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Junge Menschen zum Ziel begleiten

Als Bergführer, der junge Menschen zu ihrem Ziel führt, so verstand Franz Prechl seine Tätigkeit als Hausleiter im Papierzentrum Gernsbach. Nach sechzehn Jahren ist er Ende 2010 in den Ruhestand gegangen.

Eigentlich hatte er immer bis 65 arbeiten wollen, sagte Franz Prechl im letzten Jahr. Aber dann ging es ihm gesundheitlich doch schlechter, und er entschloss sich, zum Jahresende 2010 aufzuhören. Sechzehn Jahre übte er, zusammen mit seiner Frau, die Hausleitung im Papierzentrum aus. Viele Jahrgänge von Auszubildenden und Meistern haben ihn als Ansprechpartner und pädagogische Fachkraft erlebt, seine warmherzige, direkte Art, sein kräftiges Lachen und seinen Humor kennen gelernt. Er war Ansprechpartner für Auszubildende und Meisterschüler, Kontaktperson für Ausbilder, verwirklichte neue pädagogische Konzepte und sorgte zusammen mit seiner Frau dafür, dass sich die Gäste im Papierzentrum wohl fühlten. Im Interview mit Papier + Technik schildert er seinen Berufsweg, sein pädagogisches Verständnis und blickt auf Schwerpunkte seiner Tätigkeit zurück.

Herr Prechl, wie begann Ihr Berufsweg und wie kamen Sie zur Pädagogik?

Ich habe ein Handwerk gelernt, Elektroinstallateur. Und diese Ausbildung hat mich entscheidend geprägt. Ich hatte das Glück, einen Lehrmeister zu haben, der viel Wert auf Regeln und Normen gelegt hat, die mir bei meiner Arbeit wichtig sind, zum Beispiel Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Genauigkeit und Zielstrebigkeit. Dabei war er aber gerecht, glaubwürdig, vertrauenswürdig und berechenbar. Es war sicher auch die damalige Art der Erziehung, es gab eindeutige Anweisungen, es wurde nicht drum herum geredet. Aber auch Kompromisse mussten gefunden werden. All diese Regeln versuchte ich auch bei meiner Arbeit als Hausleiter zu beherzigen.

Dabei musste ich immer vor Augen haben, dass es sich bei unseren Auszubildenden vor allen Dingen um Jugendliche handelt, die sich in der Pubertät befinden mit allen dadurch bedingten Schwankungen in ihrem Gefühlsleben, sie sind oftmals nicht berechenbar. Es kann zu heftigen Reaktionen, zu Aggressivität kommen als Reaktion auf scheinbar ungerechtfertigte Kritik. Meine Aufgabe war auch das Besänftigen, im Gespräch Ruhe und Einsicht herzustellen. Das Eigentliche und Entscheidende ist, man muss Menschen mögen, wahrnehmen und ernst nehmen! Intuition, Empathie und Ideen zur richtigen Zeit sind wichtige Voraussetzungen um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Auch Vorbild sein gehört zum Rollenbild des Hausleiters.

Als Jugendlicher war ich bei den Pfadfindern, war Stammesleiter, habe Gruppen geführt – ohne damals zu wissen, wie wichtig dies für meinen späteren Beruf werden würde. Danach gab es verschiedene Zwischenstationen. Zum Beispiel habe ich auch Kinder- und Jugendtheater gemacht und in Weil im Schönbuch vor fast 30 Jahren eine Laien-Theatergruppe, die Schönbuch-Bühne, gegründet, die es heute noch gibt.

Aber Sie haben dann doch einen „bürgerlichen“ Beruf ergriffen?

Ja, zusammen mit meiner Frau habe ich dann viele Jahre ein Familienferiendorf am Bodensee geleitet. In der Saison, sie ging von Februar bis November, haben wir ein vielfältiges Angebot auf die Beine gestellt, und den Winter dann für Fort- und Weiterbildung genutzt. Es war eine sehr, sehr gute Zeit, geprägt von Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaftskreisen.

Dann haben Sie sich aber in Gernsbach beworben?

Wir hatten uns gerade entschieden, am Bodensee ein Haus zu kaufen, als wir die Anzeige sahen, dass im Papierzentrum ein Ehepaar für die Hausleitung gesucht wurde. Als wir dann zum ersten Mal hierher gekommen sind, hatte ich die wild-romantische Vorstellung, das Papierzentrum ist am Waldrand gelegen, vielleicht eine ehemalige Sägemühle. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde in Gernsbach gesucht, weil ich immer an Bachläufen und am Waldrand entlang gefahren bin.

