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Meisterabschluss öffnet neue Wege

Jedes Jahr nehmen Mitarbeiter der deutschen und Schweizer Papierindustrie an der Ausbildung zum Industriemeister Papiererzeugung in Gernsbach teil. Papier + Technik sprach mit zwei Absolventen über ihre Erfahrungen.

Seit dem Jahr 1959 bildet das Papierzentrum in Gernsbach Industriemeister aus. Nach zehn Monaten im Vollzeitkurs oder zwei Jahren in der Teilzeitausbildung verlassen sie die Schule gut vorbereitet auf ihre Aufgaben als Führungskräfte in der mittleren Ebene eines Unternehmens. Neben fundierten Fachkenntnissen in der Verfahrenstechnik besitzen sie dann Kompetenzen in Personalführung, betriebswirtschaftlichem Handeln, Projekt- und Qualitätsmanagement sowie Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsschutz.

Die handlungsorientierte Ausbildung betont eigenständiges Aneignen und Anwenden des Gelernten in Projekten und bei der Meisterarbeit, in der die Meisterschüler im Allgemeinen eine Problemstellung aus ihrem beruflichen Umfeld erörtern. Von der auch international hoch angesehenen Meisterausbildung in Gernsbach profitieren sowohl die Unternehmen als auch die Teilnehmer in ihrer beruflichen Entwicklung. Zwei der Absolventen der vergangenen Jahre berichten im Interview über die Ausbildung und was sie ihnen gebracht hat.

Herr Wilberg, Herr Bonda, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang?

Wilberg: 1976 bis 1979 machte ich meine Ausbildung zum Papiermacher bei der Firma Zanders in Bergisch Gladbach. In den Jahren danach durchlief ich alle Tätigkeiten an den Veredelungsmaschinen im Bereich Chromolux. Von 1987 bis 1994 war ich Werkführer in der Produktion, seit 1994 Tagwerkführer. Dies beinhaltete die komplette Betreuung der Veredelungsmaschinen und der daran tätigen Mitarbeiter. Seit 2013 arbeite ich als Projektleiter Verfahrenstechnik Papier bei der Firma Pfleiderer Spezialpapiere in Teisnach.

Bonda: Ich habe bei der Firma Schoeller & Hoesch (seit 2007 Glatfelter Gernsbach) von 2002 bis 2005 meine Ausbildung zum Papiertechnologen gemacht. Nach der Ausbildung wurde ich in die Produktion übernommen und habe dort vom zweiten Gehilfen bis zum Ersatzmaschinenführer, sowohl an der Papiermaschine als auch am Umroller, gearbeitet. Im Jahr 2008/2009 habe ich dann die Meisterausbildung machen dürfen. Nach der Meisterausbildung habe ich in der Abteilung Technologie an verschiedenen Projekten mitgearbeitet. Seit August 2012 bin ich Schicht-Werkführer.

Warum haben Sie sich zur Meisterausbildung entschieden?

Wilberg: Nun, in jungen Jahren musste ich erstmal Geld verdienen und hatte keine Zeit für eine Meisterausbildung. Ich habe mit 27 Jahren ein Haus gebaut und danach kamen meine Kinder auf die Welt. Aber Bildung wird immer wichtiger und ich wollte in meinem Beruf auf der Karriereleiter weiter nach oben kommen. So begann ich mit 49 Jahren die Meisterausbildung in Teilzeit.

Bonda: Als mir die Meisterausbildung angeboten wurde, habe ich das Angebot wahrgenommen. Es war (und ist) eine Weiterbildung, in der man sich neue Wege öffnen kann.

Wie haben Sie die Meisterausbildung erlebt?

Wilberg: Am Anfang ist mir das Lernen sehr schwer gefallen. Wenn man über 30 Jahre aus der Schule ist, muss man es erst wieder einüben. Mathematik, Physik und Chemie waren bis dahin nicht in meinem alltäglichen Gebrauch. Aber in diesem Alter hat man auch gelernt auf die Zähne zu beißen und zu kämpfen. In der Teilzeit-Meisterausbildung hatten wir einen starken Klassenverband. Ich habe viele tolle Menschen, Lehrer und Schulkollegen, getroffen, die mir geholfen haben. Es war eine sehr gute Zeit in Gernsbach, die ich nicht mehr missen möchte.

Bonda: Die Ausbildung, die ich in Vollzeit erleben durfte, war sehr gut. Am Anfang hat man noch niemanden gekannt, aber nach und nach wurden der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den anderen Schülern besser und besser. Wir haben zusammen gelernt, gegrillt und auch gefeiert. Das Verhältnis zu den Lehrern an der Schule war ebenfalls sehr gut. Es war ein schönes Jahr.

Wie beurteilen Sie die Arbeit in Projekten und das Schreiben der Meisterarbeit?

Wilberg: Ich arbeite gerne in Projekten, es macht mir Spaß mit mehreren Menschen etwas zusammen auszuarbeiten. Die Meisterarbeit zu schreiben ist die Kür bei der Meisterausbildung. Mir ist es nicht schwer gefallen, da ich durch meine berufliche Tätigkeit in die fachliche Thematik voll involviert war.

Bonda: Während der Meisterausbildung haben wir verschiedene Werkzeuge kennen gelernt, wie man am besten ein Projekt durchführt oder eine Präsentation erstellt und auch vorträgt. Bei der Meisterarbeit ist es natürlich am besten, man sucht sich ein Thema, das im eigenen Arbeitsbereich liegt und bei dem man beteiligt war. In Zusammenarbeit mit dem Betrieb und den Lehrern an der Schule stellt die Meisterarbeit eigentlich kein Problem dar. Das große „Problem“ ist eher die Präsentation. So etwas liegt nicht jedem und das Lampenfieber holt einen schnell ein, auch wenn man Übung hat. Andere Projekte in Zusammenarbeit mit den Klassenkameraden waren auch kein Problem. Jeder hat jedem in irgendeiner Art und Weise geholfen.

Wie schätzen Sie den Praxisbezug der Meisterausbildung ein?

Wilberg: Die vermittelten Fachkenntnisse sind auf dem neuesten Stand und können in der Praxis gut umgesetzt werden. Die Lehrerinnen und Lehrer an der Schule haben ein sehr gutes Fachwissen und sind sehr gut ausgebildet.

Bonda: Das kommt natürlich auch darauf an, in welchem Bereich man später eingesetzt wird. Als ich in der Technologie mitgearbeitet habe, habe ich andere Fertigkeiten gebraucht, genutzt und auch erlernt als jetzt auf Schicht. Man kann in vielen Bereichen verschiedene Fertigkeiten, die man während der Ausbildung erlernt hat, einsetzen, ergänzen und weitere Erfahrungen sammeln. Es lässt sich nicht pauschal sagen, was man brauchen kann und was nicht.

Was hat Ihnen die Ausbildung zum Meister gebracht?

Wilberg: Sie hat mich in meiner Persönlichkeit weitergebracht. Außerdem konnte ich mich in meinem Beruf weiterentwickeln und verändern. Mit 52 Jahren habe ich noch eine neue Tätigkeit übernommen. Bei Pfleiderer in Teisnach bin ich sehr herzlich aufgenommen worden und dort kann ich mich kreativ und engagiert einbringen. Seit September 2014 bin ich Ausbilder für unsere Papiertechnologen, was mir sehr viel Spaß macht. Ich arbeite gerne mit jüngeren Menschen zusammen, weil man voneinander lernen kann.

Bonda: Im Betrieb habe ich die Stelle als Schicht-Werkführer übertragen bekommen. Neben dem Fachwissen hat man auch anderes gelernt. Nicht nur Kameradschaftlichkeit, sondern auch, wie man mit verschiedenen Personentypen umgeht. Wie Projekte erstellt und durchgeführt werden. Wie man Probleme angeht und auch lösen kann.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf besonders?

Wilberg: Die Abwechslung. Jeden Tag gibt es etwas Anderes, Neues zu tun. Des Weiteren macht es mir viel Spaß mit Menschen in einem Team zu arbeiten und mein Wissen an junge Menschen weiterzugeben.

Bonda: Ganz klar die Abwechslung. An jedem Arbeitstag treten verschiedene Probleme und Situationen auf, die gelöst werden müssen. Auch die Arbeit mit den verschiedenen Charakteren im Betrieb ist eine Herausforderung. Nicht alle Mitarbeiter sind gleich und je nach Situation müssen verschiedene Lösungswege angewandt werden.

Endet aus Ihrer Sicht mit dem Meisterabschluss das Lernen?

Wilberg: Ich denke, man lernt das ganze Leben. Das vermittle ich auch unseren Auszubildenden. Ich habe in der neuen Firma wieder alles von vorne lernen müssen. Früher habe ich ja bei einem Papierveredler gearbeitet und jetzt bei einem Papiererzeuger. Das hat mir aber nichts ausgemacht. Geholfen hat mir sicher auch, dass es mir als Rheinländer leicht fällt, auf andere Menschen zuzugehen.

Bonda: Auf gar keinen Fall endet das Lernen nach der Ausbildung. Mit der Meisterausbildung wird man gut für die Rolle eines Vorgesetzten ausgebildet. Im Betrieb selber beziehungsweise als Vorgesetzter lernt man dann weiter mit verschiedenen Gegebenheiten umzugehen und sammelt Erfahrungen. Man lernt nie aus.