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Für die Praxis gerüstet

Im vergangenen Jahr haben die ersten 18 Papieringenieure ihr Studium an der Berufsakademie Karlsruhe (BA) abgeschlossen. Inzwischen übernehmen sie sowohl technische als auch personelle Verantwortung in ihren Betrieben.

Torsten Klein

„Soweit wir das beurteilen können, liegt der Wissensschwerpunkt unseres Studiums deutlich verschoben in Richtung Praxis und Anwendung und erspart bei unseren zukünftigen Arbeitgebern einen gewissen Teil der Einarbeitungsphase“, so die Meinung eines Absolventen.

Allerdings verlangt der Abschluss von den Studenten auch großes Engagement, denn das dreijährige BA-Studium zum Diplomingenieur (BA) Papiertechnik ist ein ebenso kompaktes wie intensives Studium. Bei dem dualen System wechseln sich Theorie- und Praxisphasen in etwa dreimonatigen Blöcken ab, was ein tieferes Verständnis des Stoffes ermöglicht. So kann beispielsweise der komplexe Vorgang des Entfernens von Druckfarbe, nachdem der Student die Weißgradsteigerung in den Flotationszellen gesehen hat, einfacher nachvollzogen werden. Auch die Einflussparameter auf diesen Prozess versteht er leichter, weil er durch Messungen ein Gefühl für die Größenordnung entwickelt hat. Wesentlich einfacher ist auch eine theoretische Betrachtung der Entwässerungsvorgänge auf einer Siebpartie sowie deren Bauelemente, nachdem man den Blattbildungsprozess an der Papiermaschine beobachten konnte.

Praktische Ausbildung individuell geplant
Eine der Voraussetzungen, um ein BA-Studium zu beginnen, ist eine allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife. Für bereits in der Papierindustrie Tätige eröffnet das duale Studium die Möglichkeit, praxisnah einen Ingenieurabschluss zu erwerben. Mitarbeiter aus Unternehmen der Papierindustrie, die kein Abitur besaßen, mussten bisher neben einem Fortbildungsabschluss (etwa als Meister oder Techniker) eine Prüfung absolvieren. Seit Dezember 2005 hat das Land Baden-Württemberg die zusätzliche Hürde einer Aufnahmeprüfung gestrichen. Allerdings kommt dieser Weg wegen der hohen Anforderungen nur für wenige besonders hoch qualifizierte Mitarbeiter in Betracht.

Da es sich um ein duales Studium handelt, muss mit einer zugelassenen Firma, welche dem Studenten die praktische Ausbildung ermöglicht, ein Vertrag abgeschlossen werden. Die Praxisphasen werden vom Ausbildungsbetrieb nach einem Rahmenstudienplan gestaltet und fallen für jeden Studenten anders aus. Erfreulich ist, dass bei manchen Abschlussarbeiten durch Veränderungen an den Anlagen im Ausbildungsbetrieb jährliche Kosteneinsparungen bis in sechsstelliger Höhe möglich waren.

Viel Wissen in kurzer Zeit
Während der Theoriephasen gibt es vor- und nachmittägliche Pflichtvorlesungen entweder an der Berufsakademie Karlsruhe oder im Papierzentrum Gernsbach.

Da das Studium zum Großteil durch die Ausbildungsfirmen finanziert wird, ist die BA gehalten, möglichst viel Wissen in kurzer Zeit zu vermitteln. Weil es aber nicht möglich ist, sämtliche Inhalte eines Universitätsstudiums in nur sechs Semestern zu vermitteln, müssen Themen sorgfältig selektiert, gewichtet und schließlich komprimiert gelehrt werden. Dafür, dass diese Aufgabe gemeistert wird und auch für die Qualität der Vorlesungen sprechen Namen wie Prof. Dr. Schabel, Prof. Dr. Göttsching, Dr. Putz, Dr. Hamm, Dr. Möbius und Prof. Dr. Gruber, die während des Studiums die papierspezifischen Vorlesungen halten. Die grundlegenden Lehrinhalte wie Physik, Maschinenbau, Chemie, Mathematik und auch Betriebswirtschaftslehre (BWL) werden von Dozenten der Berufsakademie Karlsruhe vermittelt und weitere Dozenten aus der Papierindustrie sorgen für die nötige Praxisnähe in Bereichen wie Technische Prozesse, Automatisierungstechnik, Ausrüstung/Veredelung und Drucktechnik. Eine der größten Herausforderungen sind die Prüfungen zum Semesterende – komprimierte Wissensabfrage innerhalb kürzester Zeit.

Ideales Umfeld zum Lernen
Optimale Rahmenbedingungen erleichtern in den Theoriephasen das Lernen. So sind die Studenten im Papierzentrum Gernsbach (PZ) in Einzelzimmern untergebracht. In dem renovierten ehemaligen Seminarhotel befindet sich unter anderem auch einer der Vorlesungsräume. Zusätzlich wird in diesem Jahr das Haus „Pergamentum“ zu einem Seminarhaus mit Bibliothek umgebaut und hauptsächlich der Berufsakademie zur Verfügung gestellt.

Außerhalb der Vorlesungszeit lebt man hier wie in einem Studentenwohnheim. Es werden Lerngemeinschaften gebildet und die gemeinsame Freizeitgestaltung führt zu einem starken Zusammenhalt der Gruppe und zu engen Freundschaften. Auch in der Freizeit dreht sich vieles um das Thema Papier: Der APV (Akademischer Papierverein) Karlsruhe organisiert Vorträge von Vertretern aus der Industrie, außerdem gibt es Verbindungen zu den Technischen Universitäten in Darmstadt, Dresden und Graz.