In den sechzehn Jahren Ihrer Tätigkeit haben Sie einiges neu eingeführt.

1996 zum Beispiel das Wohninsel-Konzept. Acht Stockwerkshälften wurden zu jeweils einer Wohngemeinschaft, deren Bewohner für ihre „Wohninsel“ verantwortlich sind. Die Auszubildenden sollen lernen ein Team zu bilden, Konsens zu üben, zu kommunizieren und dadurch das Zusammenleben vereinfachen. Neu ist auch das Mädchen-Haus. Als ich hier angefangen habe, gab es nur alle zwei Jahre ein Mädchen als Auszubildende. Heute sind es ungefähr 50 von 600, also knappe zehn Prozent. Die Qualität unserer Verpflegungsleistungen haben wir deutlich gesteigert durch Veränderungen im Einkauf und in der Organisation, auch mit der Auswahl eines neuen Küchenchefs, Herrn Karlheinz Köninger, der jetzt auch schon 14 Jahre bei uns ist. Das Essen spielt in einem Haus wie unserem eine große Rolle.

Was war Ihnen bei Ihrer Tätigkeit am wichtigsten?

Als ich hier anfing, habe ich mir gesagt: Eigentlich bin ich ein Bergführer, ein Begleiter, der junge Menschen zu einem Ziel führen will. Da gibt’s Unwägbarkeiten, Hindernisse, Fehlentwicklungen, die es zu korrigieren gilt, man muss auch mal jemanden anstoßen und über eine Hürde heben, so habe ich meine Aufgabe hier verstanden. Auszubildende an die Hand zu nehmen, sie zu unterstützen und in ihrer Entwicklung voranzubringen.

Sie haben auch besondere Projekte angeregt …

Zum Beispiel die Ausgestaltung einer sozialpädagogischen Woche zusammen mit unseren sozialpädagogischen Betreuern, Herrn Udo Rothenberger und Herrn Klaus Sparn. Da haben wir drei kulturhistorische, landschaftsprägende Heuhütten wieder instand gesetzt und entlang eines Panoramawaldweges Bäume und Wildwuchs entfernt, so dass Naturfreunde wieder freien Blick auf die herrliche Landschaft des Schwarzwaldes haben. 50 Auszubildende haben den ganzen Weg neu eingeschottert und Bänke aufgestellt. Als ich später mehr Verwaltungsaufgaben übernahm mit weniger direktem Kontakt zu den Azubis habe ich immer noch die Meister betreut. Im fachlichen Bereich konnte ich sie nicht unterstützen, aber im menschlichen. Das war mir wichtig.

Und was haben Sie am liebsten gemacht?

Gebaut. Das war eine weitere meiner Aufgaben. Ich hatte ja ein Handwerk gelernt. Ich habe die Neu-, Um- und Anbauten im Papierzentrum begleitet und koordiniert. Die Teilhabe an der Entwicklung und Gestaltung des PZ war eine spannende Aufgabe als Teil meiner Arbeit.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?

Zeit haben zum Malen, Bildhauern, Lesen, Musik hören, mit dem Rollstuhl in den Wald fahren – ich bekomme einen neuen, der geländegängig ist. Fehlen wird mir der Kontakt zu den Azubis, den Meisterschülern, den Stammgästen, aber vor allem zu den Mitarbeitern. Die Loyalität der Mitarbeiter, die Nähe zu den Vorgesetzten war schon etwas Besonderes. Auch der Kontakt zu den Ausbildungsverantwortlichen und den Personalverantwortlichen in den Betrieben. Zu manchen verbindet mich Freundschaft nach so vielen Jahren.

Herr Thomas Müller, welcher bisher schon für den Ausbildungsbereich im Bildungswerk zuständig war, wird insgesamt diesen Bereich leiten. Daneben übernehmen Herr Rothenberger und Herr Sparn zusätzlich zu ihrer bisherigen Tätigkeit Aufgaben bei der unmittelbaren Betreuung der Auszubildenden. Soweit es um Unterkunft, Verpflegung und Organisatorisches im Haus geht, wird meine Frau zuständig sein. Das Interview führte Verena Manek