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Ausbildung im Alpenland

Seit 50 Jahren werden in Steyrermühl Fachkräfte für die Österreichische Papier- und Zellstoffindustrie ausgebildet. Mit innovativen Weiterbildungsangeboten will man auch in Zukunft den Anforderungen der Praxis gerecht werden.

Dr. Thomas B. Reisner

Bereits im Jahr 1952 wurde in Österreich der Lehrberuf des Papiermachers mit einer Lehrzeit von drei Jahren aus der Taufe gehoben. Im Jahr 1956 gründete die österreichische Papierindustrie den Schulverein, der seither die Geschicke des Ausbildungszentrums leitet. Die weiteren Schritte waren dann die Anerkennung des Öffentlichkeitsrechts für die Papiermacherschule und die Anerkennung des Lehrberufs der Papiermacher im Jahr 1961. Im Jahr 1967 begann man mit einem neuen Schwerpunkt der Aus- und Weiterbildung für Erwachsene, der 1985 in einer Werkmeisterausbildung endete, die 2001 in das österreichische Regelschulwesen übernommen wurde.

Als ein weiterer wesentlicher Schritt startete im Jahr 1984 der erste Fernlehrkurs mit dem Abschluss Papiertechniker. Dieses erfolgreiche Ausbildungsmodell auf dem „zweiten Bildungsweg“ brachte in der Zwischenzeit über 2000 Papiertechniker hervor.

Das ständig wachsende Ausbildungszentrum erforderte laufende Um- und Ausbauten, die im Jahr 1998 durch einen großen Erweiterungsbau abgeschlossen wurden.

Bewährte Ausbildungskonzepte
Obwohl die jetzt dreieinhalbjährige Papiertechnikerausbildung in der Zwischenzeit in die öffentliche Berufsschule nach Gmunden verlagert wurde, sind die Lehrkräfte des Ausbildungszentrums nach wie vor für die gesamte fachtechnische Ausbildung und die praktische Ausbildung in den Labors des Ausbildungszentrums verantwortlich. Da dieselben Lehrkräfte aber auch seit über 20 Jahren die Kursteilnehmer des Fernlehrkurses betreuen, ist sichergestellt, dass auch dort dieselben Lehrinhalte vermittelt werden wie in der dualen Ausbildung. Letztlich legen sowohl die Berufsschüler als auch die Fernlehrkursteilnehmer die Lehrabschlussprüfungen unter exakt gleichen Bedingungen im Ausbildungszentrum ab.

Für die Meisterausbildung entwickelte man in Steyrermühl ein modulares Konzept, das den Teilnehmern auch die Möglichkeit gibt, die Meisterausbildung auf einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren aufzuteilen. Dies hat für die Meisterschüler den Vorteil, dass sie nicht mehr als 30 Wochen innerhalb eines Jahres entfernt von ihrer gewohnten Umgebung die Schulbank drücken müssen. Die Firmen profitieren davon, dass die Abwesenheitszyklen von meistens nur vier Wochen auf mehrere Jahre verteilt werden können. Von Anfang an wurde in der Meisterausbildung in Steyrermühl auch der Praxisbezug dadurch gewährleistet, dass die Absolventen eine Meisterarbeit abzuliefern hatten, die eine Problemstellung aus ihrem unmittelbaren Arbeitsumfeld behandelte. Die Prüfungskommissionen, die sich neben den Betreuungslehrern des Ausbildungszentrums aus Vertretern der Industrie zusammensetzen, haben wiederholt die hervorragende Qualität dieser Meisterarbeiten gewürdigt, die manchmal sogar das Niveau von Diplomarbeiten an Hochschulen erreicht haben.

Ein weiteres Ausbildungsfeld, das man zwischenzeitlich bereits zu einem Teil des Kerngeschäfts des Ausbildungszentrums zählen kann, ist die Kraftwerkerausbildung. Ursprünglich entstanden aus der Tatsache, dass es für das in der Papierindustrie tätige Kraftwerkspersonal in Österreich keine Ausbildungsmöglichkeit gab, begann man 1998 mit der Ausbildung von Betriebswärtern für Dampfturbinen und Dampfkessel speziell für die Papierindustrie. In Zusammenarbeit mit der Kraftwerksschule Essen wurde aber auch erstmalig in Österreich die Ausbildung zum geprüften Kraftwerker angeboten.

Neben den oben erwähnten Ausbildungsmöglichkeiten nimmt natürlich auch die Weiterbildung für die Mitarbeiter der Zellstoff- und Papierindustrie großen Raum im Angebot des Ausbildungszentrums ein. Angefangen von Überblickskursen wie „Vom Holz zum Papier“ über Seminare für Fachenglisch bis hin zu technischen Fachkursen für Hochschulabsolventen.

Mit Weiterbildung die Zukunft sichern
Auf das Ausbildungszentrum kommen neue Anforderungen zu:

· Die Zahl der Beschäftigten in der Papierindustrie wird sinken.

· Von den immer weniger werdenden Mitarbeitern im produzierenden Bereich werden jedoch immer mehr Kompetenzen – nicht nur in fachlicher Richtung – verlangt.

· In den kommenden Jahren werden nicht genügend qualifizierte Schulabsolventen zum Eintritt in die Papiertechnikerlehre zur Verfügung stehen.

· Es wird zunehmend „maßgeschneiderte Ausbildung“, möglichst in den Werken, verlangt.

· Es werden auch Kurse aus dem Ausland angefragt, die in englischer Sprache oder mit Dolmetschern abgewickelt werden müssen.

All das wird eine Neuorientierung notwendig machen. Nur mit neuen Lern- und Lehrmethoden wird es möglich sein, diese zunehmenden Anforderungen zu erfüllen. Ein Projekt in dieser Richtung ist das erfreulicherweise mit EU-Fondsmitteln (Leonardo) geförderte Multi-Media-Projekt „PAPER TRAIN”. Hier werden gemeinsam mit der VAPA in Holland und dem Papierzentrum Gernsbach etwa 40 multimediale Weiterbildungsmodule entwickelt, die es ermöglichen werden, einen Teil der Aus- und Weiterbildung in die Werke in Form von „blended learning“ zu verlagern. Dies wird von den Lehrern in der Zukunft auch noch mehr Flexibilität verlangen. Denn zunehmend kommen auch Anfragen nicht nur aus den Nachbarländern, sondern es wurden auch bereits Kurse in Thailand, Südafrika, Israel und Ägypten abgehalten. Dies zeigt, dass sich das Aufgabengebiet des Ausbildungszentrums in den letzten 50 Jahren laufend gewandelt hat und sich auch in Zukunft – vielleicht noch schneller – wandeln wird.