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Potenzial Instandhaltung

Schon heute integriert die Automatisierungsplattform CPX von Festo Funktionen wie Diagnose, Condition Monitoring, Safety, elektrische und pneumatische Automatisierungstechnik. (Foto: Festo)

In Europa drückt bei den grafischen Papieren ein stagnierender Markt mit Überproduktion, und neue Papiermaschinen sind hier
die Ausnahme.

Auch deshalb werden Upgrades bzw. Instandhaltung und Wartung immer wichtiger, und hierbei zählt nicht nur die Hardware, sondern auch die betriebliche Organisation. Wenn neue Maschinen installiert werden, dann passiert das meist in den aufstrebenden Märkten Asiens. In Europa dominieren dagegen Upgrades, Erneuerungen und Service. Der Grund: Der europäische Markt grafischer Papiere ächzt unter einer Überproduktion. Aufwärts geht es noch bei Tissue und dank zunehmendem Online-Handel bei Karton und Wellpappe sowie Spezialpapieren.
Instandhaltung umfasst erst einmal einen technischen Aspekt. Ein wichtiges Schlagwort in der Instandhaltung ist bei Modernisierung auch die Steigerung der Energieeffzienz, denn über Veränderungen in der verfahrenstechnischen Auslegung kann der Kunde Geld sparen. „In einem Projekt ersetzten wir im Abwassermanagement Rückschlagklappen durch pneumatische Schieber. Das sparte circa zehn Prozent der Pumpenenergie“, berichtet Dr. Eckhard Roos, verantwortlich für das Management des Industriesegments Prozessindustrien bei der Festo AG & Co. KG, Esslingen. Weiteres Potenzial zum Kostensparen bringen dezentrale Automatisierungs- konzepte. So spart das Ansteuern von Prozessventilen durch Ventilinseln etwa 30 bis 40 Prozent der Kosten im Vergleich zu einer Ansteuerung über Einzelventile. „Es geht nicht darum, Anlagen 1:1 zu modernisieren, sondern bei Revamps clever mit neuen Technologien und Funktion zu automatisieren“, so Eckhard Roos.
Aber Instandhaltung und Wartung werden immer mehr zu einer Kommunikationsaufgabe. Speziell die situationsbezogene Wartung benötigt ständig aktuelle Daten über Komponentenverhalten und die Prozesse. „Ein wichtiger Aspekt ist der Einsatz von Feldknoten mit Diagnosefunktionen. Die Informationen helfen nicht nur, den Produktionsprozess zu optimieren, sondern auch die Instandhaltung“, so Eckhard Roos. Und hier kommt der Industrie 4.0-Aspekt mit herein, der darauf zielt, die Komponenten in der Feldebene mit einer Fülle von
Zusatzinformationen in das Automatisierungssystem zu integrieren. „Früher interessierte niemand, wie oft ein Ventil geschaltet wurde, heute geht die Information dazu bis ins Leitsystem für eine situationsbasierte Instandhaltung“, weiß Eckhard Roos. Und unter dem Konzept Industrie 4.0 gehört für ihn die Integration dazu. Das bedeutet etwa, dass sich ein neuer Sensor nach Installation selbstständig im Leitsystem anmeldet und integriert.

Monitoring mit Sensorknoten
Monitoring mittels Sensorknoten, das z.B. auch die Umgebungsbedingungen zusätzlich zur Gerätefunktion überwacht, bringt zuverlässigere Aussagen über das Ausfallverhalten der jeweiligen Komponenten. Damit kann man dem Kunden Wartungs- und Instandhaltungshinweise geben, in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen vor Ort und unter Umständen ungeplante Stillstände vermeiden. Letzteres ist gleichbedeutend mit höherer Produktivität. „Die Technik sonst ist weitgehend ausgereizt“, ist sich Eckhard Roos sicher.
Dem lang anhaltenden, rückläufigen Trend in der Produktion grafischer Papiere hatte die Führung in einem Miesbach-Unternehmen Rechnung getragen, als im März 1997 die traditionsreiche Papierfabrik PWA/SCA Miesbach nach fast 150 Jahren schloss. Damals starteten einige Mitarbeiter der betriebseigenen Technik der Papierfabrik mit der Neugründung eines auf Instandhaltung und Instandsetzung spezialisierten Unternehmens, die IDS Miesbach GmbH in Miesbach. Zentrales Anliegen war das Ineinandergreifen der verschiedenen Prozessautomatisierungen in die Instandhaltung wie auch die Automatisierung der Instandhaltungsaufgaben. Nach Ansicht von Rainer Joachim, Geschäftsführer von IDS Miesbach, erwarten viele Entscheider zu viel von der reinen Prozessautomatisierung: „Automatisierung heißt viele Aspekte verknüpfen. Und mit der Sicht auf Maschinenstillstandzeiten, Verfügbarkeiten und Personalsituation der Instandhaltung haben viele Firmen das meist zu eng gegriffen.“ Nach Meinung von Rainer Joachim muss bei jeder Automatisierung die betriebliche Organisation komplett neu überdacht werden. Dazu gehören die Struktur des Personals und klar definierte Anforderungsziele, bis hin zu einer Integration des Vertriebs. „Nur die Instandhaltung kann im Wesentlichen die Ausfallzeiten von Anlagen beeinflussen und muss bei der Betrachtung der Prozessautomatisierung an erster Stelle stehen. Sind Vertrieb und Produktion nicht in die Organisationsform und den Automatisierungsablauf der Instandhaltung eingebunden, können sehr schnell Ausfallkosten entstehen“, so Rainer Joachim. Ein vom Vertrieb erzwungener, um zwei Stunden verschobener Stillstand kann schnell zusätzliche Kosten von einigen 10 000 Euro erzeugen. Deshalb muss vor der Prozessautomatisierung der Instandhaltung eine Untersuchung der Betriebsorganisation und aller Einflüsse auf den Instandhalter stehen. Außerdem behindert eine Konkurrenz verschiedener Abteilungen eine effiziente Instandhaltung und verursacht zusätzliche Kosten.

Konsequenzen aus Produktionsrückgängen
Der Rückgang der Papierproduktion hat zusätzlich andere Konsequenzen. „Wir mussten umorganisieren, da wir uns bei der Auftragslage nicht in jedem Land ein komplettes Wartungs- und Instandhaltungsteam leisten konnten“, stellt Manfred Klitschke, Salesmanager bei ABB Instandhaltung GmbH, Frankfurt, fest. Um den Kunden dennoch einen optimalen Service bieten zu können, hat ABB vor sechs Jahren begonnen, sich ‚europäisch zusammenzuziehen‘. Dazu entstand im tschechischen Ostrawa das Zentrum für Europa und die Länder ums Mittelmeer und regionale Abteilungen in den einzelnen Ländern. Kleinere Upgrades und der allgemeine Service laufen über die regionalen Teams.
Ist ein Projekt komplexer, dann übernimmt die Abteilung in Ostrawa das zentrale Engineering. Dank ausreichender Manpower im Engineeringsbereich können hier effizient Lösungen entwickelt werden. „Wenn die Engineeringslösung erarbeitet ist, dann kommt das entsprechende Landesteam wieder dazu. Es wird ein lokaler Projektmanager bestimmt, allerdings bleibt die Verantwortung in Ostrawa“, beschreibt Manfred Klitschke das Verfahren. Für den Fall, dass in Ostrawa alle Mitarbeiter belegt sind, greift ABB europaweit auf geeignete Mitarbeiter zu. Aber auch, wenn in einem Land einmal nicht genug Manpower vorhanden ist, übernimmt Ostrawa die Leitung.

Umstieg auf Windows 7 notwendig
Einen technischen Trend sieht Manfred Klitschke für die kommenden zehn Jahre, auch unter dem Aspekt Industrie 4.0. „Bei der Control steht ein Upgrade auf Windows 7 an. Dabei reicht es nicht, nur ein neues Programm einzulesen, dazu braucht die Firma neue PCs, denn die alten schaffen es leistungsmäßig nicht mehr“, so Manfred Klitschke. Dazu kommt der Trend zu Remote-Serviceleistungen, denn dadurch kann der Papierhersteller die Belegschaft anders und effizienter einsetzen. Noch liegt viel Arbeit vor den Unternehmen, bis die Vision „Industrie 4.0“ Wirklichkeit wird, auch wenn bei ABB das Potenzial heute schon in vielen Teilaspekten erkennbar ist. Und das Konzept Industrie 4.0 dürfte dafür sorgen, dass einiges, was momentan noch wie ein Spiel aussieht, in der Instandhaltung anwendbar ist. Vorstellbar sind z.B. Webbrowser/Apps, die den Bediener über Smartphone oder Tablett alarmieren, wenn sich bei der Anlage ein Problem anfängt abzuzeichnen.

BS
Nachdruck aus Aktuelle Papier-Rundschau Nr. 07/2014