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Industriestrom wird viel teurer

Die Stromkosten für Papierfabriken steigen in den kommenden 14 Jahren um bis zu 80 Prozent. Diese alarmierenden Zahlen ergeben sich aus einer Studie der Technischen Universität Berlin in Verbindung mit typischen Energie-Eckdaten der Papierindustrie.

Markus Erlewein

Die Studie „Kosten des Ausbaus der erneuerbaren Energien“ hatten mehrere bayerische Wirtschaftsverbände (vbw, BayPapier, VCI Bayern und VBEW) bei Prof. Dr. Georg Erdmann, Technische Universität Berlin, in Auftrag gegeben. Ziel der Studie war zu ermitteln, in welcher Höhe zusätzliche Energiekosten bis zum Jahr 2030 entstehen werden durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien entsprechend dem Energiekonzept der Bundesregierung 2010 und den energiepolitischen Gesetzesänderungen im Juli 2011. Ergebnis der Studie: Die gesamten Zusatzkosten durch das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) zwischen 2010 und 2030 belaufen sich auf 335 Milliarden Euro. Die EEG-Umlage wird auf bis zu sechs Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) im Jahr 2025 ansteigen, was einem jährlichen Anstieg um 3,8 Prozent entspricht. Dazu kommen Zusatzkosten für den Netzausbau von 2,5 ct/kWh. Das erklärte Ziel der Bundesregierung, die EEG-Umlage und damit die Kosten für die Verbraucher nicht über 3,5 ct/kWh ansteigen zu lassen, wird weit verfehlt.

Exemplarisch für drei Papierfabriken berechnet
Die Bayerischen Papierverbände haben die Auswirkungen exemplarisch für drei Papierfabriken berechnet mit einem Stromverbrauch von 8,80 bis 250 Millionen kWh. Dabei haben sie je zwei Fälle untersucht: ein Verhältnis Stromkosten zu Bruttowertschöpfung (BWS) von 15 Prozent und von zehn Prozent. Im ersten Fall findet auf Basis der „besonderen Ausgleichsregelung“ der Paragraphen 40ff EEG eine ermäßigte EEG-Umlage Anwendung, im zweiten Fall die volle Umlage.

Für Unternehmen mit 15 Prozent Stromkosten/BWS betragen die zu erwartenden Kostensteigerungen zwischen 42 und 78 Prozent. Durch eine zum 1. Januar 2012 in Kraft tretende Gesetzesänderung kann die kleine Papierfabrik erstmals von der besonderen Ausgleichsregelung profitieren und muss auch im Jahr 2025 weniger EEG-Umlage entrichten als heute. Ihre Kostensteigerung beträgt „nur“ 42 Prozent. Für die mittelgroße Papierfabrik wird der fremdbezogene Strom um 78 Prozent teurer, für die große Papierfabrik um 74 Prozent. Die Zusammensetzung der Kosten ist aus Abb. 1 ersichtlich.

Für Unternehmen mit zehn Prozent Stromkosten/BWS verteuert sich der Strombezug um 73 bis 80 Prozent. Hauptleidtragende ist hier die kleine Papierfabrik mit 80 Prozent Kostensteigerung. Die mittelgroße Papierfabrik muss mit 75 Prozent höheren Stromkosten rechnen, die große Papierfabrik mit 73 Prozent.

Investitionen in Produktionsanlagen gefährdet
Im Jahr 2010 betrug der Strom-Fremdbezug der deutschen Papierindustrie 13,5 Milliarden kWh (Quelle: VDP). Bei Kostensteigerungen um durchschnittlich rund 75 Prozent summieren sich die Mehrkosten für den Strombezug auf rund 750 Millionen Euro jährlich. Ein Vergleich mit dem Investitionsvolumen der deutschen Papierindustrie im Jahr 2010 von insgesamt 580 Millionen Euro zeigt, dass die aktuelle Energiepolitik die Papierindustrie ihrer Zukunftschancen in Deutschland beraubt: Das Geld für den Bau von Wind- und Solarparks wird ihr für Investitionen in wettbewerbsfähige Produktionsanlagen fehlen. Um diese Fehlentwicklung aufzuhalten, ist es erforderlich, für energieintensive Unternehmen

· die Besondere Ausgleichsregelung im EEG unbedingt beizubehalten,

· die aufgrund ihres gleichmäßigen Verbrauchs netzstabilisierend wirkenden Papierfabriken von steigenden Netzentgelten weiter zu entlasten,

· den Anstieg der Stromkosten zu deckeln, um die strompreisbedingten Wettbewerbsnachteile durch den deutschen Sonderweg in der Energiepolitik nicht weiter zu verschärfen.

Diese Ergebnisse wollen die Verbände mit Nachdruck in die politische Diskussion einbringen.