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Neue Ausbildungswege

Die deutsche Papierindustrie kann ihre gute internationale Position nur mit genügend qualifizierten Fachkräften halten. Für die Unternehmen gibt es verschiedene Hilfen zur Nachwuchsgewinnung. Jungen Menschen stehen flexible Ausbildungsangebote offen.

Thomas Müller

Wir werden älter und wir werden weniger. Die Zahl der Menschen von über 65 Jahren ist bereits jetzt größer als die der unter 50-Jährigen und dieser Abstand wird zunehmen. Aber die Bevölkerung wird nicht nur älter, sondern sie schrumpft zunehmend.

Bei der Entwicklung der Einwohnerzahl wurde bisher unterstellt, dass jährlich rund 100 000 Menschen mehr nach Deutschland zuwandern als abwandern. Die neuesten Berechnungen jedoch zeigen, dass Deutschland derzeit rund 55 000 Menschen durch Abwanderungen pro Jahr verliert. Damit wird sich der Bevölkerungsrückgang noch beschleunigen.

Durch die Tatsache, dass in Deutschland jede Frau im Schnitt nur 1,4 Kinder bekommt, wird die Situation noch verschärft. In Deutschland wird daher bis zum Jahr 2025 mit einem durchschnittlichen Rückgang der Schulabgänger von circa 25 Prozent gerechnet. Darüber hinaus müssen viele Betriebe feststellen, dass eine große Zahl der Bewerber nicht über die nötige Ausbildungsreife verfügt. Neben fachlichen Mängeln (in Mathematik, Physik, Deutsch etc.) haben viele Bewerber auch soziale Defizite wie zum Beispiel mangelnde Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft, Durchhaltevermögen usw. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Anforderungen an den Arbeitsplätzen ständig zunehmen.

Aus diesen Gründen kommt es schon bald zu einem zunehmenden Mangel an qualifizierten Fachkräften. Die Unternehmen müssen sich in der Zukunft also verstärkt darauf einstellen, dass sie ihren Bedarf an Arbeitskräften nicht mehr decken können und neue Strategien bei der Qualifizierung und Rekrutierung entwickeln müssen.

Die Anforderungen steigen
Die Anforderungen an den Arbeitnehmer an den Arbeitsplätzen in der Produktion, aber auch in der Ausrüstung steigen ständig. Arbeitsplätze für An- und Ungelernte sind in immer geringerer Zahl in den Fabriken vorzufinden. Der Anteil qualifizierter Arbeitskräfte hinsichtlich der Gesamtbelegschaft steigt in jeder Qualifizierungsebene. Bei den Papiertechnologen wird von einer Zunahme von 12 auf 15 Prozent ausgegangen.

Die Anzahl der Bewerber für eine Ausbildungsstelle in der Papierindustrie sowie deren Qualität sind jedoch seit geraumer Zeit rückläufig. Darüber hinaus stehen viele Betriebe in einer regionalen Konkurrenzsituation mit anderen Branchen, wenn es darum geht, geeignete Bewerber für die eigenen Ausbildungsstellen zu finden. In einigen Fällen besitzt die Papierindustrie bei den Schulabgängern weder die Bekanntheit noch die notwendige Attraktivität, insbesondere wegen der notwendigen Schichtarbeit.

Aus diesem Grund sind besonders die Betriebe dazu aufgerufen, über neue Wege zur Rekrutierung und Qualifizierung der Facharbeiter nachzudenken.

VAP/VDP-Projekt Fachkräftesicherung
Die Vereinigung der Arbeitgeberverbände der deutschen Papierindustrie, VAP, und der Verband Deutscher Papierfabriken, VDP, werden neben den schon bestehenden Maßnahmen für die Betriebe künftig weitere unterstützende Hilfsmittel und Maßnahmen entwickeln, mit denen diese besser Auszubildende gewinnen können. So werden sie etwa unterschiedliche Checklisten zur Gestaltung von Praktika, Schnupperlehren, Firmenbroschüren sowie Präsentationen vor Schulklassen etc. als Download anbieten. Flankierend werden Workshops und Seminare zu den Themen Nachwuchsgewinnung unter anderem zum Thema Social Media durchgeführt.

Zahlreiche eigenständige Maßnahmen der Verbände wie das Reference Mill Project, Messeteilnahmen, Stipendien und Unterstützung der Institute/Schulen sowie der Forschungsaktivitäten runden das Maßnahmenpaket ab, mit dem auch in Zukunft der Nachwuchs für unsere Industrie sicher gestellt sein wird.

Sollte es aber dennoch nicht gelingen die geeigneten Bewerber in der richtigen Anzahl zu finden, muss auch über neue Qualifizierungswege nachgedacht werden.

Flexible Lösungen für die Ausbildung
Eine weitere Möglichkeit, um auch in Zukunft den Fachkräftebedarf zu garantieren, sind flexible Lösungswege für die Ausbildung. Diese werden zunehmend an Bedeutung gewinnen, wenn es den Betrieben immer schwerer fällt, Bewerber für ihre Ausbildungsstellen zu finden.

Zielgruppe dieser Wege sind Jugendliche, bei denen die Unternehmen noch unsicher sind, ob sie für eine Ausbildung zum Papiertechnologen sofort geeignet sind. Die neuen Wege sind besonders passend für Bewerber, welche zum Beispiel über ein geringeres Lerntempo verfügen. Diese haben dann auf Grund einer etwas längeren Ausbildungszeit die Möglichkeit, das Ausbildungsziel dennoch zu erreichen. Die Betriebe haben es auf ihrer Seite in der Hand, flexibel auf den jeweiligen Leistungsstand des Auszubildenden reagieren zu können.

Folgende Ausbildungsmodelle stehen den Betrieben auch heute schon zur Verfügung:

Modell 2+2
Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer/Schwerpunkt Ausrüstung (2 Jahre) und

danach:

Umschulung zum/zur Papiertechnologen/-in (2 Jahre)

Die Vorteile sind:

· Ausgleich fachlicher und/oder sozialer Schwächen

· Flexibler Einsatz nach der Ausbildung (Produktion und Ausrüstung)

· Flexible Entscheidung des Unternehmens nach Bedarf und Entwicklung des Auszubildenden

Modell 1+3
Beginn der Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer/Schwerpunkt Ausrüstung (1 Jahr) ohne Facharbeiterbrief.

Nach einem Jahr Wechsel in die

Ausbildung zum/zur Papiertechnologen/-in (3 Jahre)

Die Vorteile des Modells 2+2 gelten auch für diese Möglichkeit. Betriebe und Bewerber verfügen somit über eine höchstmögliche Flexibilität abhängig vom Bedarf der Firma und der Eignung des Auszubildenden.

Modell 2+2+2
Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer/Schwerpunkt Ausrüstung (2 Jahre)

danach:

2 Jahre betriebliche Praxis

danach:

Vorbereitung auf die externe Prüfung durch den Distance-Learning-Kurs zum Papiertechnologen/-in (2 Jahre).

Dieses Modell bietet den größten Entscheidungsspielraum für den Betrieb und den Auszubildenden. Der Nachteil gegenüber den anderen Modellen ist ein höherer zeitlicher und materieller Aufwand.

Zur Absicherung der Entscheidung, welche Ausbildung der Jugendliche zu Beginn oder nach Erwerb des Facharbeiterbriefes Maschinen- und Anlagenführer durchlaufen soll, bietet das Papierzentrum einen Check up (Eignungsfeststellung für Schüler und für Auszubildende) an.

Wettbewerbsfähigkeit sichern
Die Absicherung des künftigen Fachkräftebedarfs wird für die Betriebe in Zukunft eine existenzielle Aufgabe.

Neben den Maßnahmen zur Nachwuchsgewinnung, muss auch auf dem Gebiet der Ausbildung heute schon darüber nachgedacht werden, wie man flexibel auf die sich verändernden Bedingungen reagieren kann. Nur durch diese Flexibilität und intensiven Bemühungen aller Beteiligten lässt sich sicherstellen, dass die hohe Qualifikation unserer Mitarbeiter auch künftig der entscheidende Faktor zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie ist.