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Potenziale erkennen und entwickeln

Die Fortbildung soll Erfolg haben - der Meister-Check-up ist ein Weg dahin

Seit mehreren Jahren führt das Bildungswerk der deutschen Papierindustrie in Gernsbach individuell für Firmen Potenzialanalysen durch. Hierzu gehört auch das Instrument der Auswahlunterstützung, zum Beispiel für die Kandidaten der Meisterschule, das allen Unternehmen zur Verfügung steht. Ein viertägiger Check-up zeigt Potenziale und Fähigkeiten der Kandidaten für eine Meisterausbildung auf.

Dr. Volker Höntsch

Der Industriemeister ist Bindeglied zwischen der Leitung eines Unternehmens und den Mitarbeitern an der Produktionsbasis. Mit seinen vielschichtigen Aufgaben trägt er eine hohe persönliche Verantwortung, etwa in der fachlichen Absicherung der Produktion, der Führung seiner Mitarbeiter und im Arbeitsschutz. Bei der Qualifizierung von Meistern ist es deshalb von entscheidender Bedeutung, jene Kandidaten herauszufiltern, die die besten Voraussetzungen für die spätere anspruchsvolle Tätigkeit mitbringen.

In der Regel vermag ein Unternehmen durch die entsprechenden Vorgesetzten sehr genau einzuschätzen, über welche fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten ein Kandidat für eine Meisterausbildung verfügt. Schwieriger zu bewerten sind dagegen die so genannten „Soft Facts“.

Dazu gehören Führungseigenschaften, wie klare Ziele kommunizieren, vereinbaren und angemessen kontrollieren zu können, Initiativen zu ergreifen, Arbeitsaufgaben weitgehend zu delegieren und trotzdem Arbeit und Ablauf zu steuern sowie verständlich und nachvollziehbar Entscheidungen zu treffen. Kurz: das Einfühlungsvermögen in Personen und Prozesse innerhalb und außerhalb des Unternehmens, das für den unternehmerischen Erfolg von großer Bedeutung ist.

Soziale und zum Teil auch methodische Kompetenzen lassen sich nur in entsprechenden Situationen beobachten, die jedoch bei der Facharbeitertätigkeit nicht immer gegeben sind. Dazu kommt noch eine subjektive, positive wie negative, „Voreingenommenheit“ des Bewertenden, wenn er persönliche Beziehungen zu einem Mitarbeiter aufgebaut hat.

Entscheidungsbasis
Zur erfolgreichen Auswahl von Mitarbeitern für die Meisterausbildung ergeben sich folgende Handlungsfelder:

1. Die aktuellen Anforderungen an den Meister hinsichtlich seiner Fach-, Führungs-, Methoden- und persönlichen Kompetenz sind klar zu definieren.

2. Die Kandidaten für eine Fortbildung zum Meister sind hinsichtlich der persönlichen Voraussetzungen einer Überprüfung zu unterziehen.

3. Neben der Entscheidung für eine entsprechende Förderung sind gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen, um behebbare Defizite zu kompensieren.

Das Anforderungsprofil eines Meisters leitet sich aus der gesellschaftlichen wie betrieblichen Arbeitsteilung, dem Bildungsniveau der Mitarbeiter und den spezifischen Anforderungen im Unternehmen ab. Für den Industriemeister in Erzeugung und Verarbeitung liegt ein derartiges Anforderungsprofil vor.

Das Abprüfen der persönlichen Voraussetzungen bedarf einer wissenschaftlich fundierten Vorgehensweise. Dazu ist eine enge Zusammenarbeit von Spezialisten aus Psychologie, Pädagogik und Technik erforderlich. In einem Fähigkeitsprofil werden die Überprüfungsergebnisse zusammengefasst und mit verbalen Aussagen untermauert.

Durch die Kombination der Einschätzungen des Mitarbeiters durch den Betrieb mit den Aussagen der Überprüfung kann eine relativ sichere Prognose sowohl für den Erfolg der Fortbildungsmaßnahme als auch für den späteren beruflichen Erfolg des Industriemeisters gestellt werden.

Darüber hinaus bieten die Aussagen im Fähigkeitsprofil dem Kandidaten die Möglichkeit, Defizite gezielt zu beseitigen.

Tests geben genaues Bild
Das als Check-up für künftige Meisterschüler deklarierte viertägige Assessment des Bildungswerks der deutschen Papierindustrie in Gernsbach stützt sich auf ein erarbeitetes Anforderungsprofil für Meister der Papiererzeugung. Es enthält drei Schwerpunkte:

· Fachkompetenz, das heißt, fachliche Kenntnisse und Fertigkeiten und deren Umsetzung.

· Soziale Kompetenz, darunter unter anderem Führungsverhalten, Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit und Flexibilität/Veränderungsbereitschaft.

· Methodische Kompetenz, unter anderem Arbeitsorganisation und Moderation/Präsentation.

Auf der Basis dieses Anforderungsprofils wurden Tests ausgearbeitet, die eine Darstellung des Fähigkeitsprofils der Kandidaten erlauben.

Im Bereich der Fachkompetenz reduziert sich das Abprüfen auf die mathematisch-naturwissenschaftlichen Voraussetzungen der Teilnehmer. Das Bildungswerk geht davon aus, dass die spezial-fachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, ihre Umsetzung sowie die Berufserfahrung der Kandidaten sehr solide von den delegierenden Unternehmen eingeschätzt werden können. Schwierigkeiten bereiten den Meisterschülern erfahrungsgemäß häufig fehlende Kenntnisse in Mathematik, Physik und Chemie.

Die Potenziale in der sozialen und methodischen Kompetenz werden über das Lösen von Gruppen- und Einzelaufgaben eingeschätzt. Über standardisierte Beobachtungsmerkmale und zugeordnete Profilaussagen ergibt sich ein recht genaues Bild auf den entsprechenden Kompetenzgebieten.

Das Bildungswerk der deutschen Papierindustrie führte in Gernsbach bisher drei offene viertägige Check-ups durch. Die nächste Veranstaltung findet vom 10. bis 13. April 2006 statt.

Zum Angebotsprofil des Bildungswerkes gehören neben diesen offenen Veranstaltungen auch firmenspezifische Maßnahmen für alle Mitarbeiterebenen.

Sehr zu empfehlen sind derartige Überprüfungen, wenn Führungsaufgaben neu verteilt werden, Mitarbeiter für veränderte Produktionsabläufe qualifiziert beziehungsweise an andere Aggregate umgesetzt werden. Auch bei der Auswahl von Bewerbern für Ausbildungsberufe hilft ein dafür modifiziertes Auswahlverfahren bei der Entscheidung.