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Europa im Blick

Der Europäische Qualifikationsrahmen, kurz EQF, und das europäische Leistungspunktesystem für die Berufsbildung, ECVET, standen im Mittelpunkt der ersten gemeinsamen Konferenz der Berufsbildungsräte.

Stephan Meißner

Die Berufsbildungsräte sind besetzt mit Betriebsratsvorsitzenden und leitenden Kräften aus den Unternehmen sowie Vertretern der Tarifvertragsparteien. Ihre Aufgabe ist unter anderem die Durchsetzung von neuen Aus- und Weiterbildungswegen und -inhalten bei einschlägigen Gesetzgebungsvorhaben.

Gastgeber im IG-BCE-Verwaltungsgebäude in Hannover war Michael Vassiliadis, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und alternierender Vorsitzender aller Berufsbildungsräte der IG BCE.

In seinem Einführungsreferat verwies Michael Vassiliadis auf eine Studie zu Wachstumsdeterminanten in den OECD-Ländern. Die Unterschiede im Bruttosozialprodukt erklärten sich zu 46 Prozent aus dem Bildungsstand des jeweiligen Landes. Vassiliadis führte die bis zu 30 Prozent höhere Produktivität in Deutschland gegenüber Großbritannien und den USA auf den hohen Qualifikationsstand bei uns zurück. Tarifvereinbarungen zur Aus- und Weiterbildung seien somit im eigenen Interesse der Industrie. EQF (European Qualification Framework) und ECVET (European Credit Transfer System for Vocational Education and Training) seien von den Tarifvertragsparteien offensiv als neue Möglichkeiten zu begreifen, die Bildungslandschaft zu modernisieren.

Der EQF ist ein Bewertungsrahmen, welcher nach seiner Verabschiedung in einen nationalen Qualifikationsrahmen umgesetzt wird. Er unterscheidet acht Stufen durch unterschiedliche Ausprägung von drei Deskriptoren. Dies sind Kenntnisse (Theorie und / oder Fachwissen), Fertigkeiten (kognitive und praktische) und Kompetenz (Übernahme von Verantwortung und Selbständigkeit). Der ECVET legt hierzu Bewertungs- (Kredit-) Punkte fest.

Ziele von EQF und ECVET sind die Mobilität der Arbeitnehmer bei den Aus- und Weiterbildungswegen in Europa, die Schaffung der Vergleichbarkeit von Qualifikationen und die Durchlässigkeit bei der Höherqualifizierung.

Wie sich nach den grundlegenden Ausführungen von Frank Czichos, IG BCE und von Dr. Winfried Heidemann, Hans-Böckler-Stiftung, ergab, waren sich die Teilnehmer der Tagung einig über die Verfolgung dieser Ziele und legten besonderen Wert darauf, dass dabei das Bewertungssystem für die Hochschulausbildung ECTS – European Credit Transfer System mit dem ECVET harmonisiert werden müsse. Ansonsten bleibe alles Stückwerk.

Hans-Günther Glass vom Bundesarbeitgeberverband Chemie betonte in seinem Vortrag besonders, dass man bei dem neuen System keinen Bürokratismus zulassen dürfe. Dies gelte gerade bei der Erarbeitung der Qualifikationseinheiten, welche modulartig aufeinander aufbauen können. Dies dürfe keinesfalls zur Auflösung des Berufsprinzips führen. Aus seinen Ausführungen wurde deutlich, dass durch die neuen Bewertungen der Tätigkeiten letztlich Auswirkungen auf die Beschreibung von künftigen tariflichen Entgeltgruppen in der Industrie zu erwarten sind. Erforderliche Qualifikationen werden danach geprägt durch Breite und Schwierigkeitsgrad der Arbeitsaufgaben, das Niveau methodisch-analytischen Arbeitens und Kommunizierens, durch den Grad der Selbständigkeit bei Planungs- und Ausführungsprozessen, durch die erforderliche Führungs- und Kooperationsfähigkeit sowie die Fähigkeit, sich aufgrund der fachlich-inhaltlichen, organisatorischen und sozialen Veränderungen neues Wissen anzueignen.

Für die Papierindustrie behandelte Stephan Meißner die Anforderungen an die Akteure durch die Europäisierung der Berufsausbildung. Aufgrund der guten Zusammenarbeit mit dem Sozialpartner gerade bei der Überarbeitung der Ausbildungsordnung für den Papiertechnologen und der neuen Prüfungsordnung für den Meister Papiertechnik zeigte er sich überzeugt, dass man auch bei diesem Vorhaben im Interesse der Betriebe und Mitarbeiter an einem Strang ziehen werde.

Neben den notwendigen Neuerungen müsse jedoch gleichzeitig darauf geachtet werden, dass die Vorteile des dualen Systems und der Meisterausbildung nicht auf der Strecke bleiben. Die meisten europäischen Staaten hätten gerade nicht diese Ausbildungsmöglichkeiten. Diese seien jedoch die Gründe für den internationalen Qualifikations-, Produktivitäts- und Wettbewerbsvorteil der deutschen Papierindustrie.

In die Berufsbildungsrätekonferenz war eine Ausstellung mit der Präsentation von besonders ausgezeichneten Aus- und Weiterbildungskonzepten in der chemischen Industrie eingebunden. Zum einen geht es darum, junge Leute durch entsprechende Motivation und Schulung in die Lage zu versetzen, einen Ausbildungsplatz überhaupt zu erhalten. Andererseits sollen die Mitarbeiter im Betrieb für die Aufgaben der Zukunft qualifiziert werden. In Anbetracht der demografischen Entwicklung ist dies ein Zukunftsthema, gerade wenn in wenigen Jahren überall Nachwuchskräfte fehlen werden und die lebenslange Weiterbildung älterer Arbeitnehmer zur Daueraufgabe wird.