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Weltstars in der Wundertüte

Aufreißen, abziehen, einkleben: So lautet der Dreikampf in Kinder- und Wohnzimmern. Zur Fußball-WM 1974 gab Panini hierzulande den Anstoß für seine Kicker-Sticker. Seit Ende März dieses Jahres liegen die Tütchen mit fünf Bildern für die EM 2016 in den rund 70.000 Verkaufsstellen in Deutschland.

Gunnar von der Geest

Alle Männer, kleine sowie große, sind auch im 20. Jahrhundert noch passionierte Jäger und Sammler. Davon waren Giuseppe und Benito Panini überzeugt. Die beiden Brüder führten seit 1945 einen Zeitungsstand in der Altstadt von Modena. Der Laden lief ordentlich, aber reich werden konnten sie damit nicht. Dafür musste eine geniale Idee her – die Erfindung der Wundertüte. Mit unsichtbar verpackten Süßigkeiten fing alles an, ab 1961 gab das Brüderpaar dann Klebebilder der italienischen Fußball-Liga heraus. Die Tütchen kosteten anfangs zehn Lire und enthielten zwei Sticker. Erstaunlicherweise zierte das Titelbild des ersten Sammelheftes allerdings kein Landsmann, sondern Mittelfeldspieler Nils Liedholm. Der schwedische „Import“ kickte damals für den AC Mailand.

Ronaldo und die „Rumpelfüßler“

Ihr Erfolg machte die kreativen Kioskbesitzer quasi über Nacht zu wohlhabenden Unternehmern: Von der Saison 1961/62 verkauften sie drei Millionen Tüten, im folgenden Jahr waren es bereits 15 Millionen. Maßgeblichen Anteil an der einzigartigen Unternehmensgeschichte hatte Umberto Panini, der sich gemeinsam mit dem vierten Bruder Franco 1963 der Firma anschloss. Ingenieur Umberto, Ende 2013 im Alter von 83 Jahren als letzter Panini aus der Gründerzeit verstorben, konstruierte
eine mehrere Meter lange Misch- und Packmaschine. Diese „Fifimatic“, wie er das bis heute gut gehütete Betriebsgeheimnis nannte, verhindert nach
einem ausgeklügelten mathematischen Verfahren, dass zwei identische Bilder in eine Tüte gelangen können. „Wer Paninis sammelt, der lernt, dass alle Menschen gleich sind“, umschrieb er einst die Firmenphilosophie. Auch heute noch legt das Unternehmen großen Wert darauf, dem „Märchen“ zu widersprechen, die Bilder internationaler Topstars seien seltener im Umlauf als jene von unbekannten „Rumpelfüßlern“. Hermann Paul, Geschäftsführer der 1974 in Deutschland gegründeten Panini Verlags GmbH (Stuttgart), erklärt: „Wir wollen die Kinder nicht beschummeln. Sie sollen ihre Sammlungen ohne großen Aufwand komplettieren können.“ Auch deswegen könne man direkt bei Panini noch zwei Jahre später bis zu 50 fehlende Bilder nachbestellen.

Vor der WM in Mexiko 1970 wurden die bunten Kicker-Portraits erstmals international vertrieben, vier Jahre später waren sie zur Heim-WM auch in Deutschland erhältlich. Vollständige Alben – ohne größere Gebrauchsspuren wie Flecken oder verknickte Seiten – aus dieser Zeit wechseln in Sammlerkreisen gegenwärtig für mehrere hundert Euro den Besitzer.

Rekordzahlen verzeichnete das Unternehmen rund ums „Sommermärchen“ im Jahr 2006, als allein deutschlandweit 160 Millionen Tüten à fünf Abziehbilder über den Ladentisch gingen. Durchschnittlich besaß somit jeder Bundesbürger zehn Stück.

Fußballerischer Sachverstand

Seit Ende März 2016 ist die Stickersammlung zur diesjährigen EM in Frankreich in den bundesweit rund 70.000 Verkaufsstellen zu haben. Es ist die zehnte Panini-EM-Kollektion in Folge seit 1980. Noch lange bevor Bundestrainer Joachim Löw seine Entscheidung bekanntgab, hatte die Redaktion von Panini am Hauptsitz in Italien ihren fußballerischen Sachverstand in die Waagschale geworfen und sich bereits Ende Januar auf 20 Spieler als EM-Teilnehmer festgelegt. „Unsere Vorbereitungen für Frankreich fingen mit dem Abpfiff des Finales der Euro 2012 an. Denn wir beobachten frühzeitig potenzielle Teilnehmerländer und -spieler. Mit der Qualifikation der Teams nehmen wir dann so richtig Fahrt auf. Ein Jahr vor dem Turnier entwickeln wir das Produktdesign und fangen an, Spieler im EM-Trikot zu fotografieren oder uns von den Verbänden Bilddateien zuschicken zu lassen. Wir entscheiden uns dann für 20 Spieler pro Team, eine knifflige Aufgabe. In der heißen Phase im Januar nehmen wir dann letzte Änderungen vor und gehen dann im Februar in den Druck“, erklärt Fabrizzio Melegari, Group Publishing Director Collectibles & Sport Magazines bei Panini in Modena.

In Hochzeiten vor großen Turnieren produziert Panini mit rund 70 Mitarbeitern im Dreischichtbetrieb 21 Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. Maximal können so täglich sieben bis acht Millionen Tüten produziert und in mehr als 100 Länder verschickt werden.


Produktion von Stickerbögen am Panini-Hauptsitz Modena.