Archiv Forum Bildung

Betriebsnäher und individueller

Die Anforderungen an die Facharbeiter und Facharbeiterinnen in der Papier erzeugenden Industrie haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Dementsprechend ist die Ausbildungsregelung für die Branche zum 1. August 2010 neu geordnet worden.

Thomas Müller

Mit der Neuordnung wird der gestiegenen Bedeutung der technologischen Prozessorientierung sowie der Forderung der Industrie nach einer Flexibilisierung der Ausbildungsordnung Rechnung getragen. Darüber hinaus wird das Themenfeld Instandhaltung stärker in der Ausbildung berücksichtigt.

Die Verfahrenstechnik der Papiererzeugung bildet weiterhin die Kernkompetenz der Tätigkeit eines Papiertechnologen. Auf Grund der technologischen und organisatorischen Veränderungen in den Fabriken rücken Themen wie Mess- und Regeltechnik, Prozessleittechnik sowie die vorbeugende Instandhaltung jedoch zunehmend in den Vordergrund. Aber auch andere Kompetenzen, insbesondere Teamarbeit, sind notwendig, um die Abläufe sicherzustellen und bei Störung gezielt Maßnahmen zu deren Behebung einleiten zu können. Dabei wächst in einigen Unternehmen die Anforderung an die Mitarbeiterinnen und die Mitarbeiter, in der Produktion kleinere Instandsetzungsarbeiten und vor allem Überwachungsarbeiten (Inspektionen) auch selbstständig durchführen zu können.

Auf Grund dieser sich rasch veränderten Anforderungen, entschloss sich die Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie (VAP) zusammen mit der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) einen Antrag auf Evaluation der Ausbildungsordnung zu stellen. Bei der Evaluation ging es darum, durch eine Untersuchung in zehn Unternehmen festzustellen, ob die Ausbildung des Facharbeiters den aktuellen Anforderungen der Industrie entspricht. Die wichtigsten Ergebnisse der Evaluation waren:

1. Zunahme der Bedeutung von Mess-, Regel- und Steuerungstechnik

2. Verfahrenskenntnisse haben teilweise weiter hohe Bedeutung, insbesondere bei hoch spezialisierten Unternehmen

3. Zunahme produktionsintegrierter/vorbeugender Instandhaltung

4. Passgenauere Flexibilisierungen notwendig

5. Bessere Kommunikation zwischen Papiertechnologen und Instandhaltung notwendig

Auf der Basis dieses Ergebnisses beantragten die VAP und die IG BCE die Neuordnung der Ausbildung des Papiertechnologen. Diese wurde in den Jahren 2009 und 2010 unter Beteiligung zahlreicher Sachverständiger aus der Industrie durchgeführt.

Die Ziele der Neuordnung waren:

· Kompetenzerweiterung Mess-, Regel- und Steuerungstechnik

· Beibehaltung einer breiten fachlichen Grundkompetenz

· Mehr Flexibilität für die Betriebe (Instandhaltung/Produktion)

· Beibehaltung der Arbeitsmarktrelevanz des Berufs

· Steigerung der sozialen Kompetenz

· Bessere Nachwuchsgewinnungsmöglichkeiten

Innerhalb eines Zeitraums von 15 Monaten fanden unter Federführung des Bundesinstituts für Berufsbildung zahlreiche Sitzungen der Sachverständigen statt, in denen die Ausbildungsordnung wie folgt gestaltet wurde:

Neue Struktur und veränderte Inhalte
Der neue Ausbildungsberuf Papiertechnologe/-in hat seit 1. August 2010 alle bisherigen Regelungen zum aktuellen Ausbildungsberuf ersetzt.

Schulischer Rahmenlehrplan: Der Stundenplan der Papiertechnologen ist für alle Auszubildenden an den Schulen in Gernsbach und Altenburg gleich. Die Lernfelder wurden aktualisiert und den neuen Anforderungen des Berufs angepasst.

Betrieblicher Ausbildungsrahmenplan: Die ersten zweieinhalb Jahre durchlaufen die Papiertechnologen die gleiche Ausbildung. Schwerpunkte der ersten eineinhalb Jahre der Ausbildung sind die Themen Produktion, Rohfaser- und Hilfsstoffe sowie Instandhaltung. Die Instandhaltung hat in der neuen Ausbildungsordnung einen höheren Stellenwert erhalten, da in vielen Betrieben kleinere Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten in zunehmenden Maßen auch von den Papiertechnologen erledigt werden. Nach der Abschlussprüfung Teil 1, welche die Inhalte der ersten 18 Monate der Ausbildung berücksichtigt, sind Produktion, Veredelung und Ausrüstung sowie Steuern und Regeln von Produktionsprozessen die Schwerpunkte.

Wahlqualifikationsbausteine: Zum Ende der Ausbildung ermöglicht eine sechsmonatige Vertiefungsphase, entsprechend den betrieblichen Erfordernissen und individuellen Neigungen des Auszubildenden, bestimmte In-halte zu vermitteln und so Flexibilität in der Ausbildung zu schaffen. Die Betriebe haben die Auswahl aus zwölf Qualifikationseinheiten, von denen zwei gewählt werden müssen.

Die Wahlqualifikationseinheiten sollen den Betrieben ermöglichen, z.B. den künftigen Facharbeiter in Verfahrenstechnik, Steuerungstechnik in der Instandhaltung oder in anderen Themenfeldern vertieft auszubilden – entscheidend ist dabei das künftige Einsatzgebiet des Facharbeiters. Nach Abschluss dieses Ausbildungsabschnittes schließt sich nach drei Jahren der zweite Teil der Abschlussprüfung an, welche letztendlich zum Facharbeiterbrief Papiertechnologe/-in (IHK) führt.

Handlungsorientierte Prüfungen: Die prozessorientierte Ausrichtung der Ausbildung spielt sich auch in der gestreckten Abschlussprüfung wieder, die in Zukunft noch stärker handlungsorientiert gestaltet wird. So ist im praktischen Teil der Abschlussprüfung im Rahmen einer Wahlqualifikationseinheit eine betriebliche, praktische Aufgabe durchzuführen, welche zu dokumentieren und zu präsentieren ist. Im Rahmen des anschließenden Fachgesprächs sind weitergehende Fragen zu beantworten.

Die Zwischenprüfung entfällt, da das Modell der gestreckten Abschlussprüfung gewählt wurde. Dies bedeutet, dass die Abschlussprüfung auf zwei Prüfungstermine aufgeteilt wird: Die Abschlussprüfung Teil 1, die sich auf die ersten 18 Monate der Ausbildung erstreckt und mit 30 Prozent gewichtet wird sowie die Abschlussprüfung Teil 2, die sich auf alle Ausbildungsinhalte erstreckt und mit 70 Prozent gewichtet wird.

Die Papier erzeugende Industrie verfügt somit über einen flexiblen neuen Ausbildungsberuf. Dessen Kernelemente sind:

· Steuern und Regeln: weitergehende Kompetenzen, mehr Selbstständigkeit

· Monoberuf mit Wahlqualifikationseinheiten (halbes Jahr)

· Instandhaltung: stärkere Betonung der vorbeugenden Instandhaltung

· Gestreckte Abschlussprüfung

Auf diese Weise wird es den Betrieben ermöglicht betriebsnäher und individueller auszubilden, um den künftigen Facharbeiter optimal auf sein späteres Arbeitsumfeld vorbereiten zu können.