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Über Grenzen

Durchweg positiv beurteilen zwei Papieringenieur-Studentinnen ihre Aufenthalte in Finnland und Frankreich. Unterstützt wurden sie durch ein Stipendium der Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie (VAP).

Verena Manek

Die Jugend von heute entwickle sich zu Nesthockern, wird vielfach beklagt. Sie hänge zu lange an Mutters Rockzipfel, sei unflexibel und bequem. Auf manche jungen Leute mag das zutreffen, aber bestimmt nicht auf alle. Denn immerhin zieht es dreizehn Prozent der deutschen Studenten in die Ferne. Wobei sie wichtige Erfahrungen sammeln, die sie sowohl persönlich als auch fachlich weiterbringen. – Und die in Zeiten, in denen viele Unternehmen längst über die Grenzen hinweg aktiv sind, im späteren Berufsleben durchaus nützlich sein können.

Julia Zander, sie studiert an der TU Darmstadt Papieringenieurwesen, nahm am Linkage-Program der Helsinki University of Technology (HUT) teil: Modern Technology in the Pulp and Paper Industry, so der Titel des Studienprogramms. Neun Monate, das sind zwei Semester, studierte sie an der Uni in Helsinki. Alle Vorlesungen waren vorgeschrieben, gehalten auf Englisch von Professoren aus Helsinki und Gastdozenten aus Schweden und Kanada. „Fast alle Finnen sprechen sehr gut Englisch und sogar viele Deutsch“, so die Erfahrung der deutschen Studentin. „Das Verhältnis zu den Kommilitonen war sehr gut“, betont sie. Am Linkage Program nehmen ausländische und finnische Studenten teil, so dass sich auch leicht Kontakte zu Finnen ergaben. Zahlreiche Exkursionen zu verschiedenen Unternehmen brachten zusätzlich zum wissenschaftlichen Studium Einblicke in die Praxis.

Zwei Projekte im Praktikum bearbeitet
Zwei Monate machte Julia Zander außerdem ein Praktikum bei UPM-Kymmene in Lappeenranta, in der dortigen Papierfabrik. Sie untersuchte das Abrissverhalten von verschiedenen Sorten an einer der Streichmaschinen und in einem weiteren Projekt verglich sie Wickelhärteprofile, die online und mit manuellem Messgerät gemessen wurden.

Der Aufenthalt hat Spaß gemacht, meint sie zu ihrem Jahr in Finnland. Besonders gut gefiel ihr die internationale Atmosphäre an der Universität mit den Studenten aus aller Welt. Und natürlich nutzte die Studentin aus Deutschland ihre Freizeit für Trips in die nähere und weitere Umgebung, zum Beispiel nach Tallinn, St. Petersburg oder Lappland. Das Studium beenden will sie in Darmstadt, kann sich aber vorstellen später einige Zeit im Ausland zu arbeiten.

Was sie, wieder zurück in Deutschland, besonders vermisst? Die finnische Sauna, die sie ungefähr zweimal in der Woche besuchte. Und: Die finnischen Winter sind gar nicht so schlimm, stellte sie fest. Fast jeden Tag schien die Sonne und nur einige Tage lang war es minus zwanzig Grad und kälter.

Einige Breitengrade südlicher zog es Victoria Scherzinger. Sie studierte im Rahmen eines Erasmus-Programms zehn Monate an der Ecole Francaise de Papeterie et des Industries Graphiques (EFPG) in Grenoble. Die Auswahl an Fächern ähnelte der an der TU Darmstadt, an der sie in Deutschland eingeschrieben ist. Allerdings gab es in Frankreich zu jeder Vorlesung ein Praktikum, also jede Woche circa zwei bis drei vierstündige Praktika. Für sie war das besonders interessant, da sie bisher noch kein Praktikum gemacht hatte. „Für die meisten Praktika mussten wir etliche Papierproben herstellen um anschließend alle nötigen Versuche der Papierprüfung durchführen zu können“, erinnert sie sich. „Dadurch habe ich in diesem Jahr sehr viel über die Papierherstellung gelernt.“ Während einer Studienreise besichtigte sie den größten Papiermaschinenhersteller in Frankreich, Allimand, dann den Spezialpapierhersteller Ahlstrom, die Firma Cascades (Holzstoffherstellung, Chemischer Aufschluss von Fasern, Kartonherstellung) sowie Vicat-Papeterie de Vizille (Papier für Buchdruck, Herstellung von Papiersäcken).

Frankreich steht bei der Papierproduktion in Europa mit 10,2 Millionen Tonnen im Jahr 2004 an vierter Stelle hinter Deutschland, Finnland und Schweden. Mit einem Umsatz von rund sechs Milliarden Euro und rund 22 000 Beschäftigten ist die Branche ein wichtiger Teil der französischen Wirtschaft.

Begeistert war die Studentin in Grenoble nicht nur von dem atemberaubenden Blick auf die Berge, „hier könnte man zur passionierten Wanderin werden“, sondern auch vom Studentenleben mit vielen von den jungen Leuten selbst organisierten Aktivitäten außerhalb der Lehrveranstaltungen wie etwa Film- oder Spieleabende, Herausgabe einer Zeitung, Organisation eines Forums, bei dem Unternehmen sich an der Universität vorstellten. Gebracht hat ihr das Auslandsstudium „viele neue Freunde, viel Spaß mit Franzosen und vor allem auch anderen ausländischen Studenten, mehr Selbstständigkeit und Erweiterung des Horizonts…“ Außerdem ist sie überzeugt: „Der Aufenthalt in Grenoble hat mein Interesse an anderen Ländern und deren Kultur verstärkt“.