai 2013 erfolgten Fusion mit dem Geschäftsfeld Label & Processing der Ahlstrom-Gruppe zählt die Munksjö Gruppe nun rund 3000 Mitarbeiter und 15 Produktionsstätten. Munksjö bildet ein weltweit führendes Spezialpapierunternehmen mit einem Pro-Forma Nettoumsatz von etwa 1,2 Milliarden Euro.

Die Produkte teilen sich in vier Bereiche auf: Decor, Release Liners, Industrial Applications und Graphics & Packaging. Zu dem Geschäftsbereich Decor – zu dem auch das Werk in Aalen-Unterkochen zählt – gehören Dekorpapiere sowie Dünndruckpapiere, welche zum Beispiel als Beipackzettel von Arzneien und Kosmetika verwendet werden. Schwesterwerke mit Dekorpapierproduktion befinden sich in Dettingen / Erms sowie in Tolosa (Spanien) und Arches (Frankreich).

Das Jubiläum
Am Donnerstag, den 4. Juli 2013, fand eine Veranstaltung mit Kunden und den wichtigsten Lieferanten statt, welche diese Erfolgsgeschichte durch ihre Partnerschaft und ihr Vertrauen erst möglich gemacht haben.

Bei einem Tag der offenen Tür am 6. Juli nahmen weit mehr als 2500 interessierte Besucher die Gelegenheit wahr, bei laufender Produktion einen Blick hinter die Kulissen der Spezialpapierfabrikation zu werfen. Ebenfalls konnte an diesem Tag die Ausstellung „400 Jahre Papierfabrik Unterkochen“ besucht werden.

Ihren Ausklang fanden die Feierlichkeiten mit einem Fest für die aktiven sowie die bereits in den Ruhestand verabschiedeten Mitarbeiter.