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„Ein alter Papierhase“

Der Chef der Büttenpapierfabrik Gmund, Florian Kohler, gibt Einblick in die „Haute-Couture“ der Blätter. Das Sortiment von 100 000 unterschiedlichen Papierarten wird jedem Extrawunsch der Kunden, darunter Mercedes, Chanel und Louis Vuitton, gerecht.

Anne-Katrin Schade

Fast überall das gleiche Bild: Auf der weltgrößten Druck- und Papiermesse, der Drupa in Düsseldorf, wimmelt es von Anzugträgern. 2000 Aussteller aus 52 Ländern – Es riecht nach dem „schwarzen Gold“ der Branche, der Druckertinte, und nach Geschäften.

Besonders dichtes Gedrängel herrscht beim Stand des Papierunternehmens Gmund vom Tegernsee. Dort gibt es keine billigen Werbegeschenke und lästigen Broschüren, sondern richtig was für die Finger. Kunden kriegen Papier wie Samt, griffig und weich. Die Kollektion heißt Kaschmir und so fühlt sie sich auch an. Streicheln ist erlaubt. Kühl und rauh kommt dagegen Papier mit dem Namen „Reaction“ daher. Mal grün, mal aubergine. Mal orange, mal gold: Je nachdem, wie das Licht fällt, schimmern die Muster in einer anderen Farbe.

Doch das Papier aus Gmund spricht noch andere Sinne als den Tast- und Sehsinn an. Es weckt den Durst. So besteht das so genannte Bier-Papier zu Teilen aus Hopfen, Malz und Gerste. Witzig sehen die Blätter mit den leichten braunen Punkten aus. Jedes ist einzigartig getupft. Es gibt sie von weißlich bis rotbraun, in den Nuancen Pils, Weizen, Ale, Lager und Bock. Nach Bier riechen die Blätter nicht, was ein schnelles Schnuppern beweist: Gerstensaft-Aroma breitet sich nicht aus. Wer kein Bier mag, erhält auf Wunsch Papier mit Gänsedaunen und Edelsteinstaub.

So wenig „0–8–15“ wie das Papier soll auch der Stand von Gmund sein. Bei dem Raum wurde auf den messetypischen Plastikschick verzichtet. Mit seinen Holztischen auf Ziegenhaarteppich wirkt er eher wie ein Designercafé. Gäste bekommen einen Cappuccino mit Keks oder Karottensticks. Der Platz ist der Ruhepool inmitten der Drupa. Sein Design steht für Moderne, die natürlichen Materialien für Tradition – ebenso wie das Gmundsche Papier. Kurz: Stand und Produkte tragen deutlich die Handschrift von Unternehmens-Chef Florian Kohler, der auch in seinem Unternehmen Altbewährtes und Neues verbinden will.

In Jeans und Hemd begrüßt der 46-Jährige unermüdlich Kunden an den Tischen – und erzählt von Papier mit modernem Design, das dennoch nach alten Werten hergestellt wird. Gmund soll mit seinem Qualitätspapier als der „Rolls Royce“ der Papierbranche gelten, aber auch für die hochwertige Mittelklasse ist was geboten. Kohlers Konzept geht auf: Seit 180 Jahren behauptet sich das Familienunternehmen – zunächst nur auf dem deutschen und heute auf dem weltweiten Papiermarkt. „Die Geschichte, die kann uns niemand mehr nehmen“, sagt Kohler.

Mit einer hoheitlichen Lizenz vom Bayern-König Ludwig gründete der Lumpensammler Johann Nepomuk Haas 1829 das Unternehmen Gmund. Er verrührte in einem Holztrog, der Bütte, Wasser aus der Mangfall mit Stofffetzen, Holzfasern, Kreide, Kartoffelstärke und Leim und schöpfte mit einem Sieb Papier. Der König selbst wusste die Rarität zu schätzen: Er schrieb regelmäßig auf dem „weißen Gold“ vom Tegernsee. Als die Kohlers das Unternehmen im Jahr 1904 übernahmen, nutzten sie Zellstoff und gut sortierte Hadern für ihr Büttenpapier, und wie eh und je die Wasserkraft der Mangfall.

Gut 90 Jahre später löste Florian Kohler seinen Vater als Unternehmenschef ab. Damit übernahm die vierte Generation der Kohlers die Firma: „Ich stehe in der Tradition“, weiß der Sprössling. Mit wachem Blick sagt er: „Das ist eine große Verantwortung.“

Schon in früher Jugend beschäftigte sich Kohler mit der elterlichen Fabrik. Während der Schulferien jobbte er dort an den verschiedenen Maschinen. Der Junge musste sich so sein Taschengeld verdienen. Er hatte damals „einen ordentlichen Widerwillen“ bei der Arbeit, freut sich heute aber über den Nutzen daran: „Ich kenne jede Maschine.“ Eine davon stammt aus dem Jahr 1883. Wie seine Vorfahren setzt Kohler sie heute noch ein.

Als Jugendlicher hatte er aber eigentlich mit der Tradition der Familie brechen wollen. Nach den Erfahrungen in der Fabrik träumte Kohler von einer Karriere als Schauspieler. Dann studierte er doch etwas Handfestes: Betriebswirtschaft. Das fand Kohler „trocken und langweilig“. Nur die Buchhaltung helfe ihm heute noch, der Rest sei für das praktische Leben nicht weiter wichtig.

Wahrscheinlich wäre Kohler damit unglücklich geworden, wenn er nicht bei einem Praktikum in Paris und London die Modewelt kennen gelernt hätte. Auf Papier legten die Chef-Designer damals wenig Wert. „Wie kann ich das attraktiver machen“, grübelte Kohler deshalb. Über diese Zeit erzählt er heute mit glänzenden Augen: „Der Papierbazillus hat mich infiziert.“

Der junge Unternehmer entschloss sich, die Branche mit seinem Familienbetrieb aufzumischen: „Bis dahin war die Papierindustrie eher konservativ und traditionell.“ Im Gegensatz dazu schien Kohler Papier zum Schreiben allein zu langweilig. Ihm schwebte die Haute-Couture der Blätter und Zettel vor: Handverlesen und mit hochwertiger Struktur. Sie sollten jedem Extrawunsch der Kunden gerecht werden. Dafür entwickelte die Mannschaft ein Sortiment von 100 000 unterschiedlichen Papierarten.

Die Auswahl fällt schwer. Gmund bietet Papier in 51 Farben an, in sechs Gewichtsklassen und in 110 Prägungen. Nur 200 Kilo der Bögen müssen abgenommen werden, ab dieser Menge darf jeder bestellen. Vertrieben wird weltweit über ein Franchise-System. Kohlers neuestes „Baby“ ist ein Laden in der Prannenstraße in München, der im September vergangenen Jahres eröffnet wurde. Auch dort können Kunden echtes Gmund sehen und anfassen.

Meist greifen Großkunden wie Werbeagenturen zu. Sie entwerfen auf hochwertigem Papier hochwertige Anzeigen für hochwertige Produkte. So liest sich die Liste der Gmund-Kunden wie das „Wer ist Wer“ der internationalen Konzerne. Autofirmen wie Audi und Mercedes sind dabei, Luxusmarken wie Chanel und Louis Vuitton auch.

Solchen Unternehmen fällt es in der Regel nicht schwer, für das Qualitätspapier tiefer in die Tasche zu greifen: Für ein Kilo sind mindestens 3,50 Euro zu zahlen, meist mehr. Dieselbe Menge normales Kopierpapier kostet rund 80 Cent. Kohler hat aber auch nicht den Anspruch, Günstiges für jedermann zu entwickeln. Sein Familienbetrieb produziert ein paar tausend Tonnen des Edelschreibstoffs im Jahr – in Papierdimensionen ist das keine Massenproduktion.

Gefallen soll die Ware, aber nicht unbedingt jedem. Oft ist die Gratwanderung zwischen Innovation und Tradition schwierig. In Gmund wagt man sich an neue Designs soweit, dass auch mal ein Flop rauskommen kann. Der Unternehmer sieht das eher leidenschaftslos: „Wer Trendsetter sein will, muss zuerst den Kopf aus dem Fenster halten. Wenn dann die Eisenbahn vorbei fährt, hat er Pech gehabt.“

Auf dem Markt setzt sich der 46-Jährige also meist stilistisch durch – in Gmund hält er es ebenso: „Ich freue mich immer über Ideen meiner Mitarbeiter, habe aber auch meinen Standpunkt.“ Dennoch habe er kein Problem damit, wenn ihm jemand die Meinung sagt, betont Kohler. Er sei zwar kein „Turboduzer“, aber seine Mitarbeiter könnten jederzeit zu ihm kommen.

Das tun die etwa 100 Angestellten von Gmund auch, wie Stefanie Schachtner aus dem internationalen Vertrieb des Unternehmens erzählt. Kohlers Rat ist gefragt: „Er ist nicht alt, aber doch ein alter Papierhase.“ Wenn sie eine Frage habe, müsse sie nur eine Treppe zum Büro des Geschäftsführers hoch gehen und anklopfen: „Ich habe es noch nie erlebt, dass der Chef dann keine Zeit gehabt hat.“ Die junge Frau zögert nicht lange, um ihren Vorgesetzten zu beschreiben: „Sportlich und ausdauernd ist er, wie viele von uns.“ Kohler sei aber auch perfektionistisch und anspruchsvoll: „Und das erwartet er auch von seinen Mitarbeitern.“

Kohler ist sich seiner Ansprüche bewusst. Als detailnervend und ungeduldig beschreibt sich der Perfektionist selbst. Dafür sei er aber auch sehr produktverliebt – ein Pluspunkt, wie er findet. „Wir machen eines der schönsten Papiere der Welt an einem der schönsten Orte Deutschlands.“ Der 46-Jährige verdankt dem Dorf am Tegernsee vieles. Die Natur rund um seine Heimat ist ihm deshalb wichtig. Bald schon möchte er eine Solaranlage bauen, um Strom für die Papierproduktion zu gewinnen. Bereits jetzt erzeugt Wasserkraft 70 Prozent der nötigen Elektrizität. „Die Umwelt ist ein Hobby von mir“, sagt Kohler. Aber der geschäftstüchtige Chef hat nicht nur die Natur im Kopf, sondern auch bare Münzen. Wenn sich mit dem Umweltschutz auch noch Geld sparen lasse, sei das umso besser, findet er. „Profit steht bei mir fast ganz oben, nämlich an zweiter Stelle“, sagt Kohler. Noch wichtiger sind ihm seine Mitarbeiter, die sich teilweise bereits jahrelang in Gmund um das Papier kümmern. Der Unternehmer weiß, wie wenig das Produkt ohne diese Kollegen wert wäre: „Ich bin zwar ein sehr materialistischer Mensch, aber manche Sachen kann man nicht kaufen.“ Dazu zählten auch Liebe, Zuneigung und seine dreijährige Tochter, listet der Familienvater auf. Der Nachwuchs lernt zwar gerade erst, mit Buntstiften auf Papier zu malen. Dennoch hat ihr Papa bereits jetzt große Pläne mit dem Sprössling. Schön wäre es, wenn sich auch die Kleine mal den Papierbazillus einfängt und in den Betrieb einsteigt, meint Kohler.

Mit Blick in die Zukunft orakelt Kohler: So eine Übergabe des Geschäfts sei eine schwierige Sache, gerade wenn die Vorstellungen des alten und des neuen Chefs aufeinander prallen. Das könnte Ärger geben, was es unbedingt zu verhindern gilt. Deshalb soll ein Mittelsmann das Unternehmen nach dem Vater und vor der Tochter leiten. Der Familienfriede sei somit nicht in Gefahr. Geht es nach dem 46-Jährigen, soll also auch die nächste Generation der Kohlers Gmund fortführen. Aber bis dahin sind es ja noch ein paar Jahrzehnte – viel Zeit für neue Ideen, die künftig auf der Drupa beworben werden.

„Die Drupa ist die Olympiade der Druck- und Papierbranche“, sagt Kohler, wieder an einem der Tische des Messestandes. Da gebe er 100-Prozent, erklärt der Pausenlose und will eine Visitenkarte aus echtem Gmund-Papier zücken. Doch der Messetag war lang, sein Etui ist leer. Kohler lächelt zufrieden.