Der Wert des Lesens - papierundtechnik.de

Archiv Gastkommentar

Der Wert des Lesens

Hans Georg Selge

Leiter KommunikationStiftung Lesen

Das gedruckte Buch behauptet sich im Zeitalter der Digitalisierung, aber viel wichtiger ist: Nie wurde so viel gelesen wie heute.

Vor 30 Jahren nahm die Stiftung Lesen ihre Arbeit auf, um sich der „Pflege und Erhaltung einer zeitgemäßen Lese-, Sprach- und Buchkultur“ zu widmen. Einige Zeitgenossen sahen diese damals durch das Fernsehen bedroht – nur vier Jahre zuvor war die Aera des Privatfernsehens angebrochen, als erst Sat.1 und kurz darauf RTL auf Sendung gingen. Die Stiftung nahm die Konkurrenz von Anfang an sportlich und entwickelte Leseangebote, die vertiefend an das TV-Programm anknüpften.

Eigentlich ist die Kulturtechnik des Lesens aber konkurrenzlos. So wie es damals nicht um Buch oder Fernsehen ging, ist sie heute nicht von der Digitalisierung bedroht. Im Gegenteil: Nie hat die Menschheit so viel Text produziert und rezipiert wie heute. In Deutschland ist nicht nur der Anteil der Menschen, die regelmäßig ein Buch lesen, seit Ende der neunziger Jahre in allen Altersgruppen stabil. Fast die Hälfte der Aktivitäten im Internet erfordert Lesen (und Schreiben). Erwachsene beschäftigen sich hierzulande über 30 Minuten länger pro Tag mit Texten als um die Jahrtausendwende.

Konkurrenz gibt es gleichwohl – zwischen Internet und linearem Fernsehen. 96 Prozent der Jugendlichen sind mehrmals in der Woche, wenn nicht täglich online. Von solchen Werten können TV-Sender nur noch träumen. Auch deshalb drängen sie mit Macht ins Netz und das nicht nur mit Bewegtbild – darum ging es ja beim Prozess über die Presseähnlichkeit der Tagesschau-App.

So lange sich Gerichte damit befassen, wer schreiben darf, muss Lesen einiges wert sein – ob auf Papier oder in digitalen Medien.