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Riesen-Programm

Drei Schüler des Berufskollegs in Gernsbach verbrachten im Rahmen eines Schüleraustauschs drei Wochen im finnischen Lappeenranta. Die Papier+Technik-Redaktion sprach mit Tilman Ziegler über seine Erfahrungen in der dortigen Schule und im Werk UPM Kaukas.

Das Interview führte Verena Manek

Papier + Technik: Zuerst einmal, wie war die Ankunft in Finnland?

Tilman Ziegler: Nach etwa zweieinhalb Stunden Flugzeit sind wir in Helsinki gelandet. Am Flughafen wurden wir von Päivi Lassila, Lehrerin an der Vocational School in Lappeenranta, in Empfang genommen. Danach fuhren wir circa drei Stunden nach Lappeenranta, im Südosten von Finnland an einem der größten Seen, Saima, gelegen. Dort bezogen wir eine Werkswohnung der Firma UPM. Abends ging Päivi mit uns einkaufen, denn sie musste so einiges für uns übersetzen.

Papier + Technik: Besuchten sie die gleiche Schule, an der die finnischen Austauschschüler lernen?

Tilman Ziegler: Ja. Wir nahmen die erste Woche am Unterricht der Vocational School in Lappeenranta teil. Das Schulsystem in Finnland ist aber etwas anders als in Deutschland. Die finnischen Auszubildenden lernen erst drei Jahre in der Schule, bevor sie in einen Betrieb kommen und dort noch eine mehrjährige betriebliche Ausbildung durchlaufen. Die Praxis kennen sie nur von Sommer-Jobs und aus den Lehrwerkstätten der Schule. In der Schule werden viele verschiedene Berufe ausgebildet, Papiertechnologen, Schreiner, Mechaniker, Elektroniker, Lackierer, Köche, Bäcker, Friseure und so weiter. Das besondere an der Schule ist: Alle Produkte, die zum Beispiel von den Köchen, Bäckern oder Konditoren hergestellt werden, werden im hauseigenen Laden verkauft. Ebenso kann man sein Auto bei den Auszubildenden in der Kraftfahrzeugwerkstatt oder sein Radio bei den Elektronikern sehr günstig reparieren lassen. Alle Jahrgangsstufen aus allen Bereichen bauen als Abschlussarbeit ein Einfamilienhaus, das verkauft wird. Die Auszubildenden jedes Berufs übernehmen daran bestimmte Arbeiten, zum Beispiel die Elektroniker alle Elektroarbeiten.

Papier + Technik: In welcher Sprache verständigten Sie sich eigentlich?

Tilman Ziegler: Auf Englisch. In der Schule besuchten wir den „Automation“-Unterricht mit dem Inhalt Prozessleitsysteme und den Chemie-Unterricht. Beide wurden extra für uns auf Englisch abgehalten. Das war sowohl für uns als auch für die finnischen Schüler etwas Neues. Zum Teil war es auch ein sehr amüsanter Mix aus Finnisch und Englisch.

Papier + Technik: Hatten Sie auch Einblicke in die Praxis?

Tilman Ziegler: Ja, wir waren zwei Wochen im UPM-Werk Kaukas in Lappeenranta. Jeden Tag in einer anderen Abteilung, wodurch wir sehr viel mitbekommen haben. Zwischendurch wurden wir noch herumgeführt und uns wurde alles erklärt. Es gibt zwei Papiermaschinen, drei Streichmaschinen, fünf Super-Kalander, sechs Schleifer, darunter zwei Pressen- und vier Stetigschleifer und vier Rollenschneider. UPM Kaukas hat sich auf MWC- und LWC-Papiere spezialisiert. Auf dem Riesen-Gelände von über 60 Hektar befindet sich zusätzlich eine Zellstofffabrik mit eigener Entrindung, Hackschnitzelherstellung und Bleiche. Außerdem besitzt UPM Kaukas ein separates Sägewerk und vier eigene Kraftwerke.

Papier + Technik: Also ein sehr großes Unternehmen?

Tilman Ziegler: Auf jeden Fall. Die sechs Schleifer verbrauchen so viel Strom wie eine Stadt mit 100 000 Einwohnern. Die Farbküche, in der die Streichfarben aufbereitet werden, haben wir auch ausgiebig besichtigt. Ein Rollenschneider kann pro Tag ungefähr 600 Tonnen Papier schneiden. Das Werk hat für die jeweiligen Arbeitsschritte, wie Zellstoffqualität, Druckqualität, Papierqualität oder Wasserqualität je ein eigenes Labor. Im Jahr können bis zu 580 000 Tonnen Papier produziert werden. Sehr interessant ist, dass der Holzplatz internationales Terrain ist, denn viele aus Russland kommende LKWs mit Holz hätten sonst Probleme mit ihrem Tagesvisum.

Papier + Technik: Wie sah denn die Freizeit aus?

Tilman Ziegler: Auch da haben wir viel gesehen und erlebt. An einem Wochenende besuchten wir zum Beispiel mit Susanna, ebenfalls Lehrerin, den Markt von Lappeenranta. Danach fuhr sie mit uns weiter zum See Saima und nach Imatra mit seinem großen Staudamm, 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. An einem anderen Wochenende besichtigten wir Helsinki, begleitet von einer finnischen Studentin, die ebenfalls zum Austausch in Deutschland gewesen war.

Zum Abschlussgespräch trafen wir uns mit Päivi, Susanna, dem Rektor der Schule und den finnischen Austauschstudenten im Sommerhaus von Päivi, wo wir noch eine finnische Sauna mit Abschlussbad im kalten See (12 Grad, gefühlt zwei Grad) erlebten. Danach gab es dann ein traditionell finnisches Essen mit Lachs.

Papier + Technik: Ihr Fazit über den Aufenthalt?

Tilman Ziegler: Es war echt toll und interessant. Wir hatten ein Riesen-Programm, wurden super betreut und die Leute waren wirklich nett.

Das Foto des UPM-Werks Kaukas drucken wir mit freundlicher Genehmigung der UPM-Kymmene Corporation